ICE-Neubaustrecke: In vier Stunden von München nach Berlin
ICE-Strecke München-Berlin Ab durch die Mitte
1991, kurz nach der Wiedervereinigung, wurde der Bau der Schnellfahrstrecke zwischen Berlin und Nürnberg beschlossen. Ein gutes Vierteljahrhundert später kommt der letzte, 107 Kilometer lange Abschnitt des Verkehrsprojekts Deutsche Einheit 8 (VDE8) in Thüringen nun ans Netz. Zum Fahrplanwechsel am Sonntag wird der Linienverkehr aufgenommen, bereits am Freitag wird ausgiebig gefeiert.
Wenn der ICE um 11.15 Uhr in Nürnberg startet, werden Bahn-Chef Richard Lutz, der Interims-Bundesverkehrsminister Christian Schmidt und der bayerische Verkehrsminister Joachim Herrmann an Bord sein. Nach und nach werden sich der sächsische, der sachsen-anhaltische und der thüringische Ministerpräsident dazugesellen. Im Berliner Hauptbahnhof dann steigt die Party in einem Festzelt - auch Kanzlerin Angela Merkel wird dabei sein.
Mit dem nun fertiggestellten Teilabschnitt zwischen Ebensfeld und Erfurt wird sich die Fahrzeit auf den 623 Kilometern zwischen Berlin und München merklich verkürzen: Bislang braucht ein ICE dafür rund sechs Stunden. Der ICE-Sprinter schafft das nach Angaben der Bahn künftig in knapp vier Stunden, mit dem normalen ICE mit mehr Haltebahnhöfen sind es knapp viereinhalb Stunden.
Lutz sieht seinen Konzern damit "in Schlagdistanz" zum Konkurrenten Flugzeug - allen voran die Lufthansa. Die