Flugsicherheit Vertrauen ist gut, Kontrolle ist schlechter

Wer fliegt, der flucht: Nach jedem aufgedeckten Terrorplan werden im Flugverkehr die Kontrollen verschärft. Reisen wird zum Hindernislauf. Inzwischen ist der Ärger bei den Betroffenen so groß, dass die EU erwägt, manche Passagiere zu bevorzugen. Eine Reise zu den Brennpunkten der Flugsicherheit.

Von , Georg Mascolo und


Was kostet der Massenmord? Etwas mehr als 200.000 Euro sollte er kosten, der Massenmord, und genau das war im vergangenen Sommer offenbar ein ziemliches Problem für Muammar I., 30, aus Mainz, und Amjad H., 29, aus Wiesbaden. So flüssig waren die beiden nun auch wieder nicht, um einen Flughafen-Mitarbeiter dazu zu bringen, eine Kofferbombe in eine El-Al-Maschine am Frankfurter Airport zu schmuggeln. Also begannen sie zu feilschen.

Und weil ihr Mann hart blieb, hielten sie ihn noch mit der Geschichte hin, sie suchten gerade Geldgeber im Ausland. Schließlich aber, als sie schon aufgegeben hatten, wurden sie im November von der Bundesanwaltschaft kurzzeitig festgenommen. Die Dilettanten hatten so viele mögliche Helfer angesprochen, dass sie an den Falschen geraten waren: Der Mann mit der 200.000-Euro-Forderung war zur Polizei gegangen. Auch die "Frankfurter Gruppe", die hinterher alles nur als "Spaß" verstanden wissen wollte, war damit allem Anschein nach an einem in Islamistenkreisen weit verbreiteten Problem gescheitert: mehr Hass als Hirn.

Landung in Frankfurt: Der Rhein-Main Flughafen stand im Zentrum eines Terrorplans
DDP

Landung in Frankfurt: Der Rhein-Main Flughafen stand im Zentrum eines Terrorplans

Diesmal war es also kein Sprengsatz in der Sohle, wie beim "Schuhbomber" Richard Reid an Bord einer American Airlines-Maschine im Dezember 2001. Auch kein Cocktail aus Flüssigsprengstoff, mit dem eine Londoner Terrorgruppe bis zu zehn Jets über dem Atlantik zerfetzen wollte. Stattdessen Islamisten, die sich an einen Flughafen-Mitarbeiter heranmachten, um ihn anzustiften. Doch selbst wenn sie sich dabei reichlich tollpatschig anstellten, eines haben auch diese Terror-Amateure mal wieder geschafft: den Flugverkehr, das Rückgrat der westlichen Geschäftswelt, noch weiter zu lähmen.

"So kann man nicht mehr endlos weitermachen"

Denn auf jede neue Masche folgt verlässlich eine neue Sicherheitsanalyse der Behörden, auf jedes Sicherheitsleck ein Sicherheitspatch: Auf den Schuhbomber Reid die Schuhkontrolle. Auf den Londoner Terrorplan das Limit für Flüssigkeiten im Handgepäck. Auf jeden Versuch, den Flugverkehr zu schützen, das Ergebnis, dass die Schlangen noch länger, die Passagiere noch genervter und die Maschinen noch unpünktlicher werden.

"So kann man nicht mehr endlos weitermachen", klagt deshalb Peter Andres, Sicherheitschef der Lufthansa, und er klagt nicht allein. Mit den europäischen Fluglinien warnt auch der Euro-Dachverband der Flughäfen vor einem ständigen Hochrüsten bei der Sicherheit. Irgendwann komme man vor lauter Kontrollen gar nicht mehr in die Luft, nur weil man jedes noch so kleine Risiko ausschließen wolle, heißt es in einem gemeinsamen Strategiepapier. Und alle zusammen ächzen sie nun so sehr, dass auch bei der EU-Kommission in Brüssel das Nachdenken darüber begonnen hat, ob es so weitergehen kann, wenn man noch weiterfliegen will. Ende des Jahres hat deshalb die Generaldirektion Verkehr eine Studie in Auftrag gegeben. Thema: eine komplett neue Sicherheitsphilosophie bei der Fluggastkontrolle.

