Express nach Paris Highspeed-Zug mit reichlich Verspätung

Er zuckelte mit Tempo 60 durch den Pfälzer Wald und traf mit 35 Minuten Verspätung auf dem Pariser Gare de l'Est ein: Der auf Tempo getrimmte ICE war auf seiner Premierenfahrt auf der neuen Hochgeschwindigkeitstrasse weniger spektakulär unterwegs als geplant.

Paris - "Die sitzen da jetzt alle ganz verkniffen hinter dem Lenkrad." Hartmut Mehdorn schmunzelte, als er im ICE von Frankfurt nach Paris gelassen ein Interview nach dem anderen gab. Als er bei Tempo 320 auf der Neubaustrecke im Osten Frankreichs aus dem Fenster blickte, sah er Autofahrer auf der Schnellstraße mit etwas mehr als Tempo 100 dahinschleichen. "Und die haben auch noch viel Geld dafür bezahlt." Allein wegen der teuren französischen Autobahngebühren ist die neue Schnellverbindung mit ICE- und TGV-Zügen schon konkurrenzfähig; 99 Euro kostet sie normal. Mit BahnCard wird es noch billiger, Sonderangebote gibt es auch, aber die sind meist noch schneller weg, als der TGV fährt.

Es kommt aber noch die Fahrzeit von gut vier Stunden dazu. Wenn auch die Premierenfahrt wegen der spektakulären Umstände eine halbe Stunde länger als im Fahrplan vorgesehen dauerte, so ist auch das Flugzeug zwischen Frankfurt oder Stuttgart nach Paris leicht zu toppen, wie jeder weiß, der einmal von Paris aus geflogen ist.

Auch wenn am Ende die Tour Mehdorn, den Prominenten und den meisten Wirtschaftsvertretern im Zug Spaß gemacht hatte - so richtig spektakulär wie von einigen erhofft, gestaltete sich die Paralleleinfahrt der beiden Züge aus Stuttgart und Frankfurt in die Gare de l'Est denn doch nicht. Sie trafen sich erst vier Kilometer vor dem Bahnhof, nachdem am östlichen Ende der Neubaustrecke alles noch ganz gut ausgesehen hatte.

TGV verbummelte sich

Da fädelte sich der ICE ein, und es sah fast aus wie an einer Kreuzung. Der von links gekommene TGV aus Stuttgart stand vor der Weiche und wartete. Doch dann verlor er irgendwie den Anschluss und musste eine langwierige Aufholjagd starten, die nur gelang, weil der ICE langsamer fuhr. Am Ende fuhren sie doch gleichzeitig in die Gleise der ehrwürdigen Gare de l'Est ein und wurden jubelnd begrüßt. Mehdorn sprach nicht nur deshalb, sondern auch wegen des stickigen, schwülen Wetters von einem "warmen Empfang".

Im Gespräch wiederholte er seine Klage über die jeweils länderspezifischen Zulassungsbestimmungen für Bahnfahrzeuge. "Ein kleines europäisches Trauerspiel" nannte das Mehdorn. "Wenn die deutschen Behörden ein französisches Flugzeug akzeptieren, warum nicht auch einen Schnellzug und umgekehrt?" 76 Millionen Euro haben allein die Umrüstungen und Zulassungen der fünf ICE-Züge gekostet.

Auch die Sängerin Patricia Kaas, die die Fahrgäste nach der Ankunft unterhielt, begrüßte, dass sie ihre Familie in der lothringisch-saarländischen Grenzregion jetzt öfter sehen könne. "Lange genug hat es ja gedauert" mit der Verwirklichung dieser Bahnverbindung.

Freundlich winkende Saarländer

In den ersten zweieinhalb Stunden hatten die rund 300 Fahrgäste nicht viel davon gemerkt: Der Premieren-ICE 13030 schaukelte gemütlich vor sich hin. Durch den Pfälzer Wald ging es häufig mit Tempo 60. Irgendwo im Saarland standen freundlich mit Peugeot-Fahnen wedelnde Menschen am Rand des Bahndamms. In Saarbrücken spielte nicht nur eine Blaskapelle auf dem Bahnsteig.

Auch 20 Gewerkschafter entrollten Transparente, mit denen sie gegen Personalabbau in der DB-Regio-Transportleitung protestierten. Die deutsch-französische Grenze wurde mit 40 Kilometer pro Stunde passiert, für die Passagiere gab es Champagner. Polizisten beider Länder kamen in Forbach an Bord.

Von Thomas Rietig, AP

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