Gotthard-Tunnel 10.000 Kubikmeter Gestein werden abgesprengt

Zwischen den Nordeuropäern und den sonnigen Stränden Italiens liegt der Gotthard-Tunnel. Das Nadelöhr in den Schweizer Alpen ist seit dem tödlichen Steinschlag gesperrt, Urlauber müssen lange Umwege in Kauf nehmen. Gewaltige Sprengungen sollen die Fahrt wieder sicher machen.


Altdorf - Mühselig und langsam schieben sich die Autos über die Gotthardstraße zwischen Erstfeld und Gurtnellen. Seit dem Steinschlag am Schweizer Gotthard-Tunnel Ende Mai dürfen nur noch Fahrzeuge mit Passierschein in die Nähe der gefährdeten Strecke kommen - und auch sie müssen den gesperrten Tunnel umfahren. Alle anderen werden von der Polizei zurückgeschickt und auf Umwege von über hundert Kilometern verwiesen. Die Gotthard-Autobahn ist komplett gesperrt. Kaum auszudenken, was hier los sein wird, wenn die Sommerferien beginnen - die Behörden arbeiten fieberhaft, um den Tunnel rechtzeitig vorher wieder zu öffnen. "Unser Ziel ist das Wochenende des 8. Juli - das sehen wir als den Beginn der Sommerferien an", sagt Joseph Dittli, Sicherheitschef im Kanton Uri.

Doch bis dahin bleibt viel zu tun: Der Krisenstab in Altdorf bereitet gewaltige Sprengungen vor, die weitere Unglücke verhindern sollen. Am 31. Mai waren bei einem riesigen Steinschlag auf der Gotthard-Autobahn zwei Deutsche in ihrem Auto getötet worden. Mittlerweile wurden in den Felsen oberhalb der Straße weitere Risse ausgemacht. 10.000 Kubikmeter Gestein müssen abgesprengt werden. Die Geologen, die die Felsen untersuchen, können ihre Radarmessungen wegen des unwegsamen Geländes nur vom Hubschrauber aus bei schönem Wetter vornehmen und operieren mühselig vom gegenüberliegenden Hang aus. Die Punkte, an denen das Dynamit platziert werden soll, müssen in Präzisionsarbeit festgelegt werden.

Hunderte Kilometer lange Umwege

Bis dahin "müssen Sie hier mit langen Wartezeiten rechnen", sagt Polizeichef Reto Hubermacher. Selbst außerhalb der Ferienzeit ist die zentrale Verbindung zwischen Nord- und Südseite der Alpen stark befahren. Wenn erst der Sommer kommt, werden Hunderttausende Autos erwartet: Die Gotthard-Autobahn ist die Ferienstraße für Deutsche und andere Nordeuropäer. Allein im Juli 2005 fuhren 700.000 Fahrzeuge über die Strecke, davon 140.000 Lastwagen und Autobusse.

Wer heute ohne die Abkürzung durch den Fels auskommen muss, dem drohen lange Umwege. An der gesperrten Straße steht ein Schild mit der Aufschrift "Lugano, Autobahn" - doch dahinter verbirgt sich eine Umleitung über den San-Bernardino-Pass. Das rund hundert Kilometer entfernte Lugano erreichen die Autofahrer also erst nach über 200 Kilometern. Ab diesem Wochenende sollen den Behörden zufolge alle Pässe der Region offen sein: der Suspen, der Furka und der Grimsel. Sehr viel weiter südlich gibt es als Ausweichmöglichkeit noch den Simplon-Tunnel - der führt in die italienische Region Domodossola nördlich von Mailand.

Diese Aussichten haben offenbar schon jetzt viele Reisende abgeschreckt. "Wir haben nur Absagen, die Leute fürchten sich, auch wenn wir ihnen Passierscheine besorgen können", sagt die Chefin des Gotthard-Hotels in Gurtnellen. Sie macht sich mittlerweile Sorgen um ihr Gasthaus, das in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert. Wenn der Tunnel nicht bald wieder geöffnet werde, "dann kann das das Ende des Hotels sein".

Von Marie-Noelle Blessig, AFP



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