Ganzkörper-Scanner Macht Nacktbilder von allen!

Wie viel Privatsphäre darf der Sicherheit geopfert werden? Und warum werden an Flughäfen in den USA, Großbritannien und Deutschland immer nur dunkelhäutige Menschen bis auf die Unterhose durchsucht? Wenn schon unwürdige Kontrollen, dann bitte für jeden, fordert Hasnain Kazim.


Hamburg - Der Sicherheitsbeamte am Flughafen in Washington hat Oberarme, die keinen Widerspruch dulden. Der Stoff seines kurzärmeligen Hemdes spannt, als er nach dem Reisepass greift und sich mein Foto anschaut. Die Schirmmütze hat er so tief ins Gesicht gezogen, dass ich nicht erkennen kann, wann er aufs Bild guckt und wann auf mein Gesicht.

"Sie waren schon öfter in den USA?", fragt er zur Begrüßung.

"Ja, wieso fragen Sie?"

Er geht auf meine Gegenfrage überhaupt nicht ein.

"Und Sie sind seit Ihrer Geburt deutscher Staatsbürger?"

"Nein, ich hatte früher einen pakistanischen Pass."

Er mustert mich wieder.

"Kommen Sie mal mit."

Während die anderen Passagiere, die mit mir im Flugzeug saßen, unbehelligt gehen dürfen, führt er mich durch eine Halle. Ein paar Leute gucken mich an, als würde da gerade ein gesuchter Bombenleger abgeführt. Ich schiebe meinen Gepäckwagen hinter dem Mann mit den muskulösen Armen her. Und dann steht man da, im Washington Dulles International Airport, in einem Warteraum voller Menschen.

"Bleiben Sie hier", sagt er und verschwindet, bevor ich Gelegenheit habe zu fragen, was das Ganze soll.

Ich blicke mich um - und stelle fest, dass die Menschen in diesem Raum alle Muslime sind, Frauen mit bedecktem Haar, Männer mit Vollbärten und langen Gewändern, und mittendrin ich. Moment mal, denke ich, ich habe überhaupt keinen Bart, bin ja nicht einmal... Und selbst wenn...

"Mister?", ruft ein Beamter und zeigt auf mich. "Kommen Sie bitte hierher und öffnen Sie Ihren Koffer."

Ich tue, was man mir sagt, wuchte meinen Koffer auf die metallene Ablage und öffne ihn. Ein Beamter durchwühlt das Gepäck, nimmt dann jedes einzelne Wäschestück aus dem Koffer und legt es in eine Plastikwanne. Fünf Minuten später, die mir vorkommen wie fünf Stunden, legt er alles wieder säuberlich zurück in den Koffer. Dann verlangt er, ich möge den Laptop einschalten. Er klickt hier und da und fragt schließlich, ob er sich ein paar Daten kopieren dürfe.

Schweißgeruch zum Totumfallen

"Wie bitte? Hören Sie mal, nein, das geht nicht!", sage ich. Der hat wohl noch nie von Daten- und Informantenschutz gehört.

"Okay, okay, no problem", sagt er und fährt den Rechner wieder runter.

Dann soll ich in eine Kabine gehen und mich bis auf Socken und Unterhose ausziehen. In der Box steht die Luft, es riecht nach Schweiß und Füßen, dass man tot umfallen könnte. Man wünscht sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher, als blond und blauäugig zu sein, dann bliebe einem dieser ganze Unsinn erspart. Hunderte, vielleicht Tausende von ungewaschenen Menschen nach mehrstündigen Flügen haben hier heute schon halbnackt gestanden. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen - bloß nicht zu viel Fußboden berühren.

Es ist ein erniedrigender Moment, entwürdigender noch als diese durchsichtigen Plastiktüten mit Zahncreme und Kosmetika ("Nicht mehr als hundert Milliliter!"), mit denen man durch die EU reisen muss. Ein anderer Beamter kommt, durchsucht die ausgezogenen Klamotten und wirft einen kurzen Blick auf mich.

"Ziehen Sie sich bitte wieder an", sagt er. Danach, eine Stunde später als meine Mitreisenden aus dem Flugzeug, darf ich endlich den Flughafen verlassen - willkommen in den USA!

