Hospitality Club Netzwerk eines Träumers
Frankfurt/Main - Als Veit Kühne vor einigen Jahren nach Südamerika aufbrach, hatte er einen Traum. Daraus aufgewacht ist er bis heute nicht, aber mittlerweile teilen ihn über 100.000 Menschen - und täglich werden es Dutzende mehr. Der Student hatte die Vision, durch alle Herrenländer zu reisen und in jedem noch so entlegenen Fleckchen der Erde von einem freundlichen Gastgeber empfangen und für ein paar Tage aufgenommen zu werden.
"Träum weiter" hätte sich Kühn denken und es dabei belassen können. Doch das tat er nicht. Stattdessen gründete er den Hospitality Club, den Club der Gastfreundschaft. "Die Idee ist einfach", erklärt der Reisepionier. "Ich wollte ein Netzwerk für Menschen schaffen, die gerne verreisen und die Reisende gerne bei sich aufnehmen."
Als Treffpunkt entwarf er die Web-Seite hospitalityclub.org. Dort kann sich jeder Reiselustige kostenlos anmelden und danach andere Clubmitglieder nach Reisetipps oder einer Unterkunft fragen. Niemand ist verpflichtet, andere Mitglieder bei sich aufzunehmen; wer gerade keinen Platz oder keine Lust auf Gäste hat, sagt einfach ab.
Doch an Platz und Lust scheint es nicht zu mangeln: Schon bald nachdem Kühne den Club im Juli 2000 gegründet hatte, erreichten ihn die ersten Rückmeldungen, und nach sechs Monaten hatten sich 300 Mitglieder im Club eingefunden. Kühne war damals 22 Jahre alt und stand kurz vor dem Abschluss seines Diploms. Doch anstatt seine Karriere zu planen, wollte der Betriebswirtschaftsstudent seinen Traum vom Reisen ausleben. So brach er auf nach Südamerika, um den von ihm ins Leben gerufenen Hospitality Club in der Praxis zu testen.
Eine Art Völkerverständigung
"Es war super, die ersten Clubmitglieder in Chile zu treffen", erinnert er sich heute. Eine davon war Anna Harkko, sie nahm Kühne damals bei sich in Santiago auf und ist seitdem zu einer lokalen Hospitality-Club-Größe geworden: "In den letzten Jahren haben fast 300 Leute aus über 50 Ländern bei mir übernachtet", erzählt sie. "Außerdem organisiere ich immer wieder Treffen für Club-Mitglieder in Santiago."
Kühne kehrte ein Jahr und viele bewegende Begegnungen später von seiner Reise zurück. Von der Erfahrung angespornt, gab er seinem Traum eine neue Dimension: "Um vielen Menschen ähnliche Begegnungen zu ermöglichen, wollte ich den Club über die ganze Welt verbreiten und nahm mir vor, eine Million Mitglieder zu finden."
Was damals utopisch anmutete, scheint heute im Bereich des Möglichen. Das Netz an Mitgliedern reicht über fast 200 Länder und umspannt den gesamten Globus: Von der Antarktis bis nach Zypern. Und mit jedem neuen Mitglied wird die Mundpropaganda um eine Stimme lauter. Während es ganze drei Jahre dauerte, bis sich die ersten 6000 Mitglieder eingefunden hatten, meldeten sich ebenso viele innerhalb der letzten drei Wochen.
Vielen Clubmitgliedern geht es in erster Linie um einen kostenlosen Schlafplatz. Manche suchen auch ein Visum oder einen Partner, aber derartige E-Mails werden meist von freiwilligen Helfern abgefangen und in den elektronischen Papierkorb geworfen. Für einige Mitglieder ist der Hospitality Club jedoch zu etwas mehr geworden. So zum Beispiel für Pierre Marais, der im vergangenen Juli im französischen Dorf Monnai in der Normandie ein Sommerfest für 450 Angehörige der Hospitality-Gemeinde organisierte. "Für mich ist der Club eine Art Völkerverständigung geworden", sagt Monnai.
Wann immer Clubgründer Kühne Leuten wie Pierre beim Philosophieren zuhört, lächelt er zufrieden und fühlt sich und seine Idee bestätigt. Auch er nahm an dem Sommerfest in der Normandie teil und hofft nun, mit solchen Treffen auch einen persönlichen Beitrag zum Frieden zu leisten. "Jemand, der Freunde auf der ganzen Welt hat, wird auch keinen Krieg mehr führen", sagt er, "weil gegen Freunde führt man keinen Krieg." Würde man Kühnes Geschichte nicht kennen, könnte man meinen, es sei der Satz eines typischen Träumers.
Von Janek Schmidt, AP