Extremschwimmer Bruno Baumgartner Sehnsucht nach Meer

Ob Bodensee, Fehmarnbelt oder Ärmelkanal, Bruno Baumgartner sucht die großen Herausforderungen. Dabei hat der Extremschwimmer erst vor fünf Jahren richtig zu trainieren begonnen. Damals stand er vor seinem 40. Geburtstag - und zweifelte an seinem Leben.

Frank Wechsel / swim.de

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Als Bruno Baumgartner 40 Jahre alt wurde, brach in ihm eine kleine Welt zusammen. Der runde Geburtstag machte ihm Angst. Wer bin ich? Was mache ich hier? Wo gehe ich hin? Auf all diese Fragen wusste der Schweizer keine Antwort.

In den Monaten zuvor hatte er sich nicht wohlgefühlt. Die Arbeit als selbständiger IT-Berater belastete den gelernten Elektriker. Er hatte sich und seinen Körper vernachlässigt, lieber ferngesehen und Chips gegessen, als sich zu bewegen. Bei einer Größe von 1,83 Meter wog er an die 100 Kilogramm. Ihm fehlte Antrieb, ein Ziel, eine Herausforderung. Etwas, das ihm als nicht mehr ganz jungem Mann die eigene Tatkraft bewies.

Viele wählen in einer solchen Situation eine neue Liebe, Baumgartner auch. Er entschied sich für das Wasser, eine unbequeme Geliebte, aber eine, der er wohl den Rest seines Lebens treu sein wird. Seine kürzlich erschienene Biografie "Die unerklärliche Sucht nach Wasser" erzählt unterhaltsam und lehrreich, wie er erst als Erwachsener im mittleren Alter zum Schwimmen kam, wie er trainierte, um lange und auch in kaltem Wasser schwimmen zu können, was seitdem gutgelaufen ist und was nicht. Es ist eine Geschichte vom Siegen und vom Scheitern. Es ist die Geschichte einer Suche.

"Ich müsste sterben", sagt der heute 44-Jährige auf die Frage, was passieren muss, damit er das Schwimmen jemals wieder aufgibt. Im Wasser fühle er sich zu Hause. Sechsmal die Woche trainiert er. Sein Übergewicht ist Muskeln gewichen, das Gesicht unter den rotblonden Haaren wirkt kantig. Immer wieder stellt er sich neue, härtere Aufgaben. Der Ehrgeiz, mit dem er sich in die Fluten stürzte, wurde schnell belohnt, mit sportlichen Erfolgen und zunehmender Bekanntheit, auch wegen der Ziele, die er als Kraftproben wählte, immer unterstützt von seiner Frau.

Zweimal am Ärmelkanal gescheitert

2010 umrundete er Alcatraz und startete beim traditionellen Freiwasserschwimmen in der Bucht von San Francisco. 2011 belegte er beim Zürichsee-Marathon den vierten Platz bei den Männern ab 40, durchschwamm die Straße von Gibraltar und versuchte sich das erste Mal am Ärmelkanal.

2012 querte er Neuenburgersee, Thunersee, Brienzersee und Murtensee sowie als bislang Schnellster überhaupt den Fehmarnbelt, belegte beim Zürichsee-Marathon den ersten Platz und probierte sich ein zweites Mal am Ärmelkanal. 2013 schaffte er als Zweiter die Längsquerung des Bodensees und bewältigte die Zwei-Wegquerung des Thunersees. Eine beeindruckende Liste - doch all die Siege mildern nicht die Schmach seines Scheiterns am Ärmelkanal.

33 Kilometer sind es vom Ausgangspunkt in Dover bis Calais etwa, 33 Kilometer, die Baumgartner schon zweimal nicht geschafft hat. Die Kälte des Wassers, 16 Grad Celsius, die Übelkeit durch den hohen Salzgehalt, die Schulterschmerzen - vielleicht wollte er zu viel. Wellen, Wetter, Wind sind das eine. Dass andere ist er selbst, sein Körper, die Psyche. "Den Kanal muss man gemacht haben", sagt Baumgartner trotzdem. Es sei nicht das schwierigste Schwimmen, "aber es ist Kult". Er wird es wieder wagen.

