Fluggäste in London gestrandet "Es ist wie im Irrenhaus"

Kurz vor Weihnachten herrscht wieder Chaos auf dem Londoner Flughafen Heathrow. Schon den zweiten Tag in Folge mussten wegen dichten Nebels Hunderte Flugverbindungen abgesagt werden. Zehntausende Passagiere bangen um ihren Weihnachtsurlaub.


London - "Es ist wie in einem Irrenhaus. Das Flughafengebäude ist so überfüllt, dass man sich kaum bewegen kann". Der 23-jährige Nicholas Velez aus Washington wollte eigentlich schon gestern Abend nach Hause fliegen. Doch der berüchtigte Londoner Nebel machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Und nicht nur ihm: Für Zehntausende Reisende bedeutet das Wetter das vorläufige Aus für ihre Weihnachtsflüge. Tausende sind in den Terminals gestrandet.

Die Sicht in Heathrow betrug laut britischem Wetterdienst heute gerade mal 115 Meter. Für einen völlig ungestörten Flugverkehr sind jedoch 1000 Meter notwendig. British Airways (BA) musste nach eigenen Angaben rund 180 von 400 Kurzstreckenverbindungen von Heathrow aus streichen. Betroffen seien alle Inlandsflüge und mehrere europäische Strecken, vor allem jene nach Paris und Brüssel. Auch mehrere Flüge nach Deutschland werden voraussichtlich ausfallen.

Der Flughafenbetreiber BAA teilte mit, mindestens 350 der für heute geplanten 1300 Flüge an Europas größtem Luftdrehkreuz werden voraussichtlich wegfallen. Auf den noch bedienten Interkontinentalstrecken und bei den europäischen Verbindungen sei mit erheblichen Verspätungen zu rechnen. Ein BA-Sprecher sagte der Online-Ausgabe der "Times", selbst wenn sich das Wetter kläre, gebe es noch eine Weile lang Verzögerungen. Viele Flugzeuge und Mitarbeiter steckten an den falschen Orten fest.

Zeltlager auf dem Rollfeld

Heathrow-Geschäftsführer Mark Bullock rief die Fluggäste auf, sich vor Aufbruch zum Flughafen darüber zu informieren, ob ihre Flüge starten. Zudem sollten sie möglichst keine Begleitung mitbringen, um die Terminals nicht weiter zu überfüllen. Auf dem Airport-Gelände wurden beheizte Zelte für die Gestrandeten errichtet, Matten zum Schlafen sowie Lebensmittel wurden ebenfalls zur Verfügung gestellt.

Zahlreiche genervte Passagiere versuchten, mit dem Zug durch den Kanaltunnel nach Paris oder Brüssel zu gelangen, um von dort aus weiterzufliegen. Die Bahngesellschaft Eurostar registrierte einen plötzlichen Anstieg der Zahl ihrer Fahrgäste um 15 Prozent. Andere versuchten, mit dem Auto weiterzureisen. Doch die meisten Mietwagen waren wegen des großen Andrangs bereits vergeben. "Alle unserer 350 Autos gingen heute morgen weg", sagte der Sprecher einer Autovermietung am Terminal 1.

Einige Fluggäste konnten auf die beiden anderen Londoner Flughäfen ausweichen: Stansted und Gatwick waren bisher kaum von der schlechten Wetterlage beeinträchtigt. In Stansted wurden lediglich neun Flüge gestrichen, in Gatwick gar keiner.

Auch deutsche Flüge betroffen

Auf dem größten deutschen Flughafen in Frankfurt/Main fielen am Morgen sieben BA-Flüge von und nach London aus. Passagiere könnten ihre Tickets umbuchen oder das Geld erstattet bekommen, teilte BA mit.

Auch die deutsche Lufthansa musste bis zum Mittag etwa ein Drittel ihrer geplanten Flüge streichen, wie ein Sprecher sagte. Betroffen waren unter anderem die Verbindungen von London-Heathrow nach Frankfurt, Düsseldorf und München. Die Fluggesellschaft rechnet mit weiteren Streichungen im Laufe des Tages und mit Verspätungen. Sie werde versuchen, bei den möglichen Flügen größere Maschinen einzusetzen und so zusätzliche Kapazitäten zu schaffen. Wegen der starken Auslastung der London-Flüge in der Vorweihnachtszeit sei es aber schwierig, ausreichend Umbuchungsmöglichkeiten bereit zu halten.

Klärung nicht in Sicht

Bereits gestern waren in Heathrow insgesamt mehr als 220 Flüge ausgefallen. Allein die Lufthansa musste nach eigenen Angaben 30 Flüge von und nach Heathrow und damit die Hälfte der täglich rund 60 London-Verbindungen streichen. Zudem habe es Verspätungen von bis zu drei Stunden gegeben. Wegen der bevorstehenden Weihnachtszeit sei es nicht gelungen, allen betroffenen Passagieren einen passenden Ersatz anzubieten, sagte ein Sprecher. Rund 500 Menschen verbrachten die Nacht am Flughafen.

Der Wetterbericht verspricht für die nächsten Tage nur wenig Besserung. British Airways sagte bereits für Freitag alle Inlandsflüge und mehrere europäische Verbindungen vom Flughafen London-Heathrow ab. Meteorologen erklärten, die schlechte Sicht könnte noch zu Weihnachten den Flugverkehr beeinträchtigen. Vielen Passagieren wird Londons Nebel den Urlaub wohl jetzt schon gründlich verdorben haben.

smv/AFP/dpa/Reuters



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