Großbritannien-Tourismus nach dem Brexit "Europa ist für uns absolut lebensnotwendig"

Drei Wochen vor dem Brexit-Stichtag wirbt Großbritannien auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin um die Gunst der Urlauber. Die Botschaft an europäische Reisende: Ihr seid für uns unersetzbar.

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Schwer vorstellbar, dass auch nur irgendjemand in Halle 18 der Berliner Messe für den Brexit gestimmt hat. Damals, am 23. Juni 2016. Als Großbritannien ein historisches Referendum hinlegte - und überraschend für den Austritt aus der Europäischen Union votierte. Nun hängen Pappwürfel mit dem Union Jack über Dutzenden Ständen britischer Tourismus-Akteure. "Find your Great Britain", lautet der Slogan, wobei das Wort great doppelt so dick gedruckt ist wie die anderen und auf rotem Grund steht.

Die Fremdenverkehrsämter von England, Wales, Schottland und Nordirland präsentieren sich in diesen Tagen auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Tausende Reiseveranstalter, Airlines, Hotels und Reiseregionen buhlen hier um die Gunst der Reisevermittler und Konsumenten. Nach den Fachtagen öffnet die ITB am Wochenende für das Privatpublikum.

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Stadt, Land, Fluss: So schön ist Großbritannien

Die ITB ist die größte Reisemesse der Welt - da ist es für jeden Aussteller das Mindeste, eine gute Figur zu machen, für das perfekte Image zu sorgen. Und im besten Fall viele Buchungen und Geschäftsabschlüsse mit nach Hause zu nehmen.

"Es wird schwierig für uns", sagt Anthony Pickles, Head of Tourism Affairs von VisitBritain, dem britischen Fremdenverkehrsamt. Sein Anliegen: Den Menschen zeigen, "dass wir offen sind, dass wir Besucher herzlich willkommen heißen". Sein Versprechen: "Unser touristisches Angebot ist so gut wie immer."

Pickles weiß, dass seine Botschaften vor allem bei den Europäern verfangen müssen. Zwei Drittel der internationalen Großbritannien-Urlauber kommen aus EU-Ländern. "Europa ist für unsere Tourismusindustrie absolut lebensnotwendig", sagt Pickles. Dieser Markt sei für die Briten "unersetzbar".

"Ihr Deutschen, ihr liebt Schottland"

Großbritannien hat derzeit mit einem Besucherrückgang zu kämpfen. Zwischen Januar und Oktober 2018 verzeichnete es 32 Millionen Besucher aus dem Ausland - das waren vier Prozent weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. Problematischer noch sind die sinkenden Ausgaben der Urlauber. Der Rückgang betrug in dem Zeitraum acht Prozent.

Anthony Pickles weist zurück, dass die Zahlen etwas mit dem Brexit zu tun haben könnten: "Ich glaube nicht, dass das Wahlverhalten bestimmter Regionen Touristen anlockt oder verschreckt." Unübersehbar ist jedoch, dass sich Großbritanniens jüngste Tourismusentwicklung regional stark unterscheidet. "Schottland hatte zuletzt einen unglaublichen Besucheranstieg", sagt Pickles. Im ersten Quartal 2018 betrug der Zuwachs bei Touristen aus dem Ausland 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Schottland war einer der Teile von Großbritannien, der nicht für den Brexit gestimmt hat. "Wir waren klar dagegen", sagt Marie Coulon, Pressesprecherin von VisitScotland. Sie sieht den Brexit nicht als Gefahr für's Geschäft. Die größte Besuchernation sei Großbritannien, dann kämen die USA - und als drittes Deutschland. "Ihr seid treue Besucher", sagt Coulon, "ihr Deutschen, ihr liebt Schottland."

Spaniens größte Sorge: Bleiben die Briten zu Hause?

Nach außen wirkt die Reisewelt auf der ITB so Photoshop-schön wie immer: In der Großbritannien-Halle tosen die Wellen rauer Küstenstreifen über Bildschirme, laufen Wildpferde durch Hochglanzbroschüren, und plakatierte Straßenszenen aus London und Edinburgh sollen die Lust auf einen Städtetrip wecken.

