Hamburger Hafen Europas erste Landstromanlage für Kreuzfahrtschiffe geht in Betrieb

Kreuzfahrtschiffe können in Hamburg ab sofort Landstrom beziehen. Die Luft im Hafen könnte durch eine millionenteure Anlage ein wenig sauberer werden - doch vorerst wird sie kaum genutzt.

DPA

Sie kommt später als erwartet und startet mit nur einem Kunden, bleibt aber weiterhin ein Vorzeigeprojekt in Europa: Hamburgs Landstromanlage für Kreuzfahrtschiffe. Unter den Augen von Politikern, Ingenieuren und Kunden soll sie am Freitag am Altonaer Terminal offiziell in Betrieb genommen werden.

Die Anlage soll die schwimmenden Hotels im Hafen direkt mit Energie versorgen. Die luftverschmutzenden Dieselmotoren könnten damit während der Liegezeit abgeschaltet werden, obwohl der Hotelbetrieb an Bord weiterläuft. "Die Emissionen von Schiffen während ihrer Liegezeiten in den Häfen müssen zukünftig weiter reduziert werden", hatte Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos) in der Planungs- und Bauphase seit Mitte 2014 immer wieder betont.

Eine Forderung, die Umweltschützer seit Langem stellen, und eine Aufgabe für Ingenieure, die alles andere als einfach ist. Und obendrein macht bislang nur eine einzige Kreuzfahrtreederei mit: Die "Aida Sol" der Rostocker Reederei Aida Cruises ist das einzige Passagierschiff, das in diesem Jahr bei sechs Besuchen in Hamburg Energie aus der Mega-Steckdose bezieht.

Bei den Planungen sei die Stadt davon ausgegangen, dass zehnmal so viele Schiffe in diesem Jahr Landstrom beziehen würden. Das berichtetet der NDR im April. Hamburg drohe durch die Anlage die nächste Kostenexplosion auf Kosten der Steuerzahler, warnte Michael Kruse, wirtschaftspolitischer Sprecher der FDP in der Hamburgischen Bürgerschaft.

Nach Senatsangaben könnten zwar zurzeit vier weitere Schiffe ihre Bordgemeinde mit Landstrom versorgen, machen unter anderem wegen ihrer Größe jedoch an anderen Hamburger Terminals fest, an denen es solche Anlagen nicht gibt. Bei insgesamt 160 Schiffsanläufen 2016 in Hamburg ein kostspieliges Experiment? "Es ist ein Anfang, der hoffnungsfroh stimmt", sagt Helge Grammerstorf, der in Deutschland den Clia-Weltverband der Kreuzfahrtindustrie vertritt.

Denn Investitionen von mehreren hunderttausend Euro in die notwendigen Installationen an Bord rechnen sich eher, je mehr Landstrom-Angebote es entlang der Routen gibt. Vorreiter weltweit sind Häfen an der US-Westküste und in Kanada. "Eine Landstromversorgung ist nicht trivial, sondern eine anspruchsvolle technische Leistung", ergänzt Grammerstorf.

Als Anreiz Rabatte beim Hafengeld

Für das Altonaer Terminal hat der Elektrokonzern Siemens die Versorgungsanlage entwickelt, die Stromspannungen von Land auf die erforderlichen Werte an Bord umformen kann. Als "Herzstück der Anlage" gilt der Frequenzumrichter. Außerdem wurde ein für den Tidenhub ausgelegter, fahrbarer Roboterarm entwickelt, der die Stecker der Kabel wie auf einem Tablett durch die Außenluke in das Schiff bringt.

Die komplexe Technik hatte offensichtlich ihre Tücken, die für Sommer 2015 vorgesehene Fertigstellung fiel ins Wasser. "Einige Testläufe haben länger gedauert, deshalb ist es zu Verzögerungen gekommen", zitierte das "Hamburger Abendblatt" einen Siemens-Sprecher. Im Dezember 2015 bestand die Anlage ihre Prüfungen unter Volllast, berichtet die verantwortliche Hamburg Port Authority (HPA). Sie nahm im Winter die Anlage ab, da war die Hochsaison der Kreuzfahrt vorbei.

Die Kosten für die Landstromanlage betragen nach HPA-Angaben rund zehn Millionen Euro und sind Teil des Hamburger Gesamtpakets der "Alternativen Energieversorgung Kreuzfahrt" im Volumen von 14,4 Millionen Euro zu Baubeginn. Es umfasst auch die Infrastruktur am Terminal Hafencity am Grasbrook für die LNG-Barge, die über die Verbrennung von verflüssigtem Erdgas Strom für Schiffe liefert. Auch hierfür gibt bislang nur einen Abnehmer - ebenfalls die "Aida Sol".

