Flugsicherheit nach den jüngsten Unglücken Keine Panik!

Wie sicher ist Fliegen noch? Reisende, die sich nach den jüngsten Flugzeugunglücken Sorgen machen, sollten Ruhe bewahren: Fliegen ist laut Experten so sicher wie nie zuvor. Riskant ist es nur über Krisengebieten.
Piloten am Flughafen Hamburg (Archivbild): Fliegen ist so sicher wie nie

Piloten am Flughafen Hamburg (Archivbild): Fliegen ist so sicher wie nie

Foto: Daniel Reinhardt/ picture alliance / dpa

Die verschollene Maschine des Malaysia-Airlines-Fluges MH370, die über der Ostukraine abgeschossene MH17 und jetzt auch noch das Unglück um die abgestürzte Passagiermaschine von Air Algérie - dass Reisende sich derzeit unbehaglich fühlen, ins Flugzeug zu steigen, ist angesichts solcher Meldungen nicht verwunderlich. Doch die Sorge ist unbegründet. Statistiken zeigen: Fliegen ist heute so sicher wie nie.

Laut dem Luftsicherheitsexperten Jan Richter vom Hamburger Beratungsbüro Jacdec  gibt es seit Jahren einen positiven Sicherheitstrend im weltweiten Luftverkehr, den viele Statistiken mit leicht variierenden Zahlen bestätigen. In der zivilen Luftfahrt sind im vergangenen Jahr 251 Todesopfer verzeichnet worden, sagt Richter - so wenige wie nie zuvor. Der vorherige Tiefststand lag 2012 noch bei 496 Toten.

Die Wahrscheinlichkeit, an Bord einer großen Airline in einen schweren Unfall verwickelt zu werden, lag laut Jacdec 2013 bei weniger als einem Hunderttausendstel Prozent. Die Experten des Fluglinienverbands IATA  hätten ermittelt, dass ein Passagier, der täglich fliegt, etwa 6500 Jahre unterwegs sein müsste, bis er in einen tödlichen Unfall verwickelt ist.

Immer weniger Todesopfer bei immer höherem Verkehrsvolumen

"Dass sich 2014 leider in eine andere Richtung entwickelt hat, steht nicht im Einklang mit der langfristigen Unfallstatistik", sagt Richter. Eine erhöhte Gefahr, bei einem Flugunfall ums Leben zu kommen, gebe es trotz der jüngsten Ereignisse nicht. Der Trend gehe zu immer weniger Todesopfern bei einem gleichzeitig immer höheren Verkehrsvolumen.

Und so tragisch die Unglücke der vergangenen Wochen und Monate auch sind, es habe in früheren Jahrzehnten schon mehrfach eine ähnliche Häufung derartiger Unglücke binnen kurzer Zeit gegeben, sagt der Unfallforscher. Das sei "kein Novum". Was sich geändert habe, seien die Erwartungen der Menschen.

"Die Bevölkerung und die Medien haben sich stärker als früher an unfallfreies Fliegen gewöhnt", sagt Richter. Deshalb reagierten die Menschen bei Unglücksfällen sensibler als in der Vergangenheit. "In den Sechziger- und Siebzigerjahren waren schwere Flugzeugunglücke mit hohen Opferzahlen wesentlich häufiger. Oft waren auch renommierte Airlines wie Lufthansa, KLM oder Air France beteiligt."

Einen potenziellen Risikofaktor allerdings gebe es, sagt Richter: "die Lufträume über den Krisengebieten, wie zum Beispiel über dem Irak, Pakistan oder Afghanistan, wo tagtäglich Tausende Passagiere von Europa in Richtung Asien unterwegs sind".

Die Verhältnisse seien derzeit so unübersichtlich, dass man nach Einschätzung der Jacdec-Experten über eine "No-Fly-Zone" der Zivilluftfahrt nachdenken sollte, sagt Richter - also eine Flugverbotszone für Passagiermaschinen, die dann auf alternative Routen ausweichen müssten. "Auch wenn die Airlines zusätzliches Kerosin mitnehmen müssten, wäre diese Maßnahme am ehesten geeignet, den alten Grundsatz 'Safety First' bestmöglich zu beherzigen."

"Jedes Flugzeugunglück hat den Luftverkehr sicherer gemacht"

Was man aus Katastrophen der Vergangenheit gelernt hat, fasst die aktuelle Ausgabe von "Aero International - das Magazin für Zivilluftfahrt 
"zusammen, die sich mit den größten Flugkatastrophen aller Zeiten beschäftigt. "Jedes Flugzeugunglück hat den Luftverkehr ein Stück sicherer gemacht", heißt es darin - von einer Verbesserung der Konstruktion der Maschinen über die Einführung von neuen Belastungstests für das Material bis zu Flugschreibern, die eine bessere Unfallanalyse ermöglichten.

Weil der Mensch von der Natur nicht fürs Fliegen ausgestattet ist, mussten auch die Piloten stärker trainiert werden - eine Lehre, die man beispielsweise aus Unfällen bei Nachtflügen zog. Ohne Referenzpunkte fällt es Menschen schwer, Entfernungen und Geschwindigkeiten in der Luft richtig einzuschätzen, teils treten Sinnestäuschungen auf. So scheinen sich für das menschliche Auge stillstehende Lichtpunkte in einem ansonsten dunklen Raum zu bewegen - was laut "Aero" zu zahlreichen Abstürzen durch Fehleinschätzungen führte. "Der Rat an die Piloten, einzelne Lichter nicht über längere Zeit zu fixieren, war lebensrettend", schreibt Autor Heinrich Grossbongardt.

Heute werden mehr und mehr Maschinen eingesetzt, um menschliche Defizite zu kompensieren. Allerdings birgt die Automatisierung auch Gefahren, schreibt Grossbongardt. "Piloten, die nur noch fliegen lassen, kommen aus der Übung. Ein manuell geflogener Instrumentenanflug bei schlechtem Wetter kann unter Umständen zur gefährlichen Herausforderung werden."

Technik und Wetter, die laut "Aero" größten Risikofaktoren in den frühen Zeiten des Fliegens bis in die Zwanzigerjahre hinein, sind also auch heutzutage nicht zu unterschätzen. Die französische Regierung geht derzeit davon aus, dass schlechtes Wetter den Absturz der Air-Algérie-Maschine in dieser Woche verursacht hat.