Kollision von Flugzeugen "Die Frage ist, wann es passiert"

Hohe Frequenz, mangelhafte Technik: In den vergangenen Jahren ist es im deutschen Luftraum zu mehr als 170 Beinahezusammenstößen gekommen. Experten halten die Gefahr für realistisch.
Ein Flugzeug landet auf der Bahn des Flughafens Berlin-Schönefeld

Ein Flugzeug landet auf der Bahn des Flughafens Berlin-Schönefeld

Foto: Soeren Stache/ DPA

Im Luftraum über Deutschland kommen sich große und kleine Flugzeuge einem Bericht zufolge immer wieder gefährlich nahe. In den vergangenen vier Jahren habe es mehr als 170 "potenziell gefährliche Annäherungen von Luftfahrzeugen" gegeben, berichtete der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am Dienstagabend  unter Berufung auf die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU).

Den Zahlen zufolge handele es sich in der Mehrzahl um Alarme von Kollisionswarnsystemen, die Verkehrspiloten zur sofortigen Kursänderung auffordern. In anderen Fällen seien gefährliche Annäherungen und Beinahezusammenstöße von Piloten beobachtet worden, ohne dass sie zuvor gewarnt worden wären.

Luftfahrtexperten gehen laut NDR davon aus, dass die Gesamtzahlen noch höher sind, weil Meldungen auch bei anderen für die Luftfahrt zuständigen Behörden eingehen. Zudem gebe es eine erhebliche Dunkelziffer nicht gemeldeter Zwischenfälle.

Zeitdruck, fehlende Funktechnik, inkompatible Kollisionswarnsysteme

Die Gründe für gefährliche Annäherungen seien vielfältig. Dazu zählen: immer mehr Flugbewegungen, inkompatible Kollisionswarnsysteme großer und kleiner Flugzeuge, fehlende Funktechnik bei Privatfliegern, aber auch Verkehrspiloten, die aufgrund des Zeitdrucks Abkürzungen durch mit Segelfliegern gemeinsam genutzte Lufträume nehmen.

Immer wieder kommt es demnach im sogenannten gemischten Luftraum, einer von großen wie kleinen Flugzeugen genutzten Zone, in der weiteren Umgebung von Verkehrsflughäfen zu solchen Zwischenfällen.

So gab es im Jahr 2018 allein in Nordrhein-Westfalen im Umfeld der Flughäfen Weeze und Paderborn in mindestens acht Fällen Annäherungen zwischen Verkehrsflugzeugen und Segelfliegern, bei der Passagiermaschinen in einzelnen Fällen mehrmals ausweichen mussten, um einen Zusammenstoß zu verhindern.

Eine von der BFU bereits vor zwei Jahren geforderte Pflicht zur Ausrüstung aller Luftfahrzeuge mit sogenannten Transpondern - Sendern, die die Position und den Kurs eines Flugzeuges ausstrahlen - wird von den meisten Experten kritisch gesehen. Die Deutsche Flugsicherung (DFS) hatte Anfang 2019 durch eine Simulation festgestellt, dass dies zu einer Überlastung der Funkfrequenzen führen und der Flugsicherheit eher schaden würde.

Ist die Luft zu voll?

Ein vom NDR zitierter Experte des Instituts für Luft- und Raumfahrt sieht als einen wichtigen Grund für die Zwischenfälle den zunehmenden Flugverkehr: "Der deutsche Luftraum ist einer der meistfrequentierten Lufträume in Europa", sagt Christoph Strümpfel demnach. Man setze gerade in gemischten Lufträumen, wo Verkehrsflugzeuge mit Privatfliegern zusammentreffen, auf das fliegerische Prinzip "Sehen und ausweichen", das aber nicht selten an seine Grenzen komme. Strümpfel sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, hier strengere Regeln zu erlassen.

Auch ein Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit hält die Gefahr einer Kollision zwischen einer Passagiermaschine und einem kleineren Flugzeug für realistisch. Es sei eine Frage, wann das passiert - und nicht ob.

Das Bundesverkehrsministerium teilte dem NDR auf Anfrage mit, dass es die Thematik derzeit zusammen mit Experten untersuche: "Als Teil der Flugsicherheitsarbeit werden die relevanten Punkte für eine mögliche Umsetzung identifiziert und betrachtet."

kry/AFP
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