Freizeitforscher "Recht auf Reisen lässt sich niemand nehmen"

Umweltverbände und Politik fordern den Verzicht auf Fernreisen. Doch werden die Deutschen dem Aufruf zum Schutz des Klimas folgen? Freizeitforscher Horst Opaschowski zweifelt. Derweil wirft die Reisebranche der Politik Effekthascherei vor.


Hamburg – Nur vorübergehend werde nach Ansicht von Opaschowski die Warnung vor Fernreisen zu einem Innehalten führen: "Urlaub ist die populärste Form des Glücks. Das Recht auf Reisen - wohin auch immer - lässt sich jedoch niemand nehmen", sagte wissenschaftliche Leiter des BAT-Freizeitforschungsinstituts in Hamburg der Nachrichtenagentur dpa.

Inzwischen habe es "zwar einen gewaltigen Einstellungswandel in der Bevölkerung zum Thema Klimaschutz gegeben, so dass sich Maßnahmen der Politik besser durchsetzen lassen würden", sagte der Experte. "Doch das Verständnis der Menschen würde sich allenfalls auf bestimmte Signale beschränken."

Ein solches Signal könnte zum Beispiel ein autofreier Sonntag sein. "Das hätte dann sogar noch Eventcharakter", sagte Opaschowski. "Außerdem: Eine solche Aktion täte ja auch nicht wirklich weh." Ein "freiwilliger temporärer Verzicht" auf Fernreisen sei durchaus denkbar. "Das Thema Klimaschutz trifft die Menschen emotional und existentiell, deshalb ist die Bereitschaft zur Veränderung groß - aber nur für eine gewisse Zeit", erklärte Opaschowski.

DRV: Politik soll gut durchdachte Klimaschutzkonzepte vorlegen

Auch der Deutsche Reiseverband (DRV) reagierte auf die am Wochenende aufgebrandete "Sylt statt Seychellen"-Diskussion: "Die Forderung, die Deutschen sollten nur noch im Inland Urlaub machen, ist so anmaßend wie realitätsfern. Es ist mit Sicherheit nicht die Aufgabe der Volksvertreter, den Deutschen das Reisen zu verbieten", sagte der DRV-Präsident Klaus Laepple in Berlin.

Laepple warf den Politikern - die zum Urlaub in Deutschland aufriefen - "reinen Populismus und Effekthascherei" vor. Der DRV-Präsident äußerte "ernsthafte Zweifel, ob sich alle Politiker bewusst sind, welche Bedeutung die Urlaubs- und Geschäftsreisen für Deutschland haben". Statt Reisende zu bevormunden, sollten die Wortführer vom Wochenende sachlich argumentieren und langfristig zielführende Konzepte vorlegen, forderte er.

Mit rund 60,5 Milliarden Euro würden die Bundesbürger mehr Geld für Auslandsreisen ausgeben als jede andere Nation. Dass sich die öffentliche Diskussion um den Klimaschutz nun auf Urlaubsreisen mit dem Flugzeug fokussiere, verzerre das Bild. Laut DRV werden 32 Prozent aller Urlaubsreisen mit dem Flieger unternommen.

Laepple betonte zugleich, eine intakte Umwelt sei für den Tourismus unverzichtbar. Die konkreten Forderungen der Reisebranche an die Politik seien die zügige Umsetzung einer einheitlichen europäischen Flugsicherung, weniger Warteschleifen am Himmel durch einen schnellen und bedarfsgerechten Ausbau der großen Verkehrsflughäfen, eine Optimierung der Flugstrecken und eine schnelle Erhöhung der Triebwerkeffizienz. Ziel sei das "Drei-Liter-Flugzeug" (Verbrauch je Passagier pro 100 Kilometer).

abl/dpa/AP



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Seite 1
leo-minor 05.03.2007
1.
Ich finde den Vergleich sehr nett mit Rügen oder Rio. Denn auch unser Land hat sehr sehr schöne Ecken, die es gilt zu entdecken.
Christian W., 05.03.2007
2.
---Zitat von sysop--- Tourismus und Reisen werden angesichts der weltweiten Klimaprobleme neu diskutier. Würden Sie aus Klimaschutzgründen auf Fernreisen verzichten? ---Zitatende--- Nein. Wenn mich ein anderes Land interessieren würde, weil es dort irgend etwas gibt, was ich sehen oder erleben möchte, dann würde ich auch eine Fernreise dort hin antreten. Es ist ja ohne Frage richtig, dass man - wenn auch viel zu spät - sich über den Klimaschutz seine Gedanken macht, aber hier frage ich mich, warum sollte man bei seinen Urlaubsplänen anfangen umzudenken? Zu dem Artikel, der ja zu diesem Forenthread hier verweist, möchte ich noch etwas anmerken: Ich würde mal wirklich gerne wissen, welche Autos die betreffenden Politiker, die dort zitiert werden, fahren und wie umweltfreundlich diese sind im Vergleich zu anderen Wagen. Und wohin diese Politiker in ihrem eigenen Urlaub gerne reisen und mit welchem Verkehrsmittel. Lachen musste ich ja über folgendes: ---Zitat--- "Und man kommt überall gut mit der Bahn ans Ziel." ---Zitatende--- Stimmt, Herr Kelber. Nur wann man dort ankommt, ist hier die Frage. Und vor allem, wie teuer es ist. Ein Flug mit einem "Billigflug" in irgendeine beliebige europäische Hauptstadt kostet mich wahrscheinlich weniger, als wenn ich von beispielsweise Essen nach Berlin und zurück mit der Bahn fahre. Wenn die Informationen der deutschen Bahn im Internet stimmen, dann würde mich diese Reise 88,- EUR kosten. Allerdings nur mit allen Ermäßigungen, sprich, der BahnCard 50 in der zweiten Klasse. Ohne BahnCard sind es folglich 176,- EUR. Vielleicht sollte man eher weniger darüber nachdenken, "Billigflüge" zu verbieten (Muss eine neue schwachsinnige Verbotsdebatte denn wieder sein?), als mal über die Bahnpreise nachzudenken.
Kummibaer, 05.03.2007
3. Die Mücke und der Elefant
Den Umweltschutz in allen Ehren, aber man kann es auch übertreiben. Die "Vorschläge" werden ja immer abstruser. Aber wenn man es schon so weit spinnt mit dem Reisen, dann auch bitte den globalen Handeln nur noch auf das Nötigste beschränken. Das heißt keine Waren mehr aus China oder sonstwo (re-)importieren und möglichst alles im eigenen Land herstellen, um möglichst kurze Wege und Energieaufwand zu betreiben.
Carrie, 05.03.2007
4.
Kokolores! Solange ich für eine Bahnfahrt von Frankfurt nach Berlin ohne Bahnkarte 180 Euro bezahle (4,5 Stunden unterwegs) und für einen Flug 60 Euro (knapp 1 Stunde unterwegs) - solange fliege ich auch. Bei den derzeitigen Preisen und dem lauen Service der Bahn fehlt mir da momentan der Anreiz "umzusteigen"
CarHenn, 05.03.2007
5.
---Zitat von sysop--- Tourismus und Reisen werden angesichts der weltweiten Klimaprobleme neu diskutier. ---Zitatende--- "Wasser predigen, Wein saufen." sag ich dazu nur. ---Zitat von sysop--- Würden Sie aus Klimaschutzgründen auf Fernreisen verzichten? ---Zitatende--- Auf keinen Fall.
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