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05. März 2007, 14:55 Uhr

Freizeitforscher

"Recht auf Reisen lässt sich niemand nehmen"

Umweltverbände und Politik fordern den Verzicht auf Fernreisen. Doch werden die Deutschen dem Aufruf zum Schutz des Klimas folgen? Freizeitforscher Horst Opaschowski zweifelt. Derweil wirft die Reisebranche der Politik Effekthascherei vor.

Hamburg – Nur vorübergehend werde nach Ansicht von Opaschowski die Warnung vor Fernreisen zu einem Innehalten führen: "Urlaub ist die populärste Form des Glücks. Das Recht auf Reisen - wohin auch immer - lässt sich jedoch niemand nehmen", sagte wissenschaftliche Leiter des BAT-Freizeitforschungsinstituts in Hamburg der Nachrichtenagentur dpa.

Inzwischen habe es "zwar einen gewaltigen Einstellungswandel in der Bevölkerung zum Thema Klimaschutz gegeben, so dass sich Maßnahmen der Politik besser durchsetzen lassen würden", sagte der Experte. "Doch das Verständnis der Menschen würde sich allenfalls auf bestimmte Signale beschränken."

Ein solches Signal könnte zum Beispiel ein autofreier Sonntag sein. "Das hätte dann sogar noch Eventcharakter", sagte Opaschowski. "Außerdem: Eine solche Aktion täte ja auch nicht wirklich weh." Ein "freiwilliger temporärer Verzicht" auf Fernreisen sei durchaus denkbar. "Das Thema Klimaschutz trifft die Menschen emotional und existentiell, deshalb ist die Bereitschaft zur Veränderung groß - aber nur für eine gewisse Zeit", erklärte Opaschowski.

DRV: Politik soll gut durchdachte Klimaschutzkonzepte vorlegen

Auch der Deutsche Reiseverband (DRV) reagierte auf die am Wochenende aufgebrandete "Sylt statt Seychellen"-Diskussion: "Die Forderung, die Deutschen sollten nur noch im Inland Urlaub machen, ist so anmaßend wie realitätsfern. Es ist mit Sicherheit nicht die Aufgabe der Volksvertreter, den Deutschen das Reisen zu verbieten", sagte der DRV-Präsident Klaus Laepple in Berlin.

Laepple warf den Politikern - die zum Urlaub in Deutschland aufriefen - "reinen Populismus und Effekthascherei" vor. Der DRV-Präsident äußerte "ernsthafte Zweifel, ob sich alle Politiker bewusst sind, welche Bedeutung die Urlaubs- und Geschäftsreisen für Deutschland haben". Statt Reisende zu bevormunden, sollten die Wortführer vom Wochenende sachlich argumentieren und langfristig zielführende Konzepte vorlegen, forderte er.

Mit rund 60,5 Milliarden Euro würden die Bundesbürger mehr Geld für Auslandsreisen ausgeben als jede andere Nation. Dass sich die öffentliche Diskussion um den Klimaschutz nun auf Urlaubsreisen mit dem Flugzeug fokussiere, verzerre das Bild. Laut DRV werden 32 Prozent aller Urlaubsreisen mit dem Flieger unternommen.

Laepple betonte zugleich, eine intakte Umwelt sei für den Tourismus unverzichtbar. Die konkreten Forderungen der Reisebranche an die Politik seien die zügige Umsetzung einer einheitlichen europäischen Flugsicherung, weniger Warteschleifen am Himmel durch einen schnellen und bedarfsgerechten Ausbau der großen Verkehrsflughäfen, eine Optimierung der Flugstrecken und eine schnelle Erhöhung der Triebwerkeffizienz. Ziel sei das "Drei-Liter-Flugzeug" (Verbrauch je Passagier pro 100 Kilometer).

abl/dpa/AP

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