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Hightech-Zug "Italo": Schneller, luxuriöser, ökologischer

Foto: REUTERS / Alstom

Highspeed-Bahn "Italo" Die Zeit vergeht wie im Zug

Der knallrote Schienen-Ferrari nimmt Fahrt auf: Ab Ende April braust der "Italo" mit 300 km/h durch Italien - schneller, ökologischer und billiger als die Konkurrenz auf Schiene und Straße. Hans-Jürgen Schlamp war auf einer Probefahrt dabei und ist begeistert.

Napoli Centrale, Punkt 14 Uhr verlässt der burgunderrote "Italo" den Bahnhof Neapels, bei strömendem Regen. Ein paar Minuten trödelt er mit 160 km/h durch Hinterhof-Landschaften, dann nimmt er Fahrt auf. 14.14 Uhr sind wir bei 200 km/h, eine Minute später bei Tempo 260.

Ruhig und sanft gleiten wir dahin, nur die großen LED-Anzeigen im Waggon geben einen Hinweis auf die Beschleunigung. 14.16 Uhr sind wir bei 300 km/h. Es gibt keine Lokomotiven, der Antrieb ist auf alle Wagen gleich verteilt. Daher der ruhige Lauf. Der Zug würde auch locker 360 km/h schaffen - aber Italiens Schienen nicht.

Der Regen hat jetzt aufgehört. Die Straßen sind noch nass, voller Pfützen. Auch auf der Autobahn, die eine Weile neben uns verläuft, ziehen die Autos lange Wasserdunstwolken hinter sich her. Sie bleiben freilich nur wenige Sekunden im Blick, sie sind viel zu langsam für uns. Ihr Schleicher da draußen! Ihr Loser!

Wir Winner, im Zug, lesen Zeitungen, tippen in Laptops, iPads und Smartphones. Wifi überall, kostenlos, und UMTS fürs Telefonieren natürlich. Glaskabel verbinden jeden Wagen mit der Satelliten-Antenne, und im Tunnel bleibt die Verbindung aufrecht. Der "Italo"  hat ein eigenes Internetportal - wer will, kann sich dort über Museen, Sehenswürdigkeiten und Shopping-Adressen an seiner nächsten Reiseetappe informieren.

Drei-Gänge-Menü am Platz

Hinten im letzten Wagen, im "Italo"-Jargon schlicht "Club" genannt, sitzt die First-Class-Kundschaft auf breiten Sesseln mit viel Beinfreiheit. Für Familien, die unter sich sein wollen, oder für Geschäftsleute mit Besprechungsbedarf stehen zwei Kabinen für je vier Personen bereit. Im "Club" werden Zeitungen und Kaffee verteilt, jeder Fahrgast hat einen Touchscreen an seinem Platz, mit Live-TV oder Filmen aus dem Riesenfundus des Medusa-Verleihs.

Ein Drei-Gänge-Menü kostet 18 bis 22 Euro. Das wird auch in der "Prima"-Klasse, vergleichbar dem Business-Bereich im Flugzeug, am Platz serviert. Der Speisewagen ist out, das haben die Zugentwickler durch Studien herausgefunden. Die Reisenden lassen ihr Gepäck nicht mehr gern allein. Und wer es gerne ruhig hat, bucht einen Platz im Relax-Abteil, wo Handys abzuschalten sind. Im Land der lautstarken Dauertelefonierer kann das eine unbezahlbare Wohltat sein.

In der "Smart"-Abteilung gibt es - wie in der fliegenden Holzklasse - kein Menü, keinen Kaffee am Platz, nur Snacks und Getränke aus dem Automaten. Und, für längere Fahrten, ein Kinoabteil. Man sitzt ganz gut, hat viel größere Fenster als in anderen Hochgeschwindigkeitszügen und fährt vor allem viel billiger als in denen. 20 Euro kostet die Fahrt von Neapel nach Rom.