Für das Gesamtprojekt hat der Bund 3,7 Millionen Euro bewilligt, die EU 3,5 Millionen. Die HPA rechnet wegen einer "Unterschreitung der Projektgesamtkosten" mit einem Anteil von sechs Millionen Euro. Für den Betrieb fallen nach früheren Angaben Fixkosten von rund 24.000 Euro jährlich an sowie Kosten für eine Stromgrundlast. Eine seriöse Kalkulation könne sie erst nach dem Betrieb mit echten Schiffen aufstellen, teilte die HPA mit.

Wer den Altonaer Landstrom nutzt, bekommt von der HPA Rabatte beim Hafengeld. "So sollen für die Reedereien Anreize gesetzt werden, in umweltfreundliche Technologien zu investieren." Denn ist der bisher im Hafen verbrannte Marinediesel mit 0,1 Prozent Schwefelgehalt günstiger als Landstrom, dürfte renditegetriebene Reedereien das Umschalten auf Öko-Strom aus erneuerbaren Energien schwerer fallen. Und der wird in Altona bezogen, wie die HPA versichert: "mit einem CO²(Kohlendioxid)-Emissionsfaktor von null".

Almut Kipp/dpa/jus

Mehr zum Thema


insgesamt 15 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ulrich_loose 02.06.2016
1. Mit einem Co2 Anteil von Null...
Also gibt es nur bei Sonne und Wind Strom, denn sonst wäre diese Aussage ja eine glatte Lüge. Da es aber wohl 24 Stunden am Tag Strom gibt, ist es eine Lüge.
bernd.stromberg 02.06.2016
2. Logik und Lüge
Zitat von ulrich_looseAlso gibt es nur bei Sonne und Wind Strom, denn sonst wäre diese Aussage ja eine glatte Lüge. Da es aber wohl 24 Stunden am Tag Strom gibt, ist es eine Lüge.
Also für Sie gibt es nur Sonne und Wind als Erneuerbare Energien? Interessant, trotzdem empfehle ich dann eine Auffrischung Ihres Wissenstands: auch Wasserkraft und beispielsweise Biogasanlagen sind Erneuerbare Energien. Dass man auf Wasserkraft beim Thema Hamburg/Schiffe/Elbe/Nordsee nicht kommt, ist schon sehr schade. Für das Biogas braucht man übrigens keine Lebensmitteln zu verwerten - im grünen Hamburger Umland gibt es in allen Himmelsrichtungen viel Landwirtschaft mit einer Menge Dungabfällen und nicht verwertbaren Ernteresten die dann in Biogasanlagen noch eine sinnvolle Verwendung finden. Und das tollste: ich bin nicht mal im Entferntesten ein Grüner - ich bin Ökonom.
erst nachdenken 02.06.2016
3.
Man könnte auch einfach EU-weit Landstromzwang für Kreuzfahrer ab einer gewissen Größe einführen. Sofort für neue Schiffe, der Rest bekommt eine realistische Frist zur Nachrüstung. Dann ist das Problem gelöst und die Verursacher zahlen. Das ist dann auch fair. Aber wohl leider zu einfach...
Bueckstueck 02.06.2016
4.
Zitat von erst nachdenkenMan könnte auch einfach EU-weit Landstromzwang für Kreuzfahrer ab einer gewissen Größe einführen. Sofort für neue Schiffe, der Rest bekommt eine realistische Frist zur Nachrüstung. Dann ist das Problem gelöst und die Verursacher zahlen. Das ist dann auch fair. Aber wohl leider zu einfach...
Einfach wäre es, wenn alle anderen Länder der EU auch interesse daran hätten etwas für die Luft (und somit die Bürger) im Umfelg ihrer Häfen zu tun. Wie man die Eigenbrötler so kennt, ist dem nicht so. Kostet ja auch wieder Geld die Anlagen zu beschaffen... Und schon hat man das Problem mit Querschiessern bei solchen Gesetzen.
BettyB. 02.06.2016
5. Logik und Lüge
Tja, die Ökonomen. Stromberg hätte Recht, wenn es denn in Hamburg entsprechende Wasserkraftwerke und Biogasanlagen gäbe, doch der Ökonomen Theorie scheitert zumeist an der Wirklichkeit. Leider...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.