Großbritannien Flugbranche beklagt "komplett überflüssige" Sicherheitsmaßnahmen

Shampoo in die Tüte, Nagelfeile in den Koffer, Schuhe ausziehen: Jahr für Jahr fühlen sich die Passagiere durch Kontrollen an Flughäfen mehr schikaniert. Der British-Airways-Chef hat seinem Ärger über unsinnige Maßnahmen Luft gemacht - und beklagt das mangelnde Rückgrat seiner Regierung.

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Fliegen könnte so schön sein - wäre da nicht die Zeit zwischen dem Betreten des Flughafens und dem Abheben des Flugzeugs. Vielreisende ermüdet schon der Gedanke an die Schlangen vor den Check-in-Automaten und Gepäckabgabe-Schaltern, vor allem aber vor den Sicherheitskontrollen, die sie gelangweilt abarbeiten müssen, statt sich einen Cappuccino genehmigen zu können.

Schritt für Schritt hat das Kontrollprogramm seit den Terroranschlägen vom September 2001 zugenommen - und geht den Passagieren gehörig auf die Nerven. Seitenlange Anweisungen gilt es zu beachten: Nagelfeile und Taschenmesser in den Koffer, Zahnpasta in die Tüte und Laptop bereithalten zum Auspacken. Viele der Maßnahmen folgten auf Initiative der USA - und auf Reisen in die Staaten muss zuvor ein Esta-Visum beantragt werden, auf US-Boden angekommen, folgt die digitale Erfassung von Fingerabdrücken und Porträtfoto.

Seinem Ärger über den Sinn beziehungsweise Unsinn der Maßnahmen hat nun der Vorstandsvorsitzende von British Airways (BA), Martin Broughton, Luft gemacht. Als ineffizient und "komplett überflüssig" bezeichnete der Chef der größten britischen Fluglinie manche der Sicherheitschecks an Flughäfen, wie die "Financial Times" berichtete. Er erhielt prompt Rückendeckung aus der Branche in Großbritannien.

Broughton: Bestimmte Maßnahmen müssen abgeschafft werden

Niemand wolle schwache Sicherheitsmaßnahmen, sagte Broughton laut der Zeitung auf einer Konferenz britischer Flughafenbetreiber am Dienstag. "Aber wir alle wissen, dass es eine Anzahl von Elementen im Sicherheitsprogramm gibt", die abgeschafft werden müssten. Zum Beispiel, die Passagiere zu zwingen, ihre Schuhe auszuziehen. Oder dass ihre Laptops extra kontrolliert werden müssen.

Auch die unterschiedliche Behandlung von Laptops und anderer Computer-Ausrüstung auf verschiedenen Flughäfen bemängelt der BA-Vorstandsvorsitzende: "Nehmen Sie das iPad, bisher ist nicht entschieden worden, ob es ein Laptop ist oder nicht. So schreiben manche Flughäfen vor, es auszupacken, und manche nicht." Einmal habe der Flughafen Heathrow eine neue Technologie zur Laptop-Kontrolle eingesetzt, bei der das Gerät nicht mehr extra geprüft werden musste. Doch die Behörden wollten das nicht - "es ist einfach komplett lächerlich", sagte Broughton.

Die Regierungen sollten aufhören, vor den US-Amerikanern einen Kotau zu machen. Der BA-Chef versteht nicht, warum immer jede Sicherheitsvorkehrung umgesetzt wird, die von den Vereinigten Staaten verlangt werde - besonders wenn dies Standards betrifft, die sie auf ihren Inlandsflügen selbst nicht einführen. "Wir sollten sagen: 'Wir machen nur das, was wir selbst für wichtig halten und was ihr Amerikaner auch für wichtig haltet.'"

Die Branche signalisiert Zustimmung - sind es doch die Fluggesellschaften und Flughäfen, die Kosten der Sicherheitsmaßnahmen mittragen müssen. Der Chef der britischen Fluglinienvereinigung Bar, Mike Carrivick, sagte der BBC, "Jedes Mal, wenn es eine neue Bedrohung gibt, wird eine extra Maßnahme ergriffen." Die Industrie sollte "einen Schritt zurücktreten und einen Blick auf die Gesamtsituation werfen". Standards würden ständig verändert, und das übe Druck auf Fluglinien und Flughäfen aus.

Gewerkschaft: Kontrollen können Gefahren nicht bannen

Der Chef des Flughafenbetreibers BAA, Colin Matthews, hofft: "Wir könnten sicherlich einen besseren Job für die Kunden machen, wenn wir all diese einzelnen Prozesse rationalisieren könnten." Auch die britische Pilotengewerkschaft Balpa bemängelte die derzeitigen Kontrollen, sie seien nicht darauf ausgelegt, die tatsächlichen Gefahren durch internationalen Terrorismus zu bannen.

Broughtons Ausbruch kommt pünktlich ein paar Tage, bevor die USA erneut die Sicherheitsschraube andrehen: Ab 1. November sind Fluggesellschaften im Rahmen des Secure-Flight-Programms verpflichtet, bis drei Tage vor Abflug neben dem Namen auch Geburtsdatum und Geschlecht des Reisenden an die US-Transportsicherheitsbehörde (TSA) zu übermitteln.

