Flughafen Berlin Brandenburg Hauptstadt der Blamage

Peinliche Schlappe für Klaus Wowereit und Matthias Platzeck: Die SPD-Politiker müssen den geplanten Starttermin für den neuen Hauptstadt-Flughafen absagen. Der Imageschaden ist enorm - und die Verantwortlichen geben sich genauso überrascht wie alle anderen.
Flughafen Berlin Brandenburg: Hauptstadt der Blamage

Flughafen Berlin Brandenburg: Hauptstadt der Blamage

Foto: dapd

Berlin - Nach der fast dreitägigen Krisensitzung wurde es am Montagabend plötzlich still im Raum. Flughafenchef Rainer Scharz senkt kurz den Kopf und hält inne. Dann blickte er resigniert in die Runde und sagte leise: "Na gut, dann schieben wir eben auf." Der Termin für die Eröffnung des Hauptstadtflughafens vor den Toren Berlins ist geplatzt - vier Wochen vor der geplanten Eröffnung. Jetzt plant man, im August an den Start zu gehen. "Das war nicht der schönste Moment in meinem Leben", gibt Schwarz am Dienstag nach der Pressekonferenz zu Protokoll.

Die gedrückte Stimmung des Flughafenchefs ist verständlich, größer könnte die Blamage eigentlich kaum sein. Knapp zwei Wochen zuvor hatte Technikchef Manfred Körtgen selbstbewusst versichert, alles werde rechtzeitig fertig. Es gebe zwar hier und dort noch einige Probleme, aber das sei völlig normal bei einem Bauprojekt dieses Ausmaßes. Schließlich handele es sich um den modernsten Flughafen Europas, gespickt mit Technik vom Feinsten, ein Vorzeigeprojekt deutscher Ingenieurskunst.

Ende Mai schon wollte die Kanzlerin in einer pompösen Feier vor Tausenden geladenen Gästen in Schönefeld das neue "Tor zur Welt" symbolisch aufstoßen. Es soll den schäbigen früheren DDR-Zentralflughafen gegenüber ablösen und auch den überlasteten Flughafen Tegel - die "vereinigten Hüttenwerke", wie Flughafenchef Rainer Schwarz einmal spottete. Nun muss er lebensverlängernde Maßnahmen für die abgehalfterten Airports verkünden.

Der Grund für die Bauverzögerung hört sich dabei noch relativ harmlos an, zumindest, wenn man die offizielle Lesart zugrunde legt. Die Techniker seien mit den umfangreichen Tests der riesigen Rauchabzugsanlage nicht fertig geworden, erklärte Körtgen in umständlichen Worten. Man müsse das verstehen, schließlich sei es die größte Anlage ihrer Art in der ganzen Welt. Und da es beim Brandschutz um die Sicherheit der Menschen gehe, gäbe es an dieser Stelle kein Pardon.

Krisensitzung am Freitag

Nun ist der Aufwand, die kilometerlangen Kanäle und Tausenden verschließbaren Klappen und Ventilatoren zu prüfen, tatsächlich beträchtlich. Erstaunlich ist nur, dass die Ingenieure, die sie bis ins Detail geplant haben, davon offensichtlich überrascht wurden. Die mögliche Erklärung, dass die Anlage nämlich massive Probleme bereitet, weist Körtgen jedoch energisch zurück. Auch von anderen Krisenherden, die den Technikern derzeit den Schlaf rauben, will der Manager nichts wissen. Schon vor Wochen hieß es aus eingeweihten Kreisen, dass das IT-System und die Check-in-Schalter noch jede Menge Ärger machten.

Trotzdem soll es dem Team um Körtgen erst in der vergangenen Woche in den Sinn gekommen sein, dass der Termin wohl nicht zu halten sein wird. Die routinemäßigen Updates des verantwortlichen Planungsbüros von Meinhard von Gerkan hätten immer wieder Fragen offengelassen, so dass man schließlich bei den Baufirmen selbst nachgefragt habe, erzählt ein Mitarbeiter. Am Freitag dann habe man alle Beteiligten zu der Krisensitzung zusammengerufen.

An deren Ende schließlich griff Schwarz zum Telefon und informierte die Anteilseigner: Berlins Ersten Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Die beiden SPD-Politiker konnten ihren Unmut während des gemeinsamen Auftritts vor der Presse nur mit Mühe überspielen. Denn die schlechte Nachricht bedeutet auch für sie eine herbe Schlappe, zumal sie die Nachricht nach eigenen Angaben genauso unvorbereitet traf wie die Öffentlichkeit.

Pleiten, Pech und Pannen

Dabei scheint der Hauptstadtflughafen schon seit längerem unter keinem guten Stern zu stehen. Eigentlich sollte das Vorzeigeprojekt schon seit einem halben Jahr in Betrieb sein. Doch nach Pleiten von Planungsfirmen und neuen Sicherheitsvorschriften musste der Start bereits einmal verschoben werden.

In den vergangenen anderthalb Jahren stand der Neubau außerdem völlig im Schatten des Streits um den Fluglärm, deren tatsächliche Dimension die Landesregierungen jahrelang im Dunkeln gelassen hatten. Nun ist der Widerstand rund um den Flughafen mitten im Berliner Speckgürtel umso größer. Das dürfte es den Betreibern schwermachen, die Kapazität möglichst bald von 27 auf 45 Millionen Passagiere im Jahr aufzustocken - auch wenn die notwendigen Terminal-Erweiterungen schon genehmigt sind.

Und nun der Ärger durch die abermalige Verschiebung. Bei der Lufthansa-Hauptversammlung in Köln überraschte die Nachricht aus Berlin. Die größte deutsche Airline muss nun die für den neuen Flughafen geplanten zusätzlichen Kapazitäten in das enge bestehende Flughafensystem Berlins drücken. Sechs zusätzliche Maschinen müssen untergebracht werden. Ansprüche auf Schadenersatz werden die Juristen später prüfen.

Und dann ist da noch die Frage, ob Air Berlin durchhält. Die zweitgrößte deutsche Airline soll jeden dritten Flug am neuen Flughafen anbieten, sie ist der Hauptkunde. Doch Air Berlin fliegt seit vier Jahren nur Verluste ein, und es ist unklar, ob die Geldspritze des neuen Großaktionärs Etihad Airline hilft - oder ob sie die Berliner nur etwas länger über Wasser hält.