Havarie vor der Insel Giglio Kreuzfahrt-Konzerne setzen weiter auf Boom

Tote und Vermisste bei der Havarie der "Costa Concordia" - ist der Aufschwung der Kreuzfahrtbranche nun gestoppt? Der Schaden für die Reederei und ihren US-Mutterkonzern ist zwar enorm. Die Konkurrenz kann aber weiter auf strahlende Geschäfte hoffen.

DPA

Berlin/Stuttgart - Die "Costa Concordia" hat schwere Schlagseite, Hubschrauber kreisen über dem havarierten Schiff, bei der Rettung spielen sich chaotische Szenen ab. Es sind die Bilder des Kreuzfahrt-Dramas in Italien, die ganz und gar nicht passen zu den Hochglanz-Prospekten einer erfolgsverwöhnten Branche - die nichts anderes als Träume auf See verkaufen will. Seit Jahren boomt das Kreuzfahrtgeschäft - der Schiffbruch der "Costa Concordia" aber könnte die Schiffahrts-Unternehmen erschüttern und eine neue Sicherheitsdebatte aufflammen lassen.

"Natürlich beschädigt der Vorfall das Image von Costa Kreuzfahrten", sagt Kreuzfahrt-Experte Alexander Möbius, Dozent an der Fakultät für Tourismus der Hochschule in München. "Wenn so etwas passiert, wird vieles in Frage gestellt, und es kommen Gerüchte auf, ob es eine Laissez-faire-Haltung auf Seiten der Reederei gibt."

Sicherheitszweifel der Kunden

Bis zu 30 Prozent verlor am Montag zwischenzeitlich die Aktie von Carnival Cruises, dem Mutter-Unternehmen von Costa Kreuzfahrten. Der Unfall des Kreuzfahrtschiffs kostet die Reederei laut eigenen Angaben bis zu 95 Millionen US-Dollar (rund 75 Millionen Euro) Umsatzausfall allein im laufenden Jahr. Das havarierte Schiff werde "mindestens bis zum Ende des Geschäftsjahres" am 30. November außer Betrieb sein, wenn nicht länger, erklärte der größte Kreuzfahrtkonzern der Welt am Montag in Miami in den USA.

Zu dem finanziellen Schaden kommen möglicherweise jedoch auch Sicherheitszweifel der Kunden. Denn ein Unglück dieser Größenordnung hat es auf europäischen Gewässern seit langer Zeit nicht gegeben, die Bilder des mit erheblicher Schlagseite auf Grund liegenden Schiffes werden Kreuzfahrt-Fans nicht so bald vergessen.

Möbius hält es für wahrscheinlich, dass die Zahl der Buchungen bei Costa Kreuzfahrten in den nächsten Monaten zurückgehen wird. "Die Konkurrenz auf dem Kreuzfahrtmarkt ist groß, es gibt da Auswahl ohne Ende, gerade auch weil viele US-Anbieter immer stärker auf den europäischen Markt drängen", sagte Möbius. Für die Kreuzfahrt-Branche allgemein, die seit Jahren enorm gute Wachstumsraten verzeichnet, sieht er jedoch keine große Gefahr. "Das ist sehr schwer zu bemessen, der Schaden wird eher bei Carnival und Costa sein."

Zweistellige Zuwachsraten

Seit Jahren ragen die Wachstumskurven der Kreuzfahrtbranche steil nach oben, mit satten Zuwächsen von rund 20 Prozent. Auch der europäische Marktführer Costa befindet sich seit einiger Zeit auf Wachstumskurs. Er verfügt über 15 Schiffe mit einer Kapazität für etwa 40.800 Passagiere. Zur Costa Crociere S.p.A. mit Sitz in Genua gehören auch Aida Kreuzfahrten in Rostock und die spanische Iberocruceros.

Galten Kreuzfahrten angesichts der teuren Preise lange Zeit als Nische, ist die Branche längst auf dem Weg zum Massenmarkt. Das Angebot hat sich in den vergangenen Jahren erheblich differenziert. Neben Luxus-Schiffen können Urlauber auch vergleichsweise preiswerte Reisen auf "Clubschiffen" buchen, immer mehr junge Leute stechen in See.

1,2 Millionen Passagiere in Deutschland buchten laut des Deutschen Reiseverbands (DRV) 2010 eine Kreuzfahrt auf hoher See, die Zahlen für 2011 sollen im März vorgelegt werden. Das Geschäft hat sich zu einem Milliarden-Markt entwickelt, die Veranstalter von Hochsee-Kreuzfahrten, Aida und Hapag-Lloyd, kamen 2010 auf einen Umsatz von mehr als zwei Milliarden Euro. Und die Branche erwartet noch goldenere Zeiten. "Der Markt ist noch sehr unterentwickelt in Deutschland", sagt DRV-Sprecher Torsten Schäfer und verweist darauf, dass zum Beispiel in Großbritannien oder den USA viel mehr Menschen in Relation zur Gesamtbevölkerung eine Kreuzfahrt unternähmen.

Die führenden US-Reedereien derweil sind angesichts des lahmenden Wachstums auf dem Heimatmarkt auf Expansionskurs in Europa, der Kampf auch um den deutschen Markt wird härter. In den USA sitzt auch der weltweite Branchenprimus Carnival. Ende der neunziger Jahre kauften die Amerikaner die traditionsreiche italienische Reederei Costa Crociere - deren Schiff "Costa Concordia" nun kenterte.

Autoreisen gefährlicher als Kreuzfahrten

Das Unglück, bei dem bis Montagnachmittag sechs Tote geborgen wurden, werde womöglich einige Urlauber verunsichern, die ohnehin Bedenken gegen Schiffsreisen hätten, vermutet Peter Tönninghoff, Herausgeber des Branchen-Magazins "Welcome Aboard".

Tönnishoff verwies jedoch darauf, dass es nach Unfällen von Kreuzfahrtschiffen in der Vergangenheit allenfalls eine vorübergehende Zurückhaltung bei Buchungen registriert worden sei. Allerdings sei auch noch nie ein so großes Schiff zu Schaden gekommen wie die "Costa Concordia" mit mehr als 4000 Menschen an Bord.

Der DRV betont, dass sich durch die "Concordia"-Katastrophe die Sicherheitslage auf Kreuzfahrtschiffen zunächst nicht ändere: Man müsse erst einmal abwarten, was die Ursache des Unglücks sei, sagt Schäfer. "So schlimm dieses Unglück ist, es zeigt einmal mehr, dass wir uns in einer Welt bewegen, wo jeden Tag etwas passieren kann." Dessen seien sich die Menschen auch bewusst, egal, in welches Verkehrsmittel sie stiegen. "Deswegen sehen wir bei aller Tragödie dieses Unfalls keine großen Auswirkungen."

Geklärt werden muss nun allerdings, ob bei der Evakuierung der "Costa Concordia" gravierende Fehler passiert sind. Von chaotischen Zuständen an Bord und hilflosem Schiffspersonal berichten überlebende Passagiere. Doch Möbius macht, was den bisherigen Informationsstand angeht, der Reederei keine Vorwürfe: "Ob so etwas in geordnete Bahnen zu leiten ist, da habe ich meine Zweifel. Das Schiff hat sich sehr schnell geneigt", sagt er. Ein großes Glück für die Passagiere sei gewesen, dass die See völlig ruhig war. "Wenn es da gestürmt hätte, wäre es noch dramatischer gewesen", sagt Möbius.

sto/Reuters/Andreas Hoenig und Anna Schürmann, dpa

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