Haustausch im Urlaub Der Gast in meinem Bett

Suche Luzern, biete mein Haus in Lübeck: Nach dem Tauschprinzip verbringen jedes Jahr Tausende von Urlaubern ihre Ferien. Vor allem Familien haben den Reiz fremder vier Wände für sich entdeckt. Wohin die Reise geht, entscheidet jedoch oft der Zufall.

Von Reinhild Haacker


Munteres Gezwitscher überlagert die wichtigen Verhandlungen am Küchentisch der Familie von Sandra Albert und Norbert Franke. Im Käfig an der Wand vertreten die Wellensittiche Fritz und Billie lautstark ihr Mitspracherecht, während die Eltern mit ihren drei Kindern am Laptop nach Urlaubszielen forschen. Gern möchten die fünf Lübecker nach Kopenhagen, in die Alpen oder vielleicht sogar nach Kanada - doch wohin die Reise in diesem Sommer geht, bestimmen weder Prospekte noch Preislisten: Die Alberts sind Tauschurlauber.

"Luzern war klasse", sagt Pit, 16 Jahre alt. "Und Quedlinburg", sagt die zwölfjährige Jule. Die Stadt im Harz hat es der ganzen Familie angetan. Mutter Sandra lobt die tolle Natur und die schönen alten Gebäude, während Jule die Indoor-Spielplatz-Qualitäten ihres Feriendomizils in bester Erinnerung hat: "Dort gab es ein eigenes Kletterzimmer", sagt sie. Inzwischen haben die Lübecker schon fünfmal anderen Familien ihre vier Wände in überlassen, um zeitgleich die Heimat ihrer Gäste zu erkunden.

Vor allem Familien sind es, die diese alternative Urlaubsform wählen, wie Manfred Lypold erklärt. Lypold erfuhr in den siebziger Jahren zufällig vom Haustausch und gründete - neben seinem Job als Nachrichtentechniker - in Deutschland einen Ableger der in Brüssel ansässigen Organisation Homelink. Der Verein betreibt inzwischen die größte Haustauscher-Datenbank in Deutschland mit über tausend Inseraten. Das Prinzip: Der Urlaub ist kostenlos, nur für die Anzeige wird eine jährliche Gebühr erhoben.

Die geringen Kosten sind nach Ansicht von Sandra Albert und Norbert Franke nur einer von vielen Vorteilen. Der Wichtigste ist: Vom ersten Tag an finden die Kinder Pit, Jule und Michel die komplette Infrastruktur vor - inklusive Spielzeug, gleichaltriger Nachbarkinder und Internetanschluss zum Chat mit den Kumpels. Und um die Haustiere kümmern sich derweil die Gäste in der Heimat.

Finanzielle Erwägungen spielen selten eine Rolle, bestätigt Homelink-Sprecher Lypold, der zurzeit als Haushüter auf Mallorca Urlaub macht - auch das gehört zu den Varianten des Haustauschens. Zunehmend gehören übrigens Rentner zum Kundenkreis, die nach ihrem Arbeitsleben die Welt kennen lernen wollen.

Urlaubsfeeling im Supermarkt

Der Reiz, das Urlaubsziel aus der Perspektive der Einheimischen zu erleben, ist für den 16-jährigen Pit ein wichtiges Argument: "Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre, wenn man da wohnen würde", sagt er. Seine Mutter fügt hinzu: "Es ist spannend, in einem anderen Land oder einer anderen Stadt zu sein, dort gemeinsam zu kochen und dafür einzukaufen. In einem Supermarkt erfährt man enorm viel über die Menschen und die Kultur."

Damit auch die Gäste der Lübecker Familie schnell heimisch werden, hat die Familie ein umfangreiches Tagebuch zusammengestellt, in dem sie Informationen über das Haus, die Nachbarn und die schönsten Ausflugsziele in der Umgebung notiert hat.

Spätere Heirat nicht ausgeschlossen

Die Nähe zu Einheimischen wissen viele Haustauscher zu schätzen: "Es ist üblich, dass Gäste von den Nachbarn eingeladen werden. Daraus haben sich schon viele Freundschaften entwickelt", sagt Lypold. "Es sollen sogar schon Ehen entstanden sein."