Doch auf der ITB sind nicht nur Jubelschreie zu hören. Es herrscht eine gewisse Nervosität - vor allem unter jenen Touristikern, die sich seit Jahrzehnten auf die Briten verlassen. Spanien etwa hat viel zu befürchten, wenn es um die Urlauber aus dem Norden geht. Sie zählen neben den Deutschen zur wichtigsten Besuchergruppe. Im vergangenen Jahr schreckte eine Statistik die Branche auf: Im Juli 2018 kamen 5,6 Prozent weniger britische Besucher nach Spanien als im Vorjahr - und das ausgerechnet im so wichtigen Sommergeschäft.

Auch bei Octavi Bono i Gispert läuteten die Alarmglocken. Der Generaldirektor für den Tourismus in Katalonien ist in ständigem Kontakt mit Unternehmen aus dem Fremdenverkehr, er weiß um die Verunsicherung, die herrscht. Vor allem die traditionellen Anbieter hätten skeptisch in die Zukunft geblickt, sagt Bono i Gispert.

Also startete er Marktanalysen, um das Buchungsverhalten der Briten besser zu verstehen. Werden sie 2019 trotz des Brexits nach Spanien reisen? Oder halten sie sich mit Urlaubsausgaben zurück? Er ließ 2800 Reisebüros in Großbritannien Fragen beantworten - und war positiv überrascht. "Anfang Februar lagen die Buchungen drei Prozent im Plus, verglichen mit dem Vorjahr."

Egal wen man fragt - alle Beteiligten jonglieren mit Zahlen, schauen gebannt darauf, ob sich der Markt verändert. Nur noch drei Wochen bis zum Brexit-Stichtag, dem 29. März 2019. Dann soll der EU-Austritt Realität werden - wenn er nicht noch aufgeschoben oder abgesagt wird.

"Wir können ohnehin wenig machen", sagt Lexa Wilms, Pressesprecherin der Balearen, für die die Briten nach den Deutschen die zweitwichtigsten Kunden sind. Eigentlich könne man nur abwarten, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Und hoffen, dass das Pfund nicht so stark an Wert verliert, dass die Briten ihre Urlaube streichen. "Es ist Kaffeesatzleserei", sagt Wilms. "Nicht mal die Briten wissen, was passieren wird."

Vorsichtshalber klopfen Inseln wie Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera aber schon mal in Kanada, den USA und Skandinavien an. Mit groß angelegten Werbekampagnen will man dort neue Märkte erschließen.

Visumspflicht, Einreisekontrollen - werden UK-Reisen nun kompliziert?

Schottland-Repräsentantin Marie Coulon hat ein Auge auf reisepraktische Details, die letztlich darüber entscheiden werden, ob ihre Sorglosigkeit von Dauer ist. Ob Reisende auch nach dem 29. März 2019 noch Glasgow und die Highlands ansteuern werden.

Immerhin steht inzwischen fest, dass Flüge selbst bei einem ungeregelten Brexit weitestgehend reibungslos funktionieren sollen. Das hatten Vertreter der EU-Staaten und des Parlaments verhandelt. Störungen sind dennoch denkbar. Ryanair hat vorsichtshalber Ersatzteile aus dem englischen Zentrallager auf andere EU-Standorte verteilt - wegen möglicher Zollbeschränkungen.

Welche neuen Einreisebestimmungen wird es nach dem Brexit geben, wer wird künftig ein Visum brauchen, um nach Großbritannien einreisen zu dürfen? Die britische Regierung hat hierzu eine Frage-und-Antwort-Liste online zur Verfügung gestellt - jeweils zu den möglichen Szenarien des Brexits mit und des Brexits ohne Deal.

Coulon zeigt auf ihrem Smartphone die wichtigsten Beschlüsse. "Die UK wird für alle EU-Bürger visumsfrei bleiben", liest sie vor und zitiert weiter: "Wie man sich an Großbritanniens Grenze künftig wird ausweisen müssen, ändert sich nicht - selbst im Falle eines No-Deal-Brexits". Für EU-Bürger heißt das konkret, dass es weiter reichen wird, den Personalausweis vorzuzeigen. Coulon lächelt. Good news.

Den hassle factor nennt Caroline Bremner das, was Touristiker so fürchten: Wenn das Reisen kompliziert wird, könnte es Verbraucher abschrecken. Bremner ist auf Analysen der Tourismusbranche spezialisiert und arbeitet beim renommierten Markforschungsinstitut Euromonitor. Zwar sei politisch bereits viel geschehen, um den Verbrauchern Planbarkeit für ihre Reisen nach dem Brexit zuzusichern. Aber insgesamt findet sie: "Die Unsicherheit wächst."