Vor allem beim Passagierdatenaustausch haben die USA die europäischen Staaten stark unter Druck gesetzt. Doch auch die EU will von mancher umstrittenen Maßnahme partout nicht abrücken. Zum Beispiel von der Flüssigkeitsbeschränkung im Handgepäck. Nur sobald auf den Flughäfen Flüssigkeitsdetektoren zum Einsatz kommen, wollen die EU-Länder die Regulierung aufheben. Als ob findige Terroristen nicht auch mit einem Volumen von 100 Millilitern auskommen würden.



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Seite 1
Verschlimmbesserer 28.10.2010
1. ..
Oh, da steht er nicht alleine. Falls mal ein sogenannter Terrorist auf die Idee kommen sollte, mit Hilfe von hochentzündlichen, brennbaren oder explodierenden Haaren ein Flugzeug zu sprengen oder auch nur den Versuch zu machen, wird uns in naher Zukunft alle der Sicherheits-Hiwi am Flughafen eine sicherheitskompatible Vollglatze inklusive Schamrasur verpassen. Sicher ist sicher.
Zyklotron, 28.10.2010
2. Einmal Nacktscanner und zurück
Es geht bei den ganzen Maßnahmen sowieso nicht um Sicherheit. Es geht darum, die kleinen Bürger zu drangsalieren und zu demütigen.
Pfeiffer mit drei F 28.10.2010
3. Absolute Zustimmung
Die meisten der Sicherheitskontrollen sind völliger Schwachfug. So hart das auch klingen mag: Wir sollten aufhören, vor dem Terrorismus in die Knie zu gehen und akzeptieren, dass es Opfer gibt. Die beste Methode gegen Terrorismus ist, sich vom Terrorismus nicht einschüchtern zu lassen. Denn eine Erhöhung der Sicherheitsstandards bedeutet auf lange Sicht nur eine Verschiebung des Ziels. Wenn es im Luftverkehr nicht mehr klappt, sind halt der Zugverkehr, Hochhäuser oder Stadien dran. Von der Vollkaskomentalität sollten wir uns deshalb schleunigst verabschieden. PS: Jeder Sportpilot kann mit zig Kilogramm Sprengstoff im Gepäck sich direkt auf einen Flughafenterminal oder ein auf dem Rollfeld wartendes Flugzeug stürzen. Wenn man böse Dinge auf einem Flughafen veranstalten wollte, könnte man das also ohne Probleme machen, ohne dass man von Sicherheitskontrollen beeinträchtigt würde. Dass solche Dinge nicht geschehen, ist dem Umstand geschuldet, dass der Terrorismus in der westlichen Welt ein in der Realität eher vernachlässigbares Risiko darstellt.
fruchtoase, 28.10.2010
4. Sicherheit absurd
Dieser ganze Sicherheitswahn ist doch völlig absurd. Da werden täglich Tausende von Menschen kontrolliert und gegängelt, nur damit sich der Amerikaner vermeintlich sicher fühlen kann. Was soll dieser ganze Unsinn? Die Terroristen sind ja auch nicht ganz bescheuert, in Spanien und England war es schließlich auch kein Flugzeug, welches als Terrorziel anvisiert wurde. Werden wir demnächst also Körperscanner und 20 Kameras an jeder Bushaltestelle haben? Das Gefahrenpotential in Betracht ziehend ist dies alles nur noch als völliger Wahnsinn zu betrachten. Nur zwei Erklärungen bringen da Licht ins Dunkel, zum einen ist das Ganze ein prima Vorwand für die Wissbegier der Datenkrake Staat und zum anderen sind Sachen wie Beschränkungen bei der Mitführung (Flüssigkeiten > 100 ml) natürlich eine prima Einnahmequelle für Flughäfen und Fluglinien, da man ja im Flughafen dank zig Kontrollen und Warteschlangen eine lange Zeit verbringt und dabei nicht verdursten will. Einfach ein Wahnsinn.
Indigo76 28.10.2010
5. Titelverweigerer
Das Ganze ist ein riesengroßer Bluff. Was wollen die Amerikaner denn machen, wenn die europäischen Fluglinien die unsinnigen Sicherheitsbestimmungen abschaffen? Wollen sie sämtlichen Geschäftsleuten und Touristen die Einreise verwehren? Das halten sie doch keine 24 Stunden durch, ohne dass die regulierenden Behörden von der Touristikindustrie und diversen Lobbyisten aus den unterschiedlichsten Geschäftszweigen in der Luft zerissen werden. Nich mitzen - einfach machen. Die Amis werden den Schwanz schon einziehen. Sie haben gar keine andere Möglichkeit. Die Zeiten, als die USA noch unabhängig waren sind lange vorbei. Ohne europäische Handelspartner geht die amerikanische Wirtschaft ganz schnell ein. Vielleicht sollte Europa endlich auch mal ein wenig mit dem Säbel rasseln.
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