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18. Oktober 2007, 10:56 Uhr

Frankreich

Schwerste Bahnstreiks seit Jahren legen Verkehr lahm

Gigantische Staus um Paris, kaum U-Bahnen und massive Zugausfälle: Der Bahnstreik in Frankreich hat zu enormen Verkehrsproblemen geführt – die schlimmsten Bahnstreiks seit Jahren haben auch Auswirkungen auf Zugverbindungen nach Deutschland.

Paris - Chaotische Zustände in Frankreich: Mit dem schwersten Bahn- und Nahverkehrsstreik seit Jahren haben die Gewerkschaften heute die Machtprobe mit Präsident Nicolas Sarkozy gesucht. Am Morgen und am Vormittag war der Verkehr landesweit "sehr beeinträchtigt", wie die Staatsbahn SNCF mitteilte. Demnach fuhren kaum Hochgeschwindigkeitszüge. In Paris fuhr zur Stoßzeit am Morgen nur jede zehnte Metro, die meisten Vorortzüge und TGVs fielen ganz aus. Um die Hauptstadt bildeten sich 165 Kilometer Stau. Auch in Dutzenden anderen Städten wie Marseille kam es zu deutlichen Störungen.

In Erwartung eines Verkehrschaos' waren tausende Pariser auf Fahrräder umgestiegen und lieferten sich an den Stationen für kostenlose Leihräder regelrechte Scharmützel. Ein großer Teil der Pendler arbeitete in Erwartung chaotischer Zustände offenkundig von zu Hause oder hatte sich schon im Voraus freigenommen.

Erboste Pendler an den Bahnhöfen

Viele Pendler dagegen, die es mit dem Zug nach Paris schafften, waren erbost. "Wieder werden wir als Geiseln genommen", sagte die Sekretärin Sandrine Bontet am Bahnhof Saint Lazare. Eine Stunde wartete sie auf einen völlig überfüllten Zug. "Der Sinn des Streiks leuchtet mir nicht ein. Für die Privilegien der Eisenbahner gibt es keine Berechtigung mehr."

Auch auf Verbindungsstrecken nach Deutschland kam es zu Zugausfällen, etwa auf der SNCF-Verbindung zwischen Saarbrücken und Paris sowie auf der Strecke Stuttgart-Paris.

Der Protest fünf Monate nach dem Amtsantritt Sarkozys richtet sich gegen die geplante Abschaffung der Frührente bei Staatsunternehmen. Zuletzt hatte vor zwölf Jahren eine Regierung versucht, dieses Privileg zu kippen. Damals lag das ganze Land fast drei Wochen lang lahm, bis die Regierung schließlich von dem Vorhaben abließ.

Bisher können Beschäftigte bei der Bahn, den Pariser Verkehrbetrieben und den Energieversorgern EDF und GDF teils schon mit gut 50 Jahren in Rente gehen; die konservative Regierung will nun die Lebensarbeitszeit von durchschnittlich 37,5 auf 40 Jahre erhöhen, um die Finanzierung des Systems zu garantieren, das den Staat jährlich rund fünf Milliarden Euro kostet. Betroffen sind 1,6 Millionen Menschen, von denen 1,1 Millionen bereits in Rente sind. Bei Ruheständlern will die Regierung die Rentenanhebung verändern, was laut den Gewerkschaften einer Kürzung gleichkommt. Eingeführt wurden die Regeln zum Teil vor mehr als hundert Jahren, als die Arbeitsbedingungen etwa für Zugführer noch wesentlich härter waren. Sarkozy will die Privilegien bis 2012 abschaffen.

Erster gemeinsamer Streik seit 1995

Der Chef der Gewerkschaft CGT, Bernard Thibault, sagte, die Beschäftigten hätten keine andere Wahl gehabt. Die Regierung habe sie vor vollendete Tatsachen gestellt und verweigere den Dialog. Die Sozialisten als größte Oppositionspartei unterstützten den Streik. Eine Reform der bisherigen Rentenregelung sei aber nötig, sagte Ex-Premier Laurent Fabius gestern Abend. "Das ist unbestreitbar. Wir brauchen eine Reform, es hängt aber davon ab, wie man sie macht." Die Regierung sei nicht wirklich zu Verhandlungen bereit.

Die acht Bahngewerkschaften, die sich erstmals seit 1995 auf einen gemeinsamen Streik einigen konnten, wollen bis Freitagmorgen um 8 Uhr die Arbeit ruhen lassen. Drei kleinere Gewerkschaften schlossen auch eine Verlängerung nicht aus. Am Montag wollen alle gemeinsam über das weitere Vorgehen beraten.

Die Arbeitnehmervertretungen demonstrieren damit eine ungewohnte Einigkeit - trotz großer Streikbereitschaft waren sie zuvor selten in der Lage, sich auf eine einheitliche Linie zu einigen. Der Streik bei den Beschäftigten des Stromversorgers EDF und des Gaskonzerns GDF blieb für die meisten Franzosen dagegen kaum spürbar, weil Privatkunden nicht betroffen waren.

Anders als befürchtet kam es nicht auch zu Behinderungen im Flugverkehr, weil Mitarbeiter von Fluggesellschaften und Airports nicht zur Arbeit kommen konnten. Wie die französische Luftfahrtbehörde DGAC mitteilte, lief die Abfertigung an den beiden Pariser Flughäfen Roissy und Orly "vollkommen normal". Flugpassagiere mussten allerdings mit dem Taxi oder Bus zu den Flughäfen in der Hauptstadtregion fahren, weil die Bahnverbindungen ausfielen.

sto/AFP/AP/dpa

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