Der Vorstoß der EU, zuständig für Mindeststandards bei den Passagierkontrollen, berührt zwei äußerst heikle Fragen. Nummer eins: Soll man beim Fliegen künftig einfach mehr Risiko in Kauf nehmen, statt ständig die Kontrollen zu verschärfen? Vorbild könnte die Bahn sein: Dort standen im vergangenen Sommer zwei Bombenkoffer in deutschen Regionalzügen, aber bei rund 30.000 Zügen und 4,9 Millionen Fahrgästen am Tag hätte es sowieso keine Chance gegeben, künftig alle Koffer zu durchleuchten. Also beruhigten Innenpolitiker unisono, die Bürger sollten sich nicht kirre machen lassen und einfach weiterfahren. Absolute Sicherheit – so etwas gebe es nun mal nicht.

Die Oma aus Haselünne ist wohl kaum eine Attentäterin

Nummer zwei: Muss man die Hauptdoktrin der Flugsicherheit aufgeben – alle Passagiere gleich zu kontrollieren? Ist es also an der Zeit, die Oma aus Haselünne mit dem Enkel an der Hand schneller durchzuwinken als den sunnitischen Gaststudenten aus dem libanesischen Flüchtlingslager? Weil die Wahrscheinlichkeit, dass Oma aus Haselünne eine islamistische Selbstmordattentäterin ist, nun mal ziemlich gering ist? Das Ergebnis wäre einerseits eine schnellere Abfertigung für viele, andererseits eine genauere Kontrolle vermeintlich riskanter Fluggäste – dafür bliebe nämlich mehr Zeit.

Doch wer an diesen Punkt rührt, berührt nicht nur die Frage, ob am Flughafen vor der Torbogensonde alle Menschen gleich sind, sondern auch vor dem Grundgesetz. Wie viel Auswahl ist erlaubt, und wie viel Differenzierung bedeutet schon Diskriminierung? Der Staatssekretär im Berliner Innenministerium, August Hanning, sieht deshalb wenig Spielraum für Lockerungen. Die Lufthansa dagegen sieht die Zustände in Frankfurt, am Flughafen, und auch die lassen immer weniger Spielraum – noch zu fliegen.



