Festgelage zum Ramadan Wie Allah in Syrien

Der September ist Fastenmonat: Doch wer den Ramadan für eine freudlose Zeit des Verzichts hält, war noch nie bei einem der abendlichen Festgelage in Syrien dabei. Sobald der Tag vorbei ist, herrscht der kulinarische Ausnahmezustand - auch Nicht-Muslime dürfen mitfeiern.
Von Lutz Kaulfuß

Die Strahlen einer tiefen Abendsonne tauchen die Fassaden Aleppos in honigfarbenes Licht. Doch niemand hat Augen für das betörende Farbschauspiel. Auf den Straßen und in den Märkten ist eine stetig wachsende Anspannung zu spüren, konzentriert erledigen die Menschen die letzten Besorgungen des Tages. Zwei Lieferanten streiten sich wortreich darum, wer am Ausgang des Souk mit seiner leeren Sackkarre den Vortritt erhält. Doch schnell gehen beide wieder ihres Weges. Alle haben nur ein Ziel: pünktlich zum Sonnenuntergang zu Tisch zu sitzen, zur Iftar, der ersten Mahlzeit des Tages.

"Ob jemand fastet oder nicht, das ist hier reine Privatsache", sagt Fremdenführer Ayman Nassar. Syrien ist in puncto Ramadan um vieles liberaler als die meisten arabischen Staaten. Zwar sind fast alle Discotheken geschlossen, und manche Restaurants und Cafés öffnen erst nach Sonnenuntergang. Doch hungern muss niemand, der das nicht will. Touristen, Drusen, Christen und auch die vielen Muslime, die aus verschiedenen Gründen nicht fasten, werden weiterhin auch tagsüber üppig versorgt.

Nur auf offener Straße sollten die sich etwas zurückhalten, "um es den Fastenden nicht ganz so schwer zu machen", sagt Nassar verschmitzt. Aber zur Iftar sitzen alle, ob sie nun gefastet haben oder nicht, wieder entspannt zusammen. Viele syrische Christen lassen sich die Festessen nicht entgehen. "Genauso feiern auch die Muslime bei den Christen mit. Bei uns sind ja auch Ostern und Weihnachten staatliche Feiertage", erklärt Nassar den syrischen Pragmatismus.

Keine Sekunde zu verlieren

Nur noch wenige Minuten bis zum erlösenden Ruf des Muezzins. Viele Fastende beladen schon lange vorher ihren Teller mit Speisen, "um nur ja keine Sekunde zu verlieren", sagt Rushdi al-Ashkar vom Sheraton-Hotel und deutet auf das Treiben im offenen Hof des Hauses. Die Parade der Iftar-Gäste bedient sich eifrig an den vielen verschiedenen Ständen. Da wird gegrillt und gebraten, gesotten und gekocht.

Lamm, Rind und Geflügel, aber auch Fisch und vor allem Gemüse in immer neuen Variationen, mit duftenden Gewürzen des Orients, ergänzt mit köstlichen Soßen und exotischen Pasten füllen die Tische.

Um 18.25 Uhr ist es dann soweit. Traditionell essen die Fastenden erst eine Dattel und trinken Fruchtsaft, dann kommt die Suppe. Die Stimmung lockert sich allmählich, es gibt köstliche syrische Mezeh, das sind Vorspeisen wie Kichererbsenpaste oder Salat von wildem Thymian. Doch das ist erst der Auftakt. Auch bei privaten Einladungen wird eine Vielzahl warmer Hauptgerichte serviert. Und alleine essen gilt nicht.

Wer nicht ausgeht, bewirtet seine Familie oder ist selbst bei einem der vielen Verwandten eingeladen. "Das Iftar nicht in großer Gesellschaft einzunehmen, das ist einfach undenkbar", bekräftigt Barbara Khashoun, Tochter einer italienischen Mutter und eines syrischen Vaters. Aber das Iftar ist nicht das einzige Mahl der Nacht. Von Mitternacht bis ungefähr vier Uhr morgens wird ein nicht weniger üppiges Sohour serviert. Erst ab dem Morgengebet dürfen die Gläubigen nichts mehr zu sich nehmen.

Geheimtipp vom Silberschmied

Der Fastenmonat ist viel mehr als nur ein kulinarischer Ausnahmezustand. Vor allem die Souks in Damaskus und Aleppo bieten zum Ramadan ein besonders stimmungsvolles Treiben. Der unablässige Austausch von Essenseinladungen beschert nicht nur den Lebensmittelhändlern ein gutes Geschäft.

Auch Deko-Materialien, Wohnaccessoires, Festtagskleider und Gastgeschenke aller Preiskategorien finden reißenden Absatz. "Eben alles, was man braucht, um ein richtiges Festmahl zu feiern", erklärt der Silberschmied Ala Edin. Dass die wuselige Hochkonjunktur selbst bis in die Basargassen der Gold- und Silberschmiede schwappt, umschreibt Edin charmant: "Zu den Iftar-Einladungen möchten sich Gastgeber und Gäste gegenseitig beeindrucken."

Das beste Mitbringsel aus einer Stadt zur Zeit des Ramadan ist für den Silberschmied allerdings kein Geschmeide aus Edelmetall. Er selbst schwärmt von viel vergänglicheren Kreationen aus Pistazien, Sesam oder Rosenwasser. Die arabischen Süßigkeiten werden nur wenige Basargassen weiter in üppiger Vielfalt angeboten.

"Ich muss dort täglich vorbei. Deshalb kann ich auch so selten widerstehen", gesteht Edin lachend. Die meist pralinengroßen Leckereien aus Syrien gelten als besonders gut, weil sie noch nach traditioneller Art hergestellt werden - und sind ein prima Souvenir, um sich noch Wochen später immer wieder in Iftar-Stimmung zu essen.

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