Das schlimmste Szenario für den Tourismus? Ein No-Deal-Brexit. "Es wäre ein gewaltiger Schock für die Wirtschaft und würde das Pfund massiv schwächen", sagt Bremner. Das einzig Gute: "Dann wäre Großbritannien in den nächsten Jahren ein ziemlich erschwingliches Reiseziel."

insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
tommirf 08.03.2019
1. Vielleicht etwas spät...
und vielleicht auch an der falschen Stelle. Der großbritannische Tourismusverband hätte sich mal vor zwei Jahren zu Wort melden sollen, und zwar im eigenen Land. Das positive: für uns EURO-Europäer dürfte das Reisen nach GB wohl preisgünstiger werden...
Frietjoff 08.03.2019
2.
Zitat von tommirfund vielleicht auch an der falschen Stelle. Der großbritannische Tourismusverband hätte sich mal vor zwei Jahren zu Wort melden sollen, und zwar im eigenen Land. Das positive: für uns EURO-Europäer dürfte das Reisen nach GB wohl preisgünstiger werden...
Nicht, was telefonieren und Internet angeht. Da wird es richtig teuer, denn dass die Anbieter das kostenlose EU-Roaming FREIWILLIG auf das UK ausdehnen, glaubt ja nun wirklich niemand. Wie einfach oder schwierig es sein wird, mit dem eigenen Auto, Motorrad oder Wohnmobil ins UK einzureisen, steht auch noch in den Sternen. Deswegen haben jetzt ja schon die Nord- und (Süd-)Iren Panik. Und genau solche (vermeintlichen) »Kleinigkeiten« werden Touristen eben abschrecken. Die weichen dann eben auf Irland, Island, (Kontinental-)Skandinavien aus.
Hamberliner 08.03.2019
3. Sorgen der Iren
Zitat von FrietjoffNicht, was telefonieren und Internet angeht. Da wird es richtig teuer, denn dass die Anbieter das kostenlose EU-Roaming FREIWILLIG auf das UK ausdehnen, glaubt ja nun wirklich niemand. Wie einfach oder schwierig es sein wird, mit dem eigenen Auto, Motorrad oder Wohnmobil ins UK einzureisen, steht auch noch in den Sternen. Deswegen haben jetzt ja schon die Nord- und (Süd-)Iren Panik. Und genau solche (vermeintlichen) »Kleinigkeiten« werden Touristen eben abschrecken. Die weichen dann eben auf Irland, Island, (Kontinental-)Skandinavien aus.
Kann ich nicht bestätigen. In UK kann man sich doch eine lokale SIM-Karte kaufen, und gut ist. Die Iren brauchen sich auch um die selbst fahrenden "Touristen" (wir Nichtballermänner hassen es, so bezeichnet zu werden) keine Sorgen zu machen, denn es gibt schon jetzt jede Menge direkte Fährverbindungen zwischen Irland und der Bretagne. Nur eine direkte Fährverbindung zwischen Irland (warum nicht Cork) und Santander vermisse ich.
mimas101 08.03.2019
4. Hmm Tja
Erst herumschreien das man die EWG nicht mehr sehen kann und man deshalb mit wehenden Fahnen davonläuft. Und jetzt: Geschrei weil die Touristen, die das Geld bringen, wegbleiben. Offensichtlich reichen die paar Touristen außerhalb der brüsseler EWG nicht aus. Da drängt sich doch glatt die Frage auf: Wissen die Briten eigentlich noch was sie wollen? Außerdem - extra für Spon wurde eine historische Straße in einem historischen Dorf mit historischen Häusern abgelichtet das auf den britischen Inseln herumliegen sollte. Sowas findet man auch z.B. in Frankreich. Der Unterschied: In Frankreich ist's wärmer wenn man dort urlaubt. Und man kann dort alles kaufen was das Herz begehrt, in GB wäre ich mir nicht soo sicher. Außerdem ist die französische Küche um Klassen besser, Internet samt Handy viel billiger als bei uns und leider dürfen die Telefonisten dort nicht für Roaming abkassieren.
kalzifer 08.03.2019
5. spielt keine Rolle
Es ist doch urlaubstechnisch völlig egal, ob Großbritannien nun in der EU ist oder nicht. Ich war schon in GB als Tourist, als es noch nicht in der EU war. Und ich werde auch diesen Sommer wieder schöne Wochen dort verbringen, mit oder ohne Brexit. Jedes Jahr verbringen Menschen ihren Urlaub in Nicht-EU-Ländern völlig ohne Probleme.
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