Hochtouren in den Alpen "Die richtige Selbsteinschätzung ist wichtig"

Fünf Bergsteiger sind an einem Schweizer Viertausender in den Tod gestürzt. Das Warum ist noch ungeklärt. Die Gefahren in den Alpen sollten Sportler nicht unterschätzen - der Deutsche Alpenverein gibt Sicherheitstipps für Hochtouren.
Lagginhorn: Bei einer Hochtour starben am Dienstag fünf deutsche Bergsteiger

Lagginhorn: Bei einer Hochtour starben am Dienstag fünf deutsche Bergsteiger

Foto: Jean-christophe Bott/ AP

Das Wetter scheint gut gewesen zu sein, die Bergsteiger waren gut ausgerüstet, und der avisierte Gipfel galt als einer der einfachsten unter den Viertausendern - und doch: Gerade am 4010 Meter hohen Lagginhorn geschah am Dienstag das schlimmste Bergunglück in den Alpen seit Jahren. Fünf Deutsche von 14 bis 44 Jahre stürzten kurz unter dem Walliser Gipfel in den Tod. Noch ist der Hergang der Katastrophe ungeklärt.

"Auch am Lagginhorn gibt es Stellen, wo man abstürzen kann", sagte der Bergführer und Ausbildungsleiter beim Deutschen Alpenverein (DAV), Robert Mayer. "Es ist so, dass an den einfachen Bergen vielleicht sogar am meisten passiert, weil an den schwierigen Bergen konsequent gesichert wird - im Gegensatz zu den einfachen."

Der Leiter der DAV-Sicherheitsforschung, Chris Semmel, warnt zudem: "Der Berg kann zwar als einfach zu besteigen gelten", bei ungünstigen Witterungsbedingungen sage dies aber nicht viel aus. Die Einstufung von Bergen in Schwierigkeitsskalen berücksichtige lediglich die technischen Anforderung, die Länge der Routen sowie zum Beispiel die Frage, ob Kletterpassagen vorhanden seien. Als einfach ausgewiesene Routen könnten bei schlechtem Wetter gerade für Laien erhebliche Probleme darstellen.

Zahl der tödlichen Unfälle bleibt konstant

Unklar ist bisher, ob die Bergsteiger angeseilt waren oder nicht. Bergführer Mayer warnte generell vor einer vermeintlichen Sicherheit am Seil. "Die Leute meinen, sie sind angeseilt und denken, damit sind sie sicher. Das ist ein Irrglaube", sagte der Bergführer. Es biete nur Sicherheit, wenn es mit Sicherungspunkten am Fels fixiert sei. Andernfalls könne das Gehen am Seil sogar gefährlicher sein als ohne.

"Wenn man nur gleichzeitig am Seil geht, muss man sich eigentlich im Klaren sein, dass sich mit jeder Person am Seil das Risiko vervielfacht, dass eine Person die anderen mitreißt." Erfahrene Bergsteiger laufen an Stellen, wo eine Fixierung nicht möglich ist, sogar ohne Seil, um Mitreißunfälle zu vermeiden. 2008 und 2009 registrierte der DAV unter seinen Mitgliedern neun solcher Unfälle mit 23 Beteiligten, sechs davon kamen ums Leben. Seit den achtziger Jahren sei ihre Zahl aber zurückgegangen.

Dennoch schätzt der DAV das Risiko, auf einer Hochtour tödlich zu verunglücken, als "sehr gering" ein. Im Jahr 2011 kamen laut der Bergunfallstatistik insgesamt sieben Mitglieder auf einer Tour auf die hohen, vergletscherten Berge der Alpen ums Leben - bei insgesamt rund 950.000 Mitgliedern.

Die jährliche Zahl der Todesfälle in den Bergen insgesamt sei unter den Mitgliedern seit Ende der Achtziger konstant geblieben, sagt der Leiter der Sicherheitsforschung, Chris Semmel, SPIEGEL ONLINE. Sie sei höchstens abhängig von Temperaturen und Wetter. Allein bei den boomenden Klettersteig-Begehungen habe sich die Unfallanzahl vervierfacht. Die vielen neuen Fun-Klettersteige würden auch unerfahrene und unfallgefährdetere Wanderer - darunter auch Familien - anziehen.

Lagginhorn: Die am Dienstag verunglückten Bergsteiger stiegen auf der Normalroute auf

Lagginhorn: Die am Dienstag verunglückten Bergsteiger stiegen auf der Normalroute auf

Foto: SPIEGEL ONLINE / GoogleEarth

Sicherheitstipps vom DAV

Zwar lassen sich Unglücke wie der Absturz am Lagginhorn nie zu hundert Prozent ausschließen. Dennoch reduziert eine gute Vorbereitung das Risiko eines Unfalls deutlich. Folgende Sicherheitstipps sollten Bergsteiger laut Chris Semmel beachten:

  • Erfahrung: Trittsicherheit, Kondition und Schwindelfreiheit sind Grundvoraussetzungen. "Ohne die sollte man überhaupt nicht in die Berge gehen", sagt Semmel. Zudem müssen Alpinisten ihre Ausrüstung richtig benutzen können. Der Alpenverein und Bergführerschulen vermitteln in Kursen das nötige Basiswissen. Die Situation richtig beurteilen und angemessen darauf reagieren zu können - das sei reine Erfahrungssache.
  • Selbsteinschätzung: Manche Bergsteiger wüssten nicht, welche Schwierigkeiten auf sie zukommen und was sie für eine Tour können müssten, hat Semmel beobachtet. Auf der anderen Seite könne es eine gefährliche Gruppendynamik geben: "Die Erfahreneren gehen voraus, denen fällt das Ganze noch leicht." Andere seien aber vielleicht schon an der Grenze und trauten sich nicht zu sagen, dass sie lieber am Seil gehen würden. Hierbei kommt es auf das schwächste Gruppenmitglied an. Die meisten Unfälle passieren Semmel zufolge zudem beim Abstieg - auch Kondition und Konzentration müssen also reichen.
  • Wetterverhältnisse: Routen, die bei Sonne leicht zu begehen sind, können bei Schnee und Nebel ernste Probleme aufwerfen: "Ich stehe in den Wolken und weiß nicht mehr genau, wo geht es jetzt genau runter oder hoch oder hin", erklärt Semmel. Bergsteiger kämen dann leicht in ein Gelände, das sie nicht mehr beherrschen. Zudem könne unerwarteter Schneefall die eigenen Fähigkeiten überfordern. "Dann wird es schnell grenzwertig." Am besten informieren sich Alpinisten direkt beim Hüttenwirt oder anderen Bergsteigern über die aktuellen Verhältnisse.
  • Ausrüstung: Zur Ausstattung auf hochalpinen Touren gehören Steigeisen, Eispickel, Seil, Anseilgurt, Steinschlaghelm, Eisschrauben zum Sichern, Karabiner sowie Band- und Prusikschlingen, wie Semmel erläutert. Wind- und wasserfeste Kleidung sowie Mütze und Handschuhe halten bei plötzlichen Wetter- und Temperaturstürzen warm. Eine Schneebrille schützt die Augen vor der Sonne.
  • Akklimatisierung: An Höhen oberhalb von rund 3500 Metern muss sich der Körper gewöhnen. Wer also eine Hochtour plant, sollte sich vor Ort genug Zeit nehmen und zunächst Touren kleinere Gipfel bezwingen. Erst nach ein paar Tagen sollte man sich an die hohen Berge wagen.

abl/dpa/dapd
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