Guernsey, Jersey, Sark Englands Außenposten vor der Bretagne

Druidenaltäre, Gespenstergeschichten und Kanonendonner: Die Inseln im Ärmelkanal zwischen England und Frankreich erinnern mit merkwürdigen Zeremonien und schaurigen Orten an ihre Vergangenheit. Hier gibt es auch das letzte Feudalreich Europas - doch dessen Tage sind gezählt.


St. Peter Port - Um 12 Uhr mittags wird geschossen. Von der Hafenfestung Castle Cornet aus hallt Kanonendonner durch die Gassen von St. Peter Port. Die Gunfiring Ceremony ist ein Fixpunkt im täglichen Leben der Metropole der Kanalinsel Guernsey. Gewidmet ist die Zeremonie einem königstreuen Inselgouverneur im 16. Jahrhundert. Zugleich wird damit jedoch auch die stolze Eigenständigkeit des Urlaubsparadieses im Ärmelkanal hörbar auf den Punkt gebracht.

Zu den Kanalinseln zählt Jersey als größte und geschäftigste, Guernsey mit dem lebendigen St. Peter Port sowie die zu ihrem Regierungsbezirk gehörenden Eilande Alderney, Herm und das besonders skurrile Sark.

Das Archipel im Golf von St. Malo, so fand einst Victor Hugo (1802 bis 1885), sei nichts anderes als ein "Stück Frankreich, das ins Meer gefallen ist und von England aufgesammelt wurde". "Abgefallen" waren die Inseln bereits vor Jahrtausenden, als der Meeresspiegel stieg und sie durch die Fluten des Atlantiks von der Normandie getrennt wurden.

Das "Aufsammeln" geschah zu Beginn des 13. Jahrhunderts, als England die Normandie an Frankreich abtreten musste. Die lokalen Herrscher der Inseln stellten sich damals - von London mit weitgehender Autonomie geködert - unter den Schutz des englischen Königshauses.

Dies ist bis heute die Grundlage der Eigenheiten der Kanalinseln, die der britischen Krone unterstehen, aber nicht zu Großbritannien gehören und auch nicht zur Europäischen Union. Steueroasen sind sie für ihre Bewohner, die weniger Abgaben leisten als andere Europäer, und für Anleger aus aller Welt. Refugien für Betrüger sind sie nicht: Beim Verdacht auf Steuerhinterziehung kooperieren die Inseln mit anderen Staaten. Der Tourist nimmt die finanziellen Vorteile in Duty Free Shops und beim Parfümkauf wahr. Die Preise in Restaurants und Hotels unterscheiden sich hingegen kaum von jenen in Großbritannien.

Kirche und Pub halten Weltrekord

Victor Hugo, wortgewaltiger Schöpfer von Werken wie "Der Glöckner von Notre-Dame" und "Die Elenden", kam einst auf der Flucht vor Napoleon und blieb 15 Jahre. Auch weil auf Guernsey damals noch jeder Patois sprach, das normannische Französisch, wurde es rasch zu seiner zweiten Heimat. Inzwischen hört man Patois nur noch selten. Zwar sind die Straßennamen französisch, aber ausgesprochen werden sie englisch.

Der Weg hügelaufwärts vom Castle Cornet zur Hugo-Villa, die heute ein sehenswertes Museum ist, führt vorbei an der Church of St. Peter Port. Das Gotteshaus aus dem 11. Jahrhundert ist nur Zentimeter vom Pub "Albion House" entfernt und kam ins "Guinness-Buch der Rekorde" als die Kirche mit dem weltweit geringsten Abstand zu einer Kneipe.

Demokratie soll letztes Feudalreich ablösen

Ob man in Alderney, Herm, Sark oder einer beiden größeren Inseln sein Quartier nimmt, ist Geschmackssache. Ein Ausflug nach Sark darf jedoch nicht fehlen. Rund 45 Minuten nach dem Ablegen in St. Peter Port geht der Besucher in einer anderen Welt an Land: "Willkommen im letzten Feudalreich Europas", sagt Sarah La Trobe. Allzu lange kann die Besitzerin der kleinsten Pferdekutsche von Sark ihre Gäste so aber nicht mehr begrüßen: Demnächst soll hier Demokratie herrschen.

Laut einem Referendum der 600 Insulaner werden die Geschicke der rund 130 Kilometer von England entfernten Insel bald von einem Parlament bestimmt. Bis zum Jahresende 2008 soll es gewählt werden.

Solange die Abgeordneten keine andere Regierungsform beschließen, bleibt der Seigneur of Sark das Inseloberhaupt - unter anderem mit dem Vorrecht, als einziger Tauben zu züchten, nicht sterilisierte Hündinnen zu halten und bei jedem Landverkauf mitzukassieren. Derzeit ist das der weithin beliebte 80-jährige John Michael Beaumont. Von den neuen Zeiten hält er nichts: Alle Sarker hätten doch ein ruhiges, dank Landwirtschaft und Tourismus einträgliches Dasein, sagt er.

Gastronomie zwischen Frankreich und England

Während die Gastronomie der Inseln eine Mixtur aus französischer Küche und Pub-Gemütlichkeit ist, reicht das Spektrum der Unterkünfte von Zeltplätzen über edle Hotels bis hin zu Ferienwohnungen inmitten "typisch britischer" Gärten. Als einer der schönsten wurde "Mille Fleurs" ausgezeichnet, wo David und Jane Russell Selbstversorgern Cottages anbieten. "Gerade aus Deutschland kommen viele Stammgäste", erzählt Jane. Hier können sie bewundern, was Großbritanniens Outdoor-Stilbibel "Country Homes & Interiors" als "spektakuläre Harmonie von exotischen und einheimischen Pflanzen" lobte.

Das Spektrum der Inselausflüge umfasst Klippenwanderungen - etwa vorbei an der von Renoir gemalten Moulin Huet Bay - sowie Touren zu prähistorischen Überresten wie Ganggräbern und Druidenaltären. Auch die jüngere Vergangenheit hat ihre Spuren hinterlassen: Die deutsche Wehrmacht ließ im Zeiten Weltkrieg auf den Inseln mehr als eine halbe Million Kubikmeter Beton zu Bunkern, Wallanlagen und unterirdischen Kommandoständen verbauen. Diese Andenken an die knapp fünf Jahre währende deutsche Besatzung abzureißen, wäre zu aufwendig gewesen. So ließ man sie überwuchern und nutzt sie als Aussichtstürme und Museen.

Die Ungetüme passen zu einer urbritischen Angelegenheit: dem Spuk. "Natürlich haben wir Gespenster", sagt Peter de Sausmarez, Nachfahre einer Feudalfamilie, die sich im Jahr 1220 auf Guernsey niederließ.

Wer im Herrenhaus "Sausmarez Manor" absteigt, "begegnet bestimmt in einer Nacht mal dem Kindermädchen meiner Vorfahren". Ein Glück, dass die Geister auf den Inseln ebenso harmlos sind, wie die für ihre besonders fette Milch berühmten Guernsey-Kühe.

Thomas Burmeister, dpa

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