Hitzechaos bei der Bahn Die Rechte der Fahrgäste

Dutzende Passagiere mussten ärztlich behandelt werden, mehrere Züge fuhren nicht bis zum Ziel: Das Hitzechaos bei der Bahn war für viele Fahrgäste ein Alptraum. SPIEGEL ONLINE erklärt, wer nun auf Entschädigungen hoffen kann.

ICE-Zug: Ausgefallene Klimaanlagen sorgen bei Fahrgästen der Bahn für Ärger
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ICE-Zug: Ausgefallene Klimaanlagen sorgen bei Fahrgästen der Bahn für Ärger


Hamburg - Die Bahn hat Entschädigungen angekündigt für Fahrgäste, die vom Hitze-Chaos am Samstag betroffen waren. "Wir wollen diese Kunden für die erlittenen Unannehmlichkeiten entschädigen und bitten sie, sich bei uns zu melden", erklärte der Vorstand für den Bereich Personenverkehr, Ulrich Homburg, am Sonntag in Berlin. Zunächst gab es jedoch keine Angaben darüber, wie eine solche Entschädigung aussehen könnte.

Dutzende Passagiere mussten wegen Dehydrierung und Hitzeschocks ärztlich behandelt werden. Deshalb ermittelt nun die Bundespolizei wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und der unterlassenen Hilfeleistung gegen die Bahn.

Doch welche Rechte haben die Fahrgäste nach einem solchen Zwischenfall? SPIEGEL ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

  • Ab welcher Verspätung gibt es eine Entschädigung?

    Fahrgäste, die von hitzebedingten Fahrzeitverlängerungen betroffen sind, können nach Angaben der Deutschen Bahn die generellen Entschädigungsleistungen bei Verspätungen ab 60 beziehungsweise 120 Minuten in Anspruch nehmen und sich 25 beziehungsweise 50 Prozent des Fahrpreises ersetzen lassen. Besitzer von Zeitkarten erhalten nach 60 Minuten eine Erstattung, die sich nach der Art der Karte richtet. Grundsätzlich werden bei Zeitkarten maximal 25 Prozent des Kartenwertes erstattet.

  • Was steht Passagieren außer der Entschädigung zu?

    Falls eine Übernachtung erforderlich ist, können Fahrgäste ab einer Stunde Verspätung die Kosten dafür inklusive Transfer sowie "angemessene" Telefonkosten erstattet bekommen. Bei einer Verspätung am Ankunftsort von mindestens einer Stunde zwischen 0 und 5 Uhr oder bei Ausfall des fahrplanmäßig letzten Zuges des Tages steht ihnen eine Kostenerstattung für Ersatzverkehrsmittel (Bus oder Taxi) zu.

  • Wie kommen Fahrgäste an ihr Geld?

    Wichtig ist, immer ein Fahrgastrechte-Formular auszufüllen, das in den Servicecentern und auf www.bahn.de erhältlich ist. Das Geld kann in Form eines Gutscheins, per Überweisung, aber auch als Barzahlung erstattet werden.
  • Wie wahrscheinlich ist es, Schmerzensgeld zu erhalten?

    "Schmerzensgeld kommt in Betracht, wenn man der Bahn Fahrlässigkeit nachweisen kann", sagte Ronald Schmid, Professor für Reiserecht an der Technischen Universität Dresden, SPIEGEL ONLINE. Eine defekte Klimaanlage allein rechtfertige keinen solchen Anspruch - wenn der Schaden jedoch vor Beginn der Fahrt bekannt war, möglicherweise schon. Auch geklärt werden müsse, ob eine Fahrlässigkeit von Seiten des Personals vorliegt - etwa wenn der Zugführer trotz einer medizinischen Notlage auf einen Stopp in einem kleineren Bahnhof verzichtet habe, um dort zumindest einmal die Türen zu öffnen und zu lüften.
  • Wann muss die Bahn Fahrgästen kostenlose Getränke anbieten?

    Die Fahrgastrechte verpflichten Bahnunternehmen, ihren Fahrgästen ab einer Stunde Zugverspätung Erfrischungsgetränke anzubieten. Für den Fall extremer Temperaturen sind aber keine Regelungen vorgesehen. Die Bahn hat ihr Zugpersonal jetzt jedoch angewiesen, in solchen Fällen Erfrischungen zu verteilen. Auch wurden die Getränkevorräte in den Zügen aufgestockt.
  • Wann stoppt die Bahn Züge wegen extremer Temperaturen?

    Bei einem Totalausfall der Klimaanlagen stoppt die Bahn ihre ICE-Züge sofort am nächsten Bahnhof. Bei einem Teilausfall liegt ein Stopp im Ermessen des Zugpersonals.
  • Muss die Bahn im Sommer für bestimmte Temperaturen in Zügen sorgen?

    Die Bahn hat als Beförderungsunternehmen ihren Fahrgästen gegenüber eine Fürsorgepflicht und muss diese wohlbehalten zum Zielort bringen. Konkrete Vorschriften für Temperaturen an Bord der Züge gibt es nach Angaben der Schlichtungsstelle Nahverkehr aber nicht, auch die Beförderungsbedingungen der Bahn sehen solche Regelungen nicht vor. Als Richtschnur könnten nach Angaben der Schlichtungsstelle aber die Empfehlungen für Temperaturen in öffentlichen Gebäuden dienen. Für Büros etwa sehen diese 20 Grad Raumtemperatur vor.

  • Wann dürfen Fahrgäste eine Scheibe einschlagen oder die Notbremse ziehen?

    Reisende dürfen die Notbremse oder die Türnotentriegelung nur bei Gefahr für ihre eigene Sicherheit oder die Sicherheit anderer Reisender betätigen. Auch Scheiben dürfen nach Angaben der Schlichtungsstelle Nahverkehr nur bei Notfällen eingeschlagen werden. Wann solche Fälle gegeben sind, wird in den Beförderungsbedingungen der Bahn nicht genau erklärt. Für den Missbrauch der Notbremse verlangt die Bahn grundsätzlich 200 Euro und zusätzlich Schadenersatz für sonstige Schäden, die dem Unternehmen dadurch entstehen.

  • Werden Behandlungskosten übernommen?

    Fahrgäste, die wegen Hitzeschlags oder Dehydrierung ärztlich behandelt werden mussten, können bei der Bahn einen Beleg über die Behandlungskosten einreichen. Laut Reiserechtsexperten stehen die Chancen gut, dass die Kosten erstattet werden.

sto/dpa/AFP



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