Freizeit 5-Sterne-Campinski

Der Erfolg des Ausrüstungsimperiums Globetrotter verrät viel über die deutsche Psyche. Menschen wollen was erleben, aber bitte rundum abgesichert.

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Im Grunde ist Sven Fischer der ideale Mann für seinen Job. Was ihn nicht tötet, härtet ab: Bei 25 Grad unter null schläft er, nur in einen Schlafsack gehüllt, in den Bergen. Einmal ist ihm dabei sogar der Reißverschluss an der Wange festgefroren. Mit so einer Leidenschaft und Leidenslust war es nur eine Frage der Zeit, bis der gelernte Schreiner Chefverkäufer für Zelte in Deutschlands größtem Outdoor-Kaufhaus Globetrotter in Köln wurde.


Ein Sechspersonenzelt baut der 42-Jährige in sieben Minuten auf, gemeinsam mit seinen Kollegen manchmal 80-mal an einem Samstag, wenn sein Ausrüstungsparadies besonders brummt. Aber es brummt eigentlich immer. Nicht nur jetzt im Sommer, wenn Millionen Deutsche plötzlich für den Urlaub Mückennetze brauchen, Camping-Hocker oder eben ein faltbares Dach über dem Kopf.

Zelt allein macht nicht glücklich, deshalb kaufen sie Fischer und seinen Kollegen dann auch noch vieles andere ab. Auch wegen Typen wie ihm fallen oft 10.000 Menschen pro Tag in die Kölner Hallen ein, um auch Mumienschlafsäcke in Überlänge oder polyvinylbeschichtete Solarduschen zu testen.

Wirken die Freizeitabteilungen von Karstadt oder Kaufhof so aufregend wie der Messestand eines Industriegase-Händlers, ist Globetrotter eine Art Erlebnispark. Mit Blattschneider-Ameisen-Labyrinth in der gläsernen Theke, Klettertunnel und künstlichem See im Untergeschoss. Mittendrin laufen die wahren Ureinwohner, Fischer und seine Kollegen, wie freundliche Maskottchen in ihren eigens angefertigten Holzfällerhemden herum, um die Qual der Wahl ihrer Kunden mit ein paar Expeditionsmythen zu dekorieren.

Als Globetrotter vor 29 Jahren gegründet wurde, konnte selbst ein Autoausflug in den winterlichen Harz noch zum Abenteuer taugen. Die Kunden des damals winzigen Hamburger Spezialgeschäfts lernten sich noch auf Hippie-Pfaden nach Afghanistan oder Indien kennen. Heute gibt es pro Woche allein drei Direktflüge von Frankfurt nach Lahore. Die Ansprüche sind gestiegen.

Wenn schon Urlaub unter freiem Himmel, dann 5-Sterne-Campinski. Geblieben ist der Drang nach Abenteuer in der Ära von Navigationssystemen und Satelliten-Handys, die aber kaum noch Nervenkitzel liefert.

So verrät der Erfolg des Globetrotter-Imperiums mit seinen sechs Riesenfilialen in Kathedralengröße, einem boomenden Versandgeschäft und einem Rekordumsatz von aktuell 178 Millionen Euro auch und vor allem sehr viel über das Freizeitverhalten und die Psyche der Deutschen. Unser Perfektionswahn in puncto Ausstattung ist im Ausland berüchtigt. Wir wollen was erleben, aber bitte perfekt organisiert und technisch mindestens K2-tauglich.

Frank Willig ist so einer. Der Manager aus Erkrath kauft gerade gemeinsam mit Freundin Janine Beste die Requisiten für die ganz persönliche Inszenierung seines zwölftägigen Jugendtraums. Sieben Stunden sind sie nun schon hier, laufen zwischen Camping-Kochern und faltbarer Aluminium-Küchenzeile mit Windschutz hin und her. Knapp 2400 Euro stehen am Ende auf dem Kassenzettel. Schnell verladen sie die Einkäufe in ein Taxi. Die Reise soll nach Indien gehen, wo sie den Krempel am Ende wohl selbst tragen müssen.

90 Prozent der Globetrotter-Kunden kommen gar nicht so weit. Die meisten verlassen erst gar nicht das Land.

Auch in Mecklenburg kann man schließlich im Freien Spaß haben. Und so kaufen Familien, Rentner und Hausfrauen Zelte, die zur Übernachtung auf dem Nanga Parbat taugen würden, Feldküchen, von denen die Bundeswehr nur träumen kann, und Schlauchboote, mit denen Greenpeace jeden Walfänger stoppen würde.

Wer braucht schon wirklich Schuhe mit Geröllschutzrand oder eine Taschenkettensäge, wenn die nächste Imbissbutze oder Tankstelle selten weiter als ein paar Kilometer entfernt ist? Die Kunst ist, das Equipment trotzdem zu verkaufen.

"Die performen heute wirklich alle wunderbar", sagt Anja Vogel, Mitglied der Kölner Filialleitung. Wenn sie sich an die Geländerbrüstung im dritten Stock lehnt und aus 20 Meter Höhe auf ihre 25.000 "Ausrüstungsideen" blickt, hat sie den Großteil ihrer Leute im Visier: den Kanuexperten, der sich mal auf dem Atlantik überschlagen hat. Die jungen Frauen vom Restaurant, wo auch Beutelessen in den Sorten Hühnervolleipulver oder Hörnchennudeln-Instant serviert wird. Den Messerexperten, der natürlich aus eigener Erfahrung weiß, wie haarscharf man beim Ausnehmen eines Fisches an dessen Gallenblase vorbeischrammen kann.

"Geld spielt keine Rolex", sagt Anja Vogel lächelnd. Allenfalls fürs studentische Publikum. Ines Bludau, 24, ist gemeinsam mit ihrem Freund eigens vom Bodensee nach Köln gereist. Sie wollen wirklich weg, weit weg. "Wir brauchen eine Grundausstattung, und dann geht es raus in die Welt." Und während der Verkäufer den Unterschied zwischen Edelstahl- und Alu-Kochern referiert ("Ihr wollt doch euren Tee geschmacksneutral haben!"), drehen die beiden nur die Preisschilder um. Billig ist woanders, sagen Stammkunden.



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