Bei der staatlichen Eisenbahn zahlt man für einen fast so schnellen Zug nahezu das Doppelte (39 Euro) oder fährt, bei etwa gleichem Preis, doppelt solange. Das Auto ist sowieso draußen: Da verschlingen allein Autobahnmaut und Benzin für die 221 Kilometer lange Strecke um die 40 Euro. Und man braucht zweieinhalb Stunden bis Rom, wenn es ohne Staus abgeht. Und das geht eher selten.

Leichter, sparsamer, ökologischer

14.32 Uhr. Der LED-Screen an der Waggonwand zeigt unbeirrt 300 km/h an. Wir gleiten durch Wiesen und Felder, ab und zu taucht ein Bauernhof auf und verschwindet nur Sekunden später. Entgegenkommende Züge, die dicht am Fenster vorbei rasen, hört man kaum. Der sonst übliche Knall bleibt aus. Der "Italo" ist gut abgedämmt und überhaupt ökologisch auf Kurs: Weil er leichter ist als seine Hochgeschwindigkeits-Konkurrenz, verbraucht er zehn Prozent weniger Energie als diese. Und er fährt so viel leiser.

Vor vier Jahren begannen die Arbeiten für und am "Italo". Ferrari-Verwaltungsratschef Luca Cordero di Montezemolo und Modeschuh-König Diego Della Valle ("Tod's") gründeten mit weiteren prominenten italienischen Industriellen und einigen Finanzinstituten die Nuovo Trasporto Viaggiatori (NTV). Die Züge ließen sie vom Weltmarktführer in Sachen Highspeed-Eisenbahn, dem französischen Alstom-Konzern, entwickeln und bauen.

Sieben Züge stehen schon bereit, bis zum Herbst sollen es 25 sein, die Italiens wichtigste Nord-Süd-Strecke befahren: Mailand, Bologna, Florenz, Rom, Neapel. Dazu soll noch ein kleiner Schlenker nach Venedig und, im Süden, nach Salerno kommen. Alles in allem 50 Trips pro Tag, zwölf Millionen Kilometer im Jahr. Und immer vom Feinsten: "Wir haben das beste italienische Essen an Bord, ein tolles Kino, einen Waggon fürs Relaxen", jubelt Autobauer und Eisenbahn-Fan Montezemolo. "Solche Züge haben Sie noch nicht gesehen."

Diese Schnecken!

Der Clou des Konzepts ist neben der Komplettausstattung mit modernster Technik vor allem die individuelle Kombinationsmöglichkeit von Komfort und Preis. Ich kann von Mailand nach Rom mit üppigem Luxus für 130 Euro oder eher spartanisch für 45 Euro fahren: in drei Stunden elf Minuten, plus 13 Minuten für die U-Bahn-Fahrt vom Zentrum zum "Italo"-Bahnhof.

Die Highspeed-Züge der staatlichen Konkurrenz Trenitalia sind auf der Strecke zwar sogar noch ein paar Minuten schneller, aber mit mindestens 79 Euro deutlich teurer. Und die Alternativen Auto und Flugzeug sind sowieso draußen. Den Vogel schießt dabei die - nicht zufällig ständig defizitäre - Alitalia ab: 214 Euro für den Flug von Mailand nach Rom.

14.41 Uhr. Mit Tempo 300 geht es einen riesigen Steinbruch entlang, dann mit voller Fahrt in einen Tunnel. Leise und ruhig. 14.42 Uhr. Rechter Hand, erneut der Running Gag der Reise: die Autobahn. Wieder diese Schnecken in ihren Blechgehäusen! Oberloser! Wie erhaben man sich fühlt, während man vorbeizieht.

Um 14.50 Uhr lässt das Tempo des Schienen-Ferrari nach, binnen drei Minuten sind wir unter 200. Mit Tempo 180 geht es durch die römischen Vorstadtbahnhöfe La Rustica und Togliatti. Schließlich, 14 Uhr 58, ein paar Minuten zu früh, hält das burgunderrote Gefährt im Bahnhof Tiburtina. Schade eigentlich.

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