Große Kreuzfahrtschiffe Schwimmende Bettenburgen erobern das Mittelmeer

Nizza, Istanbul und anderen Mittelmeer-Häfen steht eine Invasion gigantischer Kreuzfahrtschiffe bevor. Die schwimmenden Hotels mit Platz für mehr als 2500 Passagiere bieten mit ihren Wellnessbereichen, Pools und Kletterwänden den Gästen viel Abwechslung - da ist die Landschaft oft nur Kulisse.


Frankfurt/Main - In der Karibik gehören sie längst zum Alltag, im Mittelmeer sind sie noch eine Rarität: Kreuzfahrtschiffe mit Platz für mehr als 2500 Passagiere. Doch das ändert sich jetzt: Im Sommer 2006 haben die Häfen von Gibraltar bis Istanbul regelmäßig Schiffsriesen zu Gast, wie sie bislang vor allem in Miami zu sehen waren. Die US-Reederei Royal Caribbean International (RCI) schickt erstmals die "Voyager of the Seas" mit Platz für 3114 Urlauber nach Europa. Im Juli stellen mit MSC und Costa außerdem zwei italienische Anbieter neue Schiffe in Dienst, die mit 2500 bis 3000 Betten größer ausfallen als die bisherigen Flottenmitglieder.

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Neue Kreuzfahrtschiffe: Kletterwände, Wellness- und Poollandschaft

Das alles ist nur der Anfang: "Große Pötte" werden im Mittelmeerraum bald zum Standard. "Noch vor fünf Jahren lag die Durchschnittsgröße eines Schiffes im Mittelmeer bei 1500 Betten. Heute gehen wir auf 2000 bis 2200 zu", sagt Jerome Danglidis, der RCI-Nordeuropa-Direktor in Frankfurt. Michael Thamm, Präsident von Aida Cruises in Rostock und Vorsitzender des Schifffahrtsausschusses im Reiseverband DRV, ist ebenfalls davon überzeugt, dass sich die Größenordnungen verschieben: "Das 2000-Betten-Schiff wird zur bestimmenden Größe im Mittelmeer."

Theater an Bord für 1200 Zuschauer

Während Deutschlands Seereisen-Marktführer Aida selbst noch auf drei größere Neubauten wartet, die 2007 bis 2009 zur Flotte stoßen, haben Reedereien aus den USA und Italien die Nase vorn. Thamm sieht das aber gelassen: "Jedes Schiff, das nach Europa kommt, hilft den deutschen Kreuzfahrtmarkt zu erschließen. Die Nachfrage ist viel zügiger gestiegen als das Angebot." Kreuzfahrten gelten in Deutschland als eines der am stärksten wachsenden Reise-Segmente.

An die neuen Riesen-Schiffe werden sich manche Kreuzfahrtfans aber erst gewöhnen müssen - auch solche, die mit MSC oder Costa bereits Urlaub gemacht haben. Die Italiener lassen ihre Neuerwerbungen fast zeitgleich auf große Fahrt gehen. Die gut 290 Meter lange "Costa Concordia" mit Platz für 3000 Gäste in Doppelkabinen bricht am 15. Juli im italienischen Savona erstmals zu Fahrten im westlichen Mittelmeer auf. Die 294 Meter lange "MSC Musica" fährt ihre 2550 Passagiere von Venedig aus vor allem gen Osten. Stationen sind zum Beispiel Dubrovnik in Kroatien, Bari in Apulien und Izmir.

Mit den neuen Schiffen kommen auch neue Einrichtungen an Bord. So verweist MSC auf Balkone an fast zwei Drittel der Kabinen und auf ein Theater über drei Decks für 1200 Zuschauer. Costa ist stolz auf einen 1900 Quadratmeter großen Wellnessbereich und zwei Pools mit gläsernen Schiebedächern. RCIs "Voyager" besitzt eine Kletterwand 60 Meter über dem Meer und eine Eislaufbahn.