So wie mir ergeht es nicht nur meinen nicht-weißen Verwandten, so ergeht es nahezu allen dunkelhäutigen Menschen mit irgendwie islamisch klingenden Namen - ob sie nun Muslime sind oder nicht. Ein Vollbart, ein Shalwar Kameez, dieser Anzug aus knielangem Hemd und lockerer Stoffhose, oder irgendein Hinweis, man könnte ein Fremder in der westlichen Welt sein, genügen in den USA, in Großbritannien, immer häufiger aber auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern, um genauer untersucht zu werden. Diskriminierung nach "Western style" nennen sie das in der islamischen Welt. Ein Reisepass aus einem westlichen Land hilft da überhaupt nichts.

In Amsterdam, London, Zürich und an manchen Flughäfen in den USA sind jetzt sogenannte Bodyscanner in Betrieb: Geräte, die Passagiere bis auf die Haut durchleuchten und so am Körper befestigten Plastiksprengstoff oder Keramikmesser sichtbar machen, also das, was Metalldetektoren verborgen bleibt. Künftig werden die Kontrolleure täglich Speckröllchen, Brustamputationen und Genitalien zu sehen bekommen.

Widerstand aus EU-Parlament und Bundestag

Schon regt sich politischer Widerstand gegen diese Nacktscanner: Rechtfertigt das Sicherheitsinteresse einen derart tiefen Eingriff in die Privat-, ja Intimsphäre? Und sind nicht eventuell gesundheitliche Schäden zu erwarten?

Eine Grünen-Europaabgeordnete erklärt, sie könne sich schon die "entwürdigenden Kommentare" jener vorstellen, die diese Bilder betrachteten. Ein SPD-Europapolitiker konstatiert staunend, der "Körper- oder Nacktscanner" erstelle mit Hilfe elektromagnetischer Strahlen "ein 3D-Bild, auf dem der Fluggast ohne Kleider erscheint, inklusive der Genitalien". Im Bundestag erkennen Politiker von SPD, FDP, Grünen und Linken einen "Kontrollwahn", eine "Sicherheitshysterie", eine "Peepshow".

Von konservativer Seite wird dagegen wohl wieder nichts anderes zu hören sein als das Uraltargument, wer nichts zu verbergen habe, müsse nichts befürchten. Die EU-Kommission redet davon, mit dem neuartigen Gerät würden die bestehenden Sicherheitsvorkehrungen "in sehr effizienter Weise" ergänzt. Das Abtasten alleine reiche nicht aus. Das EU-Parlament befürchtet dagegen einen "schwerwiegenden Eingriff in die Grundrechte der Bürger".

Die Grundfrage ist: Wie viel Privatsphäre wollen wir um der Sicherheit willen opfern? Das gilt beim Lauschangriff, bei der Kameraüberwachung, bei biometrischen Ausweisen - und eben auch bei der Kontrolle am Flughafen. Anders gefragt: Wollen wir größtmögliche Sicherheit? Oder akzeptieren wir, dass es keine absolute Sicherheit gibt, und nehmen deswegen laschere Kontrollen hin?

Wenn schon staatliches Schnüffeln im Privatbereich gewünscht wird, dann bitte bei allen. Viele Menschen werden es zwar merkwürdig bis skandalös finden, sich plötzlich bis auf die Haut durchleuchtet zu sehen. Aber wenigstens ist es eine virtuelle Nacktheit, die nur auf dem Bildschirm stattfindet und die hoffentlich nur wenige Sicherheitsbeamte zu sehen bekommen - und keine echte, mit der sich bisher vor allem muslimische und vermeintlich muslimische Menschen in westlichen Ländern abfinden müssen. Der Bodyscan ist eine demokratische Nacktheit: Jeder wird durchleuchtet, ob weiß, gelb, braun oder schwarz, dick oder dünn, jung oder alt, Mann oder Frau.

Eine kollektive Entwürdigung ist weniger entwürdigend als die Bloßstellung einzelner Bevölkerungsgruppen. Entwürdigung bleibt aber Entwürdigung. Auch im Namen der Sicherheit.

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