Hitzewelle Zahl der Badeunfälle steigt dramatisch

Temperaturen von bis zu 39 Grad – und das soll auch die nächsten Tage so bleiben. Wer kann, sucht jetzt Abkühlung in Seen und im Meer. Doch die Unfallzahlen steigen dramatisch an. Experten machen die kommunale Infrastruktur mitverantwortlich.


Hamburg - An Seen und Flüssen tummeln sich derzeit täglich Hundertausende Hitzegeplagter. Viele Badende vergessen dabei, dass meist keine professionelle Hilfe vor Ort ist. Häufig warnen Schilder vor dem "Baden auf eigene Gefahr", aber oft werden sie übersehen oder missachtet - mit verheerenden Folgen: Die Zahl der Badeunfälle nimmt stark zu.

Allein am vergangenen Wochenende ertranken laut der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) hierzulande rund ein Dutzend Menschen. Der Deutsche Schwimmmeisterverband (BDS) befürchtet in diesem Jahr einen weiteren drastischen Anstieg der tödlichen Badeunfälle. Bei einer noch länger anhaltenden Hitzeperiode könne sich die Zahl der Badetoten dem traurigen Rekord vom Jahrhundertsommer 2003 nähern, warnte BDS-Präsident Paul Bröcher. Vor drei Jahren waren bundesweit 644 Menschen beim Baden in Ost- und Nordsee sowie in Binnenseen und Flüssen ums Leben gekommen.

Bis Ende Juni dieses Jahres waren bislang 250 Tote zu beklagen, über 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Aber nicht nur die tödlichen Badeunfälle nehmen zu, auch bei den schweren Verletzungen, etwa nach Kopfsprüngen, registrieren Ärzte alarmierende Zuwachsraten. Allein an der Uniklinik Hannover wurden am Wochenende vier junge Männer mit Halswirbelverletzungen nach Badeunfällen eingeliefert, wie die Medizinische Hochschule mitteilte.

Zu wenig Schwimmbäder

Bei der Suche nach Gründen für die Zunahme der Todesfälle und schweren Unfälle weisen Experten einerseits auf Leichtsinn mancher Schwimmer hin, andererseits auf das Fehlen überwachter Badestellen. Laut DLRG haben in den vergangenen 15 Jahren rund 1500 kommunale Bäder in Deutschland dichtgemacht. Bundesweit gebe es derzeit nur noch 6800 Bäder. Auch BDS-Präsident Bröcher kritisiert, dass die Zahl öffentlicher Bäder seit Jahren zurückgehe, da sich Kommunen und private Betreiber - auch aus Kostengründen - immer mehr ihrer Verantwortung entzögen. Zugleich könne er die unflexiblen Öffnungszeiten der Schwimmbäder nicht nachvollziehen. Wer nach einem langen Arbeitstag noch eine Runde schwimmen wolle, müsse sich notgedrungen andere Wasserstellen suchen. "Viele Unfälle passieren laut Statistik in den Abendstunden an unbewachten Badestellen."

Die Folgen der Schwimmbad-Schließungen sind gravierend und langfristig. "Weil die Zahl der öffentlichen Bäder abnimmt, können immer mehr Kinder nicht schwimmen", sagte Martin Janssen von der DLRG SPIEGEL ONLINE. "Eine Wartezeit für einen Schwimmkurs, etwa das 'Seepferdchen', kann mittlerweile bis zu anderthalb Jahren betragen."

Der Verband bewertet die gegenwärtige Entwicklung als sehr kritisch. "Anfang der fünfziger Jahre hatten wir über 200 Badetote pro Jahr. Durch den Bau vieler Schwimmbäder ging diese Zahl dann in den folgenden Jahrzehnten drastisch zurück. Jetzt aber stagniert sie und könnte wieder steigen", sagte Janssen. Er forderte einen Stopp der Bäderschließungen. "Die Ebbe in kommunalen Kassen darf nicht dazu führen, dass den Menschen, vor allem jenen im ländlichen Raum, die Möglichkeit zum sicheren Schwimmen genommen wird. Bäder sind auch ein Ort der Daseinsvorsorge, denn jeder Mensch kommt irgendwann in eine Situation, in der er Schwimmen können muss."

Leichtsinn, Selbstüberschätzung und Gruppenzwang

Oft werden die Gefahren von den Badenden aber auch einfach unterschätzt, etwa in Flüssen. Gerade aufgrund des zurzeit niedrigen Wasserspiegels und der damit einhergehenden geringen Fließgeschwindigkeit des Wassers lassen sich laut DLRG viele Menschen dazu verleiten, zu weit in die Flussmitte hinaus zu schwimmen. Dort gerieten sie dann oft in die Fahrrinnen des Schiffsverkehrs – und damit in die Gefahr, vom Sog mitgerissen zu werden.

Auffällig ist, dass die meisten Badetoten Männer sind, laut DLRG-Statistiken zwischen 75 und 80 Prozent. Unter den 477 Ertrunkenen des vergangenen Jahres waren demnach nur 104 Frauen. "Die Hauptursache ist, dass Frauen weniger risikobereit sind", meint Janssen. "Zudem gehen Männer häufiger schwimmen als Frauen." Aber auch Leichtsinn, Selbstüberschätzung oder Gruppenzwang könne ausschlaggebend sein: "Wer will schon als Feigling oder Angsthase dastehen, wenn beispielsweise von Brücken ins Wasser gesprungen wird?"

har/ddp/ap/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.