Ausgangs- und Zielhafen für die Mittelmeer-Fahrten der "Voyager" ist vom 27. Mai bis 4. November jeweils Barcelona. In diesem Sommer sind 60 Prozent der Betten für Passagiere aus Europa reserviert. Die anderen 40 Prozent werden vor allem an Urlauber aus Nordamerika verkauft, die Städte wie Nizza, Rom und Neapel kennen lernen wollen. Die bisherige Erfahrung mit der "Voyager-Klasse" zeigt aber auch, dass die Hälfte der Gäste gar nicht an Landausflügen teilnimmt: Ihnen bietet das Schiff Abwechslung genug, die Landschaft ist nur Kulisse.

Surfen von Deck zu Deck

RCI schickt die "Voyager" nur deshalb nach Europa, weil in der Karibik noch größerer Ersatz für sie kommt. Im April nimmt Royal Caribbean die "Freedom of the Seas" in Empfang, die ihrerseits die Verhältnisse jenseits des Atlantiks revolutionieren wird: Mit 339 Metern ist sie zwar sechs Meter kürzer als die "Queen Mary 2", doch wird die bisher unerreichte Zahl von 4370 Passagieren an Bord Platz haben. Zu den Neuheiten gehört hier eine "Flow-Rider" genannte Wellenanlage, mit der sportliche Gäste von Deck 13 zu Deck 12 hinabsurfen können.

Insgesamt drei Schiffe der "Freedom-Klasse" wird RCI bis zum Jahr 2008 erhalten und in der Karibik einsetzen. Nicht ausgeschlossen ist damit, dass die Reederei schon 2007 noch ein zweites Schiff der "Voyager-Klasse" nach Europa entsendet, etwa für Norwegen- und Ostseetouren. Als Start- und Zielhäfen kämen Stockholm, Amsterdam und Southampton in Frage. "Entschieden ist aber nichts", sagt Danglidis. "Wir warten erst ab, wie sich die "Voyager" in Barcelona entwickelt."

Dass die schwimmenden Hotels der neuen Generation vielen anonymen Bettenburgen an Land gleichen, wird ihnen oft vorgeworfen. Die Macher der Schiffsreisen sehen das nicht so: Man wolle "eine Pauschalreise auf dem Wasser bieten und mehr Familien an Bord holen", sagt MSC-Deutschland-Chef Falk-Hartwig Rost in München. "Die großen Schiffe bieten außerdem eine größere Auswahl, zum Beispiel bei den Restaurants", sagt Thamm. Damit sei letztlich "sogar mehr Intimität möglich als auf kleineren Schiffen", wo sich alle permanent begegnen. Auch künftig werde es zwar Kreuzfahrer mit 200 bis 400 Betten geben, wegen der höheren Kosten pro Gast aber vor allem im Luxusbereich.

Privatinseln für Kreuzfahrer

Die Invasion der großen Schiffe im Mittelmeer in den kommenden Jahren scheint so gut wie sicher: Costa lässt neben der "Concordia" das Schwesterschiff "Costa Serena" bauen, das im Mai 2007 fertig gestellt sein soll. MSC erwartet nach der "Musica" ebenfalls für 2007 die baugleiche "MSC Orchestra". Außerdem sind für 2008 und 2009 zwei noch größere MSC-Neubauten bestellt: Die "Fantasia" und die "Serenata" stoßen mit 333 Meter Länge und Platz für 3887 Gäste in die Kategorien von RCIs neuer "Freedom-Klasse" und von Cunards "Queen Mary 2" vor.

Längst nicht alle Mittelmeerhäfen kommen mit solchen Schiffsgrößen klar. An Land müsse noch "eine Menge passieren", sagt Michael Thamm, der auf die jüngsten Vergrößerungen der Anlagen etwa in Neapel, Barcelona, Savona und Istanbul verweist. Nicht überall aber wird ein Ausbau möglich sein. Manche Ziele werden dann zumindest bei den großen Schiffen aus den Routenplänen verschwinden. Andererseits ist es laut Thamm "denkbar, dass im Mittelmeer Privatinseln einzelner Reedereien entstehen, wie es sie in der Karibik schon gibt". Dort könnten Fischerdörfer aus dem Boden gestampft und mediterrane Folklore inszeniert werden - alles zum Amüsement der Gäste als künstliche Urlaubswelt fernab des tatsächlichen Mittelmeer-Alltags.

Von Christian Röwekamp, gms



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