Eine Garantie, dass man überhaupt einen Tauschpartner findet, gibt es nicht. "Es ist schon ein bisschen dem Zufall überlassen", sagt Norbert Franke. Voraussetzung sei schließlich, dass der eigene Wohnort für den jeweiligen Tauschpartner hinreichend attraktiv ist. Da die Frankes kein Auto haben, kommt eine Tauschwohnung auf dem Lande nicht in Frage, Haustieranschluss und Alter der Kinder sollte ebenfalls passen. Auf den Startseiten der Haustauschanbieter gibt es entsprechende Suchmasken.

Italiener stehen auf Berlin

Reiseziele im sonnigen Süden zu finden ist nach Erfahrungen der Frankes Glückssache: "Das Angebot aus Deutschland ist groß - umgekehrt ist Norddeutschland nicht bei allen Südeuropäern begehrt", sagt Norbert Franke.

Das bestätigt auch Homelink-Sprecher Lypold. Allerdings sei dies nicht die Regel: "Wir haben festgestellt, dass Italiener gerne nach Berlin oder in die Umgebung möchten. So ist selbst ein Tausch mit Familien aus Mecklenburg-Vorpommern durchaus realistisch." Er rät, in der Anzeige möglichst viele Bilder aus der Wohnung zu veröffentlichen und detailliert die Umgebung und die touristischen Attraktionen zu beschreiben. Ehrlichkeit ist Pflicht. "Wenn es begründete Beschwerden gibt, dann wird die Anzeige nicht verlängert oder sogar gelöscht", sagt Lypold. "Schwarze Schafe gibt es überall, aber sie sind echte Ausnahmen."

Die Gestaltung der Anzeige und die Recherche gehören zu den Nachteilen, die Norbert Franke zunächst vom Haustauschen abschreckten: "Es ist sehr viel Arbeit", sagt er. "Man muss viel Zeit investieren, um sein Haus zu präsentieren, aber auch um mit den anderen in Kontakt zu bleiben." Die Familie hat inzwischen eine eigene Webseite, auf der sie sich, ihre Wohnung und Lübeck vorstellt.

Voraussetzung: Kontaktfreude

So sinnvoll Tauschurlaub für Familien, Haustierbesitzer oder reisefreudige Senioren sein kann - "ein Massenmarkt wird daraus niemals werden", sagt Lypold über die Zielgruppe. "Man muss weltoffen und sehr kontaktfreudig sein", definiert er den typischen Haustauscher. Norbert Franke formuliert es so: "Man muss dazu bereit sein, dass fremde Menschen im eigenen Bett schlafen."

Die Angst vor Zerstörungen ist nach Angaben Lypolds unbegründet. "In über 50 Jahren ist uns weltweit kein einziger Fall bekannt geworden, in dem jemand mutwillig etwas kaputt gemacht hat oder wo jemand etwas gestohlen hat", sagt Lypold. Haftpflichtschäden kämen hin und wieder vor. "Darüber wundern wir uns selbst, dass es so selten passiert."

Auch das Thema Sauberkeit ist für die Tauschurlauber kein Thema. Bei Familie Albert/Franke wird vor der Abreise noch einmal richtig geputzt - ein Prinzip, das auf Gegenseitigkeit beruht. "Meistens hatten wir gute Erfahrungen gemacht", sagt Norbert. "Einmal hatten wir an unserem Urlaubsort eine Katze, die hat tote Mäuse angeschleppt und versteckt - es hat tagelang gerochen, bis wir sie gefunden haben", erzählt Sandra.

Das Haustauschen kann auch komische Erlebnisse mit sich bringen. Bei einer Wanderung durch eine Schlucht in der Schweiz lief eine fremde Frau freudestrahlend auf den Lübecker Familienvater zu. "Sie sagte: 'Hallo, bist du nicht Norbert? Wir waren gerade in eurer Wohnung - schön habt Ihr's'", erzählt Norbert. "Es war die Schwester unserer Tauschfamilie, die ihren Verwandten in Lübeck einen Besuch abgestattet hat." Im Gästebucheintrag heißt es entsprechend: "Sollte Lübeck im nächsten Jahr von Schweizer Touristen überschwemmt werden, könnte es daran liegen, dass wir allen Bekannten von Lübeck vorgeschwärmt haben."

Das nächste Urlaubsziel steht für die fünf Lübecker inzwischen fest. Diesen Sommer verbringen sie im Schwarzwald, im Haus einer Familie mit Katzen, Kaninchen und einer Ziege. "Es muss nicht immer Haustausch sein", betont Norbert Franke. Aber im Moment ist es das Praktischste für die Familie, auch für die Vögel Fritz und Billie.

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