Frankfurter Flughafen Mit Mundschutz aus Mexiko-Stadt

Die Schweinegrippe versetzt die Welt in Angst und Schrecken, doch auf dem Frankfurter Flughafen geht der Alltag weiter. Erst die Ankunft des täglichen Lufthansa-Flugs aus Mexiko macht sichtbar, dass im transatlantischen Luftverkehr keine Normalität herrscht.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Der Mundschutz baumelt dem jungen Mann noch um den Hals, er habe sie den ganzen Flug über getragen, erzählt er. Schließlich habe auch die gesamte Crew diese Vorsichtsmaßnahme ergriffen. "Sehr nervös" seien alle gewesen, erklärt er noch - dann eilt er aus dem Gebäude des Frankfurter Flughafens. Offensichtlich ist er ziemlich froh, wieder in der Normalität angekommen zu sein. Die Lufthansa-Maschine, mit der er gelandet ist, kam direkt aus Mexiko-Stadt - wo bereits Dutzende Menschen an der Schweinegrippe gestorben sind und das Alltagsleben still steht.

Mexiko-Urlauber: Eine Flug mit Mundschutz gegen die Schweinegrippe
REUTERS

Mexiko-Urlauber: Eine Flug mit Mundschutz gegen die Schweinegrippe

Auch die anderen Reisenden des Flugs scheinen glücklich zurück zu sein. In der mexikanischen Hauptstadt sei alles geschlossen: Schulen, Läden - sogar die Kirchen. "Ich wollte zur Messe gehen am Sonntag, das ging nicht", sagt der 69-jährige Godwin Attard aus Malta, der jetzt in Frankfurt zwischengelandet ist.

Der Mann aus Straßburg, der ein paar Stunden zuvor am Gate im Abflugsgebäude steht, hat von den Zuständen natürlich gehört und gelesen. "Nein!", sagt der Mann mit dem weißen, etwas zerwühlten Haar trotzdem entschlossen. Nein, er habe nicht darüber nachgedacht, die Reise abzusagen, nein, er habe keine Angst, nein, er habe keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen getroffen.

"Bei der Hühnergrippe haben sie alles wunderbar in den Griff bekommen." Er erwarte, dass das diesmal genauso sei. Seine Frau vermutet, dass am Flughafen in Mexiko-Stadt Atemmasken verteilt werden. Ihre Reise gehe ja auch bald weiter in Richtung Süden, fügt sie hinzu. Die beiden haben eine Rundreise gebucht, auf den Spuren der Mayas und anderer alter Völker.

Die beiden jungen Bankkauffrauen sind da schon misstrauischer. Auch sie haben ihren Zehn-Tage-Urlaub nicht absagen wollen - aber trotzdem selbst für einen Atemschutz gesorgt. Und sich noch in letzter Minute das Medikament Tamiflu besorgt, "meine Ärztin hat gesagt, das hilft, und mir ein Rezept in die Apotheke gefaxt", sagt die eine. Das müsse reichen, "das Reisebüro hat schließlich nichts gesagt". Ihr Reiseziel sei ja auch der Badeort Cancún, der über tausend Kilometer von Mexiko-Stadt entfernt ist.

Reisende sehen die mexikanische Grippe gelassen

So manchem anderen Passagier war offenbar auch diese Distanz nicht groß genug. Am Flugschalter heißt es, einige seien schlicht nicht erschienen. Immer wieder hallt der "letzte Aufruf" für die Maschine durch die Flughafenhallen. Es ist einer der wenigen Hinweise dafür, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist.

Am Flughafen herrsche Alarmbereitschaft, meldet eine Nachrichtenagentur - doch in den Ankunfts- und Abflugshallen nimmt ein scheinbar völlig normaler Montag seinen Verlauf. Die Menschen stehen geduldig Schlange am Check-in-Schalter, warten aufgeregt auf ankommende Verwandte, sind auf dem Weg in den Urlaub - oder in ein ganz neues Leben. "Ich ziehe zu meiner Frau nach New York", sagt ein 40-jähriger Niederländer mit schwerem Gepäck. Auch in New York gibt es Verdachtsfälle.

Auch der Ökonom hat davon gehört - aber den lang geplanten Umzug deshalb verschieben? Sein Apartment in Frankfurt ist gekündigt, die Möbel sind auf dem Schiff, die Frau schon vor Ort. "Ich hatte gar keine Wahl", sagt er. "Ich hätte in irgendein Hotel gehen müssen." Keine Option, die er ernsthaft durchdacht hat, so scheint es. Erst einmal abwarten, sagt er. Wenn es schlimmer werde, müsse man sich etwas überlegen.

So oder ähnlich antworten die meisten Reisenden. Gelassen. Abwartend. Am Frankfurter Flughafen, wo Menschen aus aller Welt zusammentreffen, ist die Seuchenpanik noch nicht angekommen.

Auch Lieselotte Hiller, die mit ihrer Freundin den Flug nach Mallorca verpasst hat und jetzt noch bis zum Abend auf dem Flughafen herumstreunen muss, ärgert sich vor allem über die Zusatzkosten für die Umbuchung. "160 Euro mussten wir draufzahlen", sagt sie empört. Dabei sei nur der Check-in-Schalter zu voll gewesen.