Diana Nyad, Bruno Dobelmann, Christof Wandratsch, Kirsten Seidel - auch diese Extremsportler haben häufig erst im mittleren Erwachsenenalter zum Freiwasserschwimmen gefunden. Sie wollen sich selbst oder anderen etwas beweisen, indem sie besonders lange, mühsame oder exotische Strecken schwimmend zurücklegen. Auf den Fotos zu den Berichten sieht man oft nur ihren Kopf mit Badekappe aus den Wellen ragen. Das Meer droht die Menschen fast zu verschlingen, und wahrscheinlich geht es darum: eins zu sein mit der Umgebung, konzentriert auf den Moment, ganz bei sich. So wie früher als Kind.

"Es gibt keine Sportart, die einem so sehr das Gefühl vermittelt, Teil von etwas zu sein - beinahe nackt in diesem gewaltigen Element aufzugehen und mit ihm zu fließen", sagt Baumgartner. Als er im Dezember 2008 seit langem erstmals wieder im Schwimmbad war, mit 39, die gefürchtete 40 vor Augen, erinnerte ihn der Geruch, die Umgebung und die vertrauten Bewegungen an die Zeit als Junge, als er mit seinem Vater durch Flüsse, Wellen und Brandungen tobte, an die Nachmittage im Freibad, die er fast gänzlich im Becken verbrachte. Leicht und geborgen fühlte sich das an.

"Viele blockieren ihre Träume"

"Schwimmen bedeutet mir alles", sagt Baumgartner heute. "Es ist für mich Berufung, Leidenschaft und Lebenselixier." Ihn motivieren und bestärken seine Erfolge, auch im Alltag, abseits des Wassers. Zwar ist die Angst vor dem Alter noch immer da, genau wie manche Fragen, die ihn vor viereinhalb Jahren umtrieben, unbeantwortet bleiben. Doch etwas Entscheidendes hat sich geändert: "Ich hatte damals panische Angst vor der zweiten Hälfte des Lebens", sagt er. Zu oft hatte er bei anderen gesehen, wie Alter und schlechte körperliche Verfassung einhergehen. "Jetzt weiß ich, dass das nicht sein muss. Man kann auch gesund, fit und sportlich alt werden, und das gibt mir jetzt auch eine gewisse Ruhe."

Das Kapitel in seinem Buch, in dem er erzählt, wie er das Schwimmen wiederentdeckte, hat Baumgartner "Die Suche endet im Wasser" genannt. Tatsächlich fing mit dem Wasser für ihn vieles erst an. Noch arbeitet er als IT-Berater, aber er hofft, dass sich das ändert. "Ich verlege mich immer mehr aufs Schreiben, Schwimmcamps und Schwimmprojekte." Vielleicht wird er mit Vorträgen irgendwann genug verdienen, um davon leben zu können.

Er hat einen "Alternativkurs" im Leben eingeschlagen, sagt er, und er will auch andere dazu ermutigen. "Viele haben Träume, blockieren sie aber ihr Leben lang. Das trocknet einen von innen aus. Am Ende sind wir die Summe unserer Erfahrungen und nicht unserer Konten."

Angekommen ist Baumgartner trotzdem noch lange nicht, im Wasser nicht und auch nicht im Leben. Aber er hat mit dem Schwimmen etwas gefunden, das ihn "zu treiben vermag", wie er sagt. "Ich hatte großes Glück." Manch anderer hat das Suchen längst aufgegeben.

