Frankreich Besuch an der Wiege des chinesischen Kommunismus

Die meisten Franzosen kennen Montargis nur wegen seiner kandierten Mandeln, doch für Chinesen ist die Kleinstadt im Herzen Frankreichs ein Stück Geschichte: Hier wurde die Kommunistische Partei Chinas gegründet. Jetzt will der Ort verstärkt Touristen aus dem Reich der Mitte anlocken.

Montargis - In den 1920er Jahren bereiteten chinesische Intellektuelle in dem 16.000-Einwohner-Ort Montargis den Weg für die Gründung der chinesischen Kommunistischen Partei (KP). Nun wollen örtliche Veranstalter den Besuch zum Pflichtprogramm für Reisende aus der Volksrepublik machen. "Da gibt es ein enormes Potenzial", freut sich Peiwen Wang, in China geborener Arzt und Vorsitzender des Vereins "Freundschaft zwischen China und Montargis".

"Es mag seltsam erscheinen, aber Montargis steht in jedem chinesischen Geschichtsbuch", sagt der Vereinsvorsitzende. "Dieser Ort hat in der Entwicklung des neuen China eine entscheidende Rolle gespielt." In der von mittelalterlichen Gässchen, kleinen Gärten und Kanälen geprägten Stadt rund hundert Kilometer südlich von Paris hielten sich unter anderem der langjährige Regierungschef Zhou Enlai und der einstige KP-Parteivorsitzende Deng Xiaoping auf - Montargis war für die erste Garde der chinesischen KP ein Muss.

Angefangen hat die Geschichte mit dem Sohn eines Würdenträgers am chinesischen Kaiserhof, der 1902 zur Fortsetzung seiner Studien nach Frankreich kam und sich in einem landwirtschaftlichen Institut in Montargis einschrieb. Es entstand ein erstes Netzwerk; später wurden reihenweise junge Studenten zu Praktika in eine Gummifabrik in dem französischen Städtchen entsandt. Zu den ersten jungen Leuten, die 1919 in Montargis eintrafen, gehörten Studenten aus der Provinz Hunan, Freunde von Mao Tse-tung und schon überzeugte Kommunisten.

"Chinesischer Rundgang" in Frankreich

Diese Chinesen trafen sich in einem Park des Städtchens und entwarfen Propaganda-Plakate. Bis schließlich der später berühmte Partei-Ideologe Cai Hesen ein Programm zur Rettung Chinas an seinen Freund Mao in der Heimat schickte. "Das ist der berühmte 'Brief vom 13. August', der die Gründung einer KP vorschlug", erzählt Wang. "Mao war einverstanden, und einen Monat später wurde die Partei gegründet."

Obwohl diese historisch bedeutsamen Vorgänge nur wenige Spuren in Montargis hinterlassen haben, brachten die Behörden doch einen kleinen Reiseführer für wissensdurstige chinesische Touristen heraus, der "Chinesischer Rundgang" heißt. Er führt den Besucher zu den Wohnheimen der asiatischen Studenten, zu den Badeanstalten, wo sie sich wuschen, und in die Gärten, wo sie diskutierten. Ein historisches Foto zeigt eine Gruppe von rund zwanzig ernst dreinblickenden, prachtvoll gekleideten Chinesen.

Und so ziehen immer wieder kleine Gruppen von Chinesen durch die Gassen der Kleinstadt. Oft sind es noch mehr oder weniger offizielle Delegationen, doch angesichts von mittlerweile 50.000 chinesischen Touristen, die jeden Monat Paris besuchen, will auch Montargis mehr solcher Besucher anlocken. Wang sieht für die Besucher aus China gleich zwei Anziehungspunkte: "Sie können nicht nur ein Stück französischer Kultur entdecken, sondern auch noch etwas über ihre Geschichte lernen."

Sto/afp

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