Die Nachrichten, die an den Kiosken sämtliche Titelseiten in Großbuchstaben verkünden, sehen die beiden Frauen gelassen. "Da darf man keine Angst haben, sonst holt man sich das", sagt Lieselotte Hiller. "Man hat ja schon so viel erlebt", lautet die schlichte Begründung für ihre Ruhe.

Extra Gesundheitschecks gibt es nicht

Auch Fluggesellschaften und Behörden versuchen, Panik möglichst zu vermeiden - und begrenzen die sichtbare Krisenvorsorge auf ein Minimum. Die Sprecherin des hessischen Gesundheitsministeriums schlägt einen beruhigenden Ton an: "Wir haben schon am Samstag Maßnahmen ergriffen", erklärt sie. Grundsätzlich müssten Stewardessen und Stewards Patienten mit auffälligen Symptomen sofort melden, damit diese gleich bei der Landung untersucht werden könnten.

Auf Flügen von und nach Mexiko sei das Bordpersonal nun natürlich besonders aufmerksam. Sollte ein Verdachtsfall auftreten, nehme ein festgeschriebener Prozess seinen Lauf: Der Patient wird sofort von Fachpersonal in Empfang genommen und getestet, die restlichen Reisenden werden beim Ausstieg um eine Kontaktmöglichkeit gebeten und mit Info-Material versorgt, was zu tun ist, wenn Symptome auftreten.

Auch die Lufthansa belässt es vorerst bei der reinen Information. Auf der täglichen Verbindung von und nach Mexiko werden an Bord Flugblätter ausgeteilt, in denen die Symptome erklärt werden. Thomas Jachnow, Sprecher der Fluggesellschaft, sagt, wegen der strengen Hygienevorschriften für die Flieger tendiere die Ansteckungsgefahr an Bord aber gegen Null. Die Luft sei aufgrund der Klimaanlagen ja fast so rein "wie in einem Operationssaal".

Einen Anlass, Flüge in gefährdete Regionen zu streichen, sieht die Airline noch nicht. Das Unternehmen orientiere sich bei seinen Entscheidungen an den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes, sagt Jachnow. "Es gibt derzeit noch keine Reisewarnung."

So müssen Lufthansa-Kunden mit Tickets nach Mexiko, die angesichts der Krankheit auf die Reise lieber verzichten wollen, sich auch vorerst mit den normalen Reiserücktritts-Bedingungen der Fluggesellschaft begnügen. Allgemeingültige Ausnahmeregeln gebe es "zu diesem Zeitpunkt nicht", sagt Jachnow - sie würden aber auch nicht nachgefragt. "Die meisten unsere Kunden sind Geschäftsreisenden", erklärt er.

Die scheinen sich anders zu verhalten als jene Urlauber, die die Reise mit der Konkurrenz nach Cancún gebucht haben - und nicht zum Einchecken erschienen.

Das Schweinegrippe-Virus
Der Erreger
Es handelt sich um ein Influenza-A-Virus mit der Bezeichnung H1N1, das sich von Mensch zu Mensch übertragen kann - vor allem durch Händeschütteln, Niesen und Husten. Ein H1N1-Virus war auch der Auslöser der Spanischen Grippe, die zwischen 1918 und 1920 weltweit mindestens 25 Millionen Menschen getötet hat.
Die Symptome
Die Schweinegrippe bewirkt ähnliche Symptome wie eine normale Grippe: plötzliches Fieber, Muskelschmerzen, trockener Husten und ein trockener Hals. Allerdings sind der einhergehende Durchfall und die Übelkeit stärker ausgeprägt.
Die Gefahr
Neue Virenstämme können sich rasch ausbreiten, weil es keine natürliche Immunität gibt und es Monate dauert, bis ein aktueller Impfstoff entwickelt und produziert ist. Der neue Stamm des Schweinegrippe-Virus unterscheidet sich vom älteren H1N1-Virus, gegen das die aktuellen Grippeimpfstoffe schützen. Die gewöhnliche Grippe tötet jedes Jahr 250.000 bis 500.000 Menschen, vor allem ältere Menschen. Die meisten sterben an Lungenentzündung. Auch gesunde Menschen können tödlich erkranken.
Antivirale Mittel
Nach derzeitigem Wissensstand bieten die Wirkstoffe Oseltamivir (Handelsname Tamiflu) und Zanamivir (Handelsname Relenza) Schutz gegen das Schweinegrippen-Virus. Diese Wirkstoffe behindern unspezifisch die Vermehrung von Influenza-A- und Influenza-B-Viren im Körper.
Wandlungsfähigkeit von Grippeviren
Grippeviren gehören zu den wandlungsfähigsten Erregern, die bekannt sind. Die Entwicklung gänzlich neuer Typen ist zwar selten, aber extrem gefährlich. Meist springen dabei irgendwo in der Welt Viren von Vögeln oder Schweinen auf den Menschen über. Wenn sie in dessen Körperzellen auf andere, ältere Grippeviren treffen, kann sich die Erbinformationen vermischen und neue Erreger hervorbringen.



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