Flughafensicherheit Regierung fördert Entwicklung von Körperscannern

Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat den Einsatz von Scannern an Flughäfen, die Nacktbilder produzieren, kategorisch abgelehnt. Doch die Bundesregierung lässt die Technologie mit Steuergeldern selbst entwickeln - und intensiv ihre ethischen Probleme erforschen.

Von Christian Schwägerl


Berlin - "Tekzas", "Teracam" und "Teratom" heißen Körperscanner-Projekte, die seit 2007 aus dem Nationalen Sicherheitsforschungsprogramm finanziert werden. Das Ziel: verborgene Gegenstände, etwa Plastiksprengstoff, leichter als bisher detektieren zu können und eine Alternative zum aufwendigen "Abgrabschen" durch Sicherheitspersonal zu schaffen.

Bizarr mutet deshalb die Blankoabsage aus dem Bundesinnenministerium an die neue Technologie an. Mit mehreren Millionen Euro Projektmitteln lässt Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) die neuen Scannertechnologien entwickeln. Am Design des Sicherheitsforschungsprogramms, für das insgesamt mehrere hundert Millionen Euro zur Verfügung stehen, war das Schäuble-Ministerium aktiv beteiligt.

Zahlreiche Firmen wie die Smiths Heimann GmbH aus Wiesbaden sowie Forschungsinstitute der Max-Planck- und der Fraunhofer-Gesellschaft arbeiten vorerst bis 2010 daran, die hochauflösende Terahertz-Technologie zur Durchleuchtung einsatzfähig zu machen.

Entwickelt werden Kameras und Scanner, die durch Kleidung und Koffer hindurch hochpräzise Sprengstoffe und Waffen aufspüren können. Nicht nur an Flughäfen sollen die Durchblicker zum Einsatz kommen, heißt es in der Projektbeschreibung: An "stark besuchten Orten wie Banken, Stadien und Museen" sowie in "Regierungsgebäuden, Botschaften, Polizeistationen und Forschungszentren" sei eine Anwendung möglich.

Playmobil-Figuren mit Warnsignal

Die Koordinatoren der Forschungsprojekte, die nicht namentlich zitiert werden wollen, fürchten im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE nun angesichts der aufgeregten Debatte um Nacktscanner, dass ihre Arbeit beeinträchtigt werden könnte: "Dabei sind Datenschutz und Persönlichkeitsrechte die Grundlage unserer Arbeit", sagt einer von ihnen. Man sei für das Problem eines zu starken Eingriffs in die Privatsphäre extrem sensibilisiert: "Die meisten von uns hätten es auch nicht gerne, so abgelichtet zu werden, wie das nun in den Medienberichten zu sehen war."

So werde darauf hingearbeitet, dass auf den Bildern für das Sicherheitspersonal nicht die realen Körperkonturen zu sehen sein. Vielmehr würden auf den Bildschirmen nur "Mustermenschen" erscheinen, die "wie Playmobil-Figuren aussehen". Auffällige Gegenstände allerdings würden aufblinken oder ein Warnsignal auslösen. "Nacktfotos von Heidi Klum sind absolut nicht vorgesehen", sagt ein Projektkoordinator.

Die Aufregung darum, dass die Scanner den Körper der Untersuchten mit allen Details darstellt, könnte sich als Sturm im Wasserglas erweisen, hoffen zumindest die deutschen Technologieentwickler. Den nackten Körper bekämen demnach nur Computer zu sehen - das Kontrollpersonal dagegen soll, zumindest bei den Produkten, die aus dem Sicherheitsforschungsprogramm resultieren, nur Symbolfiguren auf dem Bildschirmen haben.

Weil sie Konflikte geahnt hat, hat Bundesforschungsministerin Schavan mit Projektbeginn ein fünfköpfiges Ethikerteam der Universität Tübingen darauf angesetzt, die Terahertz-Technologie auf Probleme hin zu durchleuchten. Die Ethiker sind integraler Bestandteil der Technologieentwicklung.

Projektleiterin Regina Ammicht Quinn versucht bei regelmäßigen Treffen, die Techniker für ethische Fragen zu sensibilisieren und so Einfluss zu nehmen auf spätere Ergebnisse und Produkte. "Wir sind aber nicht für die Akzeptanzbeschaffung da", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Alarm bei Brustprothesen

Die Nacktscanner-Debatte findet Quinn unvermeidlich: Wann immer solche Technologien das Labor verließen, gebe es Konflikte. Zudem sei "Privatheit ein sehr kompliziertes kulturelles Konzept". Ob es erträglicher sei, vom Sicherheitspersonal am Flughafen angefasst zu werden oder in einen Scanner zu treten, sei je nach Kultur unterschiedlich. Im Islam gebe es ein absolutes Verbot von Nacktheit in der Öffentlichkeit. Indische Sikkhs wiederum reagierten eher dankbar auf Scanner, weil sie nicht gegen das Verbot verstoßen müssten, ihren Turban abzunehmen wie bisher bei Kontrollen.

Ammicht Quinn fordert, dass es am Flughafen auf jeden Fall die Alternative geben müsste, sich einer persönlichen Kontrolle zu unterziehen oder aber durch einen Scanner zu gehen. "Das muss diskriminierungsfrei laufen, man darf sich nicht verdächtig machen, wenn man den Scanner ablehnt", sagt sie.

Sie wendet sich auch gegen den verdeckten Einsatz von Scannern in öffentlichen oder quasi-öffentlichen Räumen wie etwa Kaufhäusern. "So lassen sich vielleicht Ladendiebe finden, aber der Preis, der in Form des Eingriffs in die Privatsphäre dafür zu zahlen ist, wäre absolut unangemessen." Es sei geboten, fordert die Ethikerin, dass Scannerbilder so abstrahiert würden, dass die konkreten Körperumrisse für das Kontrollpersonal nicht sichtbar würden. Ob dieses Ziel der Techniker auch machbar sei, sei aber noch offen: "Das ist von der Technik her unglaublich komplex."

Aus manchen Konflikten komme man auch mit der besten Technik nicht heraus. So würden Scanner bei künstlichen Darmausgängen und Brustprothesen anschlagen und die Betroffenen zwingen, ihre körperlichen Besonderheiten preiszugeben.

Anfang November gibt Schavan reichlich Gelegenheit, die brisanten Folgen der Scanner und der Sicherheitsforschung zu diskutieren. In Berlin lädt sie zu einem Großkongress über "die gesellschaftliche Dimension der Sicherheitsforschung" - aktueller könnte der Kongress kaum kommen.



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