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10. Juni 2003, 15:41 Uhr

Ferien im Sattel

Auf das richtige Fahrrad kommt es an

Faul am Strand liegen ist out: Immer mehr Deutsche verbringen ihre Ferien im Fahrradsattel. Vor der Tour sollte allerdings gecheckt werden, ob der Drahtesel den bevorstehenden Strapazen standhalten wird.

Urlaub im Sattel: Bei Fahrten durchs Flachland reicht ein City-Rad mit Nabenschaltung
DDP

Urlaub im Sattel: Bei Fahrten durchs Flachland reicht ein City-Rad mit Nabenschaltung

Bremen/Schwalbach - Der Drahtesel kommt immer öfter mit auf Reisen: Rund zwei Millionen Deutsche verbrachten im Jahr 2002 Urlaubstouren "mehrheitlich im Fahrradsattel", so der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in Bremen. Verglichen mit 2001 bedeute dies ein Plus von mehr als zwölf Prozent. "Die Radreisen boomen weiter. Auch für dieses Jahr sind die Prognosen gut", sagt ADFC-Sprecherin Bettina Cibulski.

Neben Deutschland sind vor allem Österreich, Frankreich, Italien, die Schweiz und Spanien beliebte Ziele. Auch Polen erfreut sich nach ADFC-Angaben bei den reisenden Pedalrittern immer größerer Popularität. Wer sich der wachsenden Zahl der Radreisenden anschließen will, braucht vor allem eines: das geeignete Fahrrad. Und das muss beim Start gut auf bevorstehende Strapazen vorbereitet sein.

Für die Wahl des Rades ist es vor allem wichtig, zu wissen, durch welche Art von Gelände die Tour vornehmlich führen soll. "Bei Fahrten im Flachland reicht in der Regel ein City-Rad mit Nabenschaltung und sieben Gängen", sagt Siegfried Neuberger, Geschäftsführer des Zweirad Industrie-Verbandes (ZIV) in Schwalbach (Hessen). "Geht es dagegen in bergige Regionen, sollte es schon ein Reise- beziehungsweise Trekking-Rad mit Kettenschaltung und mehr Gängen sein." Zudem rät Neuberger, ein Reifenprofil zu wählen, das für entspanntes Fahren auf befestigten Wegen taugt, aber auch Ausflüge über Feldwege ermöglicht.

Radurlauber, die sich vornehmlich abseits befestigter Wege und im Gebirge aufhalten möchten, können auch ein Mountainbike nutzen, sagt Frank Hahn, Fahrrad-Experte des ADAC in München. "Auch mit diesen Fahrrädern kann man Touren machen, sie sind von der Stabilität her gut geeignet." Es sei jedoch wichtig, sie der Straßenverkehrsordnung entsprechend aufzurüsten, unter anderem mit Beleuchtung und Reflektoren. Grundsätzlich kommt es bei der Fahrrad-Wahl letztlich aber auf eines an: "Man sollte mit dem Rad fahren, auf dem man sich wohl fühlt und mit dem man gut zurechtkommt", rät Bettina Cibulski.

Auch Italien wird bei Urlaubsradlern immer beliebter: Blicke auf Todi in Umbrien
DPA

Auch Italien wird bei Urlaubsradlern immer beliebter: Blicke auf Todi in Umbrien

Bei der Reisevorbereitung muss besonderes Augenmerk der Gepäckunterbringung am Drahtesel gelten. "Ratsam ist hinten ein stabiler Gepäckträger, an dem seitlich Packtaschen befestigt werden können und der oben Platz für eine weitere Tasche hat", so Neuberger. An der Vordergabel lässt sich ein so genannter Low-Rider-Träger mit zwei Packtaschen links und rechts des Rades befestigen.

Weil mit dem Vorderrad aber auch gelenkt wird, sollten dort eher leichte Gepäckstücke ihren Platz finden. "Wichtig ist grundsätzlich, dass das Gewicht des Gepäcks auf beiden Seiten des Fahrrades gleichmäßig verteilt wird", sagt Cibulski. "Beim Gesamtgewicht gelten 30 Kilogramm als absolutes Maximum."

Damit das Rad die Reise gut übersteht, muss die Technik in Ordnung sein. "Das Fahrrad sollte top-fit sein", so Cibulski. Am wichtigsten sind dabei nach Meinung der Fachleute die Bremsen. Denn wegen der langen Strecken und des zusätzlichen Gewichts sind sie großer Beanspruchung ausgesetzt. Die Beleuchtung darf laut Hahn ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden. "Sie ist auch im Sommer wichtig, wenn viele Radler noch spät abends unterwegs sind."

Der ADFC rät außerdem zu einem kritischen Blick auf die Reifen. Sind diese porös oder haben sie Risse, ist ein Wechsel fällig. Neuberger empfiehlt, für alle Fälle einen Ersatzschlauch oder Flickzeug mitzunehmen. Die Kette ist ebenfalls auf Verschleiß zu prüfen - laut Neuberger ist dies ganz einfach: Bei Fahrrädern mit Kettenschaltung darf sich die Kette am vorderen Kettenrad höchstens um fünf Millimeter anheben lassen. Bei einer Nabenschaltung ist mit sieben Millimetern etwas mehr Spiel erlaubt. Reparaturbedarf besteht zudem, wenn die Ritzel stark abgenutzt sind und schon die Form von Haifisch-Zähnen haben.

Das passende Rad für jedes Gelände: Für die Überquerung der Dolomitenpässe ist ein Rennrad mit guter Übersetzung angebracht
Foto: GMS

Das passende Rad für jedes Gelände: Für die Überquerung der Dolomitenpässe ist ein Rennrad mit guter Übersetzung angebracht

Um unterwegs für alle Eventualitäten gewappnet zu sein, empfiehlt Neuberger, neben Ersatzteilen wie einem Schalt- oder Bremszug auch Werkzeug mitzunehmen. Sinnvoll seien Multifunktionswerkzeuge, die nur so groß sind wie eine Zigarettenschachtel und dennoch unter anderem Inbusschlüssel, Zange oder einen Kettennieter enthalten.

Vor dem Reiseantritt ist schließlich ein Praxistest wichtig - für den Radler. Denn wer sich eine Route ausgetüftelt hat, sollte wissen, ob er diese überhaupt bewältigen kann. "Zu große Etappen können Ungeübten die Tour verleiden", so Hahn. Zu empfehlen sind daher vor dem Urlaub Tagestouren. Immerhin bietet das Radfahren laut Cibulski gegenüber anderen Sportarten den Vorteil, dass es nicht so schnell zu großen Überlastungen kommt: "Man merkt, wenn es zu viel ist."

Von Heiko Haupt, gms

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