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Newspeak 13.01.2014
1. ...
Aus meiner Sicht flieht der Mann immer noch vor sich selbst. Es verdient Respekt, sein Leben so umzukrempeln. Man kann auch nachvollziehen, daß so ein Ereignis für die Person dann eine Art mythischen Charakter bekommt, ein Erweckungserlebnis wird. Aber warum nur, muß man dann wieder den äußeren Wettbewerb suchen? Warum genügt man sich nicht selbst und ist stolz auf und zufrieden mit seiner Leistung, sondern kommt auf die absurde Idee, daß es jetzt der Ärmelkanal sein muß, daß es der Wettbewerb mit anderen Extremsportlern sein muß, daß man "missionieren" muß durch Vorträge etc.? Das ist am Ende doch dasselbe stressige, fremdbestimmte, sinnlose Leben, wie zuvor. Ich bewundere jedenfalls mehr die Leute, die im Prinzip das selbe machen, aber von denen das kaum jemand weiß, weil sie es für sich und nur für sich tun.
Illdre 13.01.2014
2. Familienglück
Ohne seinen persönlichen Hintergrund zu kennen: Sollte der Mann wie, noch, die meisten Männer in seinem Alter Kinder und Familie haben hätte er vermutlich a) keine Lebenskrise zu bewältigen gehabt und b) keine Zeit für solche extremen Lebensaktivitäten. Ich verurteile das nicht, muss aber immer wieder, auch in meinem beruflichen Umfeld, feststellen, dass fehlende Familienanbindung oft durch entsprechende Hobbys "ausgeglichen" wird.
al2510 13.01.2014
3. Schwimmen macht einfach Spass
aber sein Ehrgeiz stört mich. Auch das Schwimmen kann durch Verletzungen verhindert werden. Man muss dankbar sein für jeden Zug den man tun darf. Es gibt leider zu wenig Freibäder die im Winter offen haben. Es ist einfach schön zu jeder Jahreszeit zu schwimmen. An der Küste sollten sie den überschüssigen Strom für Freibadbeheizung einsetzen, dann kommen die Gäste auch im Winter. Im Meer Schwimmen ist zu riskant. Aber bei 28Grad Wasser ist es genau so lustig wie im Sommer, egal wie das Wetter ist. Vor allem ist es ja an der Küste milder als im Süden. Es ist eine Schande, dass man in Deutschland in der Schule nicht richtig schwimmen lernt. Weil wenn ich mir die Kinder so anschaue können die Meisten es nicht richtig. Es ist ein großer Segen, wenn man einen Bürgermeister hat, der ein Freibad baut. In der Halle kann man den Himmel nicht sehen. Wenn ich bedenke, dass Leute auf die Kanaren fahren um da ins Fitnesscenter zu gehen, dann kann man doch das Geld zu Hause in Jobs und Investitionen stecken.
Celegorm 13.01.2014
4.
Zitat von IlldreOhne seinen persönlichen Hintergrund zu kennen: Sollte der Mann wie, noch, die meisten Männer in seinem Alter Kinder und Familie haben hätte er vermutlich a) keine Lebenskrise zu bewältigen gehabt und b) keine Zeit für solche extremen Lebensaktivitäten. Ich verurteile das nicht, muss aber immer wieder, auch in meinem beruflichen Umfeld, feststellen, dass fehlende Familienanbindung oft durch entsprechende Hobbys "ausgeglichen" wird.
Gewagte Hypothese. Immerhin verbindet man den klassischen Midlife-crisis-Mann mit Familienvätern in den 40ern, die gerade weil sie zuvor alles in Frau, Kinder und Karriere investiert haben dann in die Sinnsuche abrutschen. Das mag sich in letzter Zeit vielleicht etwas verschoben haben, weil mehr und mehr Männer überhaupt erst mit Ende dreissig, Anfang vierzig Kinder kriegen, aber grundsätzlich widerlegt es Ihre Idee, dass eine Familie ein Schutz gegen solche Sinnkrisen im mittleren Alter wären. Eine Familie kann gerade ein Grund für eine solche Krise sein, je nach Biographie und persönlicher Disposition. Darum würde ich behaupten, dass da jeder reinrutschen kann, eine einfache Ursache oder ein Patentrezept dagegen dürfte es kaum geben. Gerade dass "zu beschäftigt zu sein" quasi ein Schutz dagegen ist, wie Sie andeuten, würde ich stark bezweifeln. Dann trifft einem so etwas unter Umständen nur umso heftiger. Letztlich sind die Gründe aber doch auch egal, der Mann hat immerhin etwas gefunden, das ihm eine Herausforderung bietet und Freude bereitet, mehr brauchts doch eigentlich nicht. Und das erst noch auf relativ simple Weise.
metalslug 13.01.2014
5. Weisheit erschwimmen
"[...]: eins zu sein mit der Umgebung, konzentriert auf den Moment, ganz bei sich. So wie früher als Kind." Wow. Mein ganzes Leben lang fasziniert mich dieser kindliche Geist und was ihn ausmacht. Nietsche hat mir auch geholfen: "Reife des Mannes: das heißt den Ernst wiedergefunden haben, den man als Kind hatte, beim Spiel." Die übrigen Kommentare finde ich übrigens auch sehr gut, auch den Diskurs zum Familienglück. Aber al2510 möchte ich ans Herz legen im Meer zu schwimmen. Sie müssen ja nicht zwischen den Big Wave Surfern schwimmen. :D Das Mittelmeer ist eine wahre Perle. Der starke Auftrieb trägt drückt mich gefühlt in den blauen Himmel wenn ich auf dem Rücken treibe...
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