Gondoliere in Venedig Erste Frau am Ruder

Revolution auf dem Canal Grande: Zum ersten Mal wird in Venedig eine Frau zur Gondoliere ausgebildet. Die 23-jährige Giorgia Boscolo stößt damit in einen Berufsstand vor, der bisher reine Männerbastion war. Nicht alle Kollegen sind begeistert.

REUTERS

Venedig - Sie gehören zu Venedig wie die Bobbys zu London oder die Schweizer Garde zum Vatikan: Seit Jahrhunderten lenkt der Berufsstand der Gondolieri die typisch venezianischen schlanken Boote durch die Kanäle der italienischen Lagunenstadt. Doch die bisher exklusiv männliche und extrem einträgliche Zunft der Gondelfahrer hat jetzt weiblichen Zuwachs erhalten. Mit Giorgia Boscolo wird erstmals eine Frau zur Gondoliere ausgebildet.

"Es war mein sehnlichster Wunsch, seit ich ganz klein war", sagte die 23-Jährige. Sie habe schon mit sieben Jahren begonnen, ihrem Vater nachzueifern, der ebenfalls zu den rund 400 männlichen Mitgliedern dieses Berufsstandes zählt.

Die Aufnahmeprüfung bestand Giorgia bereits im Juni. Seither steht die Mutter zweier Kinder täglich mehrere Stunden am Ruder ihrer Gondel, um die komplizierten Manöver in den engen Kanälen zu erlernen. "Es ist ein wenig anstrengend", räumt Boscolo ein. Allerdings gebe es ein paar geheime Tricks, um die Arbeit zu erleichtern. Insgesamt dauert die Ausbildung anderthalb Jahre. Danach kann sie damit rechnen, in den Berufsstand Ente Gondola aufgenommen zu werden.

Sturm der Entrüstung auf dem Canal Grande

Von den männlichen Kollegen wird die Aufnahme der jungen blonden Frau hingegen mit gemischten Gefühlen verfolgt, die meisten Gondelführer wollen sich dazu gar nicht äußern. Der 35-jährige Alvise sagte, er finde Gefallen an dem Gedanken, dass es auch eine Frau in den ehrwürdigen Berufsstand schaffe. Sein Kollege Nino sieht das schon kritischer. Er wies darauf hin, dass es "körperlich belastend" sei, die Gondel zu steuern - "vor allem bei starkem Wind".

Das sind vergleichsweise milde Töne aus den Reihen der Gondolieri, denn die Berufsinnung kann auch anders: Anfang 2007 zog sie mit scharfen Protesten zu Felde, als die deutsche Alexandra Hai als erste Frau für ein privates Unternehmen Touristen durch die venezianischen Kanäle beförderte. Zwar durfte sie sich nicht mit dem stolzen Titel "Gondoliere" schmücken, da sie mehrmals durch die offizielle Prüfung gefallen war, trotzdem warnten die italienischen Medien vor einem aufkommendem "Sturm auf dem Canal Grande".

Der Streit um die Berufszulassung hat durchaus auch materielle Gründe: Jedes Jahr kommen mehr als 15 Millionen Touristen nach Venedig, die sich mit den nachtschwarzen Barken umherschippern lassen. In der Hochsaison verdienen die Männer in den traditionellen Matrosenhemden daher bis zu 5000 Euro pro Monat.

Auch wenn der Zugang in diesen elitären Berufskreis schwer ist - Giorgia Boscolo hofft, dass es andere Frauen ihr gleichtun werden und versuchen, sich einen der begehrten Ruderplätze zu ergattern.

org/AFP



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