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Seite 1
Paolo, 31.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- Wir haben zwar eine Zweiklassengesellschaft, was die "Unterbringung der Passagiere im Flieger angeht. Aber das jetzt eine Zweiklassengesellschaft eingeführt wird, die nach dem Prinzip des Nasenfaktors läuft - denn was anderes ist ja wohl das "Vertrauenswürdige" wohl kaum - setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Oder besser: Turban. Denn diese Passagiere dürften ab sofort nur noch im Anhänger mitfliegen...
fx33 31.01.2007
2.
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- Welche Terrorbedrohung? Über diese ach so gefähliche Bande von islamistischen Flüssigsprengstoffmixern hat man nie wieder etwas gehört. Experten haben das ohnehin für Humbug gehalten, daß an Bord eines Flugzeugs Sprengstoff zusammengemixt werden kann. Es geht darum, die Terror*angst* am Köcheln zu halten, weil sich so für die Staaten der westlichen Welt, die ja über gewisse Freiheitsrechte für ihre Bürger verfügen, ein Überwachungsinstrumentarium zurechtbasteln können, was Sie ohne diese Angst nie im Leben gegen ihre Bevölkerung durchsetzen könnten. Diese Regelung mit den Flüssigkeiten an Bord ist absoluter Quatsch und soll nur die Aufmerksamkeit davon ablenken, daß im Hintergrund noch ganz andere Sachen passieren.
takeo_ischi 31.01.2007
3.
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- Wenn die letzten Jahre des Terrorismus eines gezeigt haben ist es, daß niemand als absolut vertrauenswürdig eingestuft werden kann. Gelte ich als vertrauenswürdig wenn ich regelmäßig die gleiche Strecke fliege und bei allen bisherigen Kontrollen nichts Verdächtiges dabei hatte? Das würde nicht funktionieren. Ein Terrorist kann auch erst 20-mal mit einem 'falschen Hasen' einchecken und beim 21sten Mal dann, wenn er durchgewunken wird die Bombe dabei haben. Oder ist der automatisch vertrauenswürdig, der wichtige Fürsprecher hat, oder im Auftrag rennomierter Unternehmen unterwegs ist? Auch das würde nicht Funktionieren, da er ebenso käuflich sein könnte. Oder bin ich vertrauenswürdig wenn ich kein bärtiger Moslem bin? Das wäre noch absurder, außerdem diskriminierend und nicht grundgesetzkonform. Die einzige Variante die nicht bloße Augenwischerei und Scheinsicherheit wäre, ist die zusätzliche Anstellung von Sicherheitspersonal und die Ausweitung der Parallelabfertigung. Wobei dies dann wieder durch 'Ticketpreisanpassungen' auf den Kunden zurückfallen würde. Da würde dann erst das richtige Gezeter losgehen. Ich sehe gerade keine bessere Lösung als die Situation zu ertragen. Obwohl, eventuell könnte man separate 'Premium-Nutzer-Schalter' einführen. Deren Benutzung dann zwar teurer, aber dafür express wäre. Wenn sowieso die Firma des unter Zeitdruck Handlungsreisenden den Sonderkontrolleur finanziert wäre das doch eine feine Sache. Nachteil wäre eine sichtbare Zweiklassengesellschaft, die zum Unmut der Pauschalreisenden führen könnte. Aber dies wäre dann z.B. organisatorisch oder baulich zu lösen.
Reziprozität 31.01.2007
4.
---Zitat von sysop--- Die Terrorbedrohung hat zu immer schärferen Sicherheitskontrollen auf Flughäfen geführt. Viele Passagiere klagen über die zeitaufwändigen Prozeduren. Sollten vertrauenswürdige Fluggäste bevorzugt abgefertigt werden? Welche anderen Alternativen gibt es? ---Zitatende--- "Vertrauenswuerdige" Flugpassagiere, mit welchen Kriterien soll denn da eine Kategorisierung vorgenommen werden? Da sich die bis dato aus diversen Datanbankcocktails verquirlten Informationen ueber den "gruenen", "gelben" oder gar "roten" Status eines Passagiers (man erinnere sich an Cat Stevens und Edward Kennedy) allzuoft als grob falsch erwiesen haben, scheint es mir fuer potentielle Anschlagstaeter ein Leichtes zu sein sich den V-VIP-Status zuzulegen. Im Ergebnis waere das eine signifikante Verschlechterung der Flugsicherheit. @fx33: Sie haben vollkommen Recht! Nun muesste man den Verantwortlichen nur noch stecken, dass man bspw. aus Schiessbaumwolle Papier oder gar Stoffe, vulgo Buchseiten, herstellen kann, dann stehen bald alle im Eva-/Adamskostuem im Jet, denn den Sitzbezuegen kann man ja dann auch nicht mehr trauen... :-o
Marquis d`Anjou, 31.01.2007
5.
Orwells Vision u.Utopie hat uns mit erschreckender Wirklichkeit nicht einge- sondern bereits überholt. Was vor 9/11 bereits in den Köpfen derer schlummerte, die sich Sicherheits-Experten, Heimat-Schützer, Geheim-Dienstler, Daten-Verantwortlicher, Anti-Terror- Spezialisten etc...etc..nennen, haben in einer Art Blitz-Krieg der zivilisierten Welt ihr Sicherheits-Konzept übergestülpt und demontieren unter den Namen des Terrors die Freiheit. Anscheinend ist es noch wahrlich wenigen Menschen bewusst das jene Freiheit-1789- kein Kolateral-Schaden ist? Wir verlieren jene Freiheit an eine abstrakte Sicherheit die uns tagtäglich auf eine besondere paranoide Art und Weise in die Gehirne gehämmert wird. Freiheit, jene höchste Errungenschaft der zivilisierten Menschheit,ist in höchster Gefahr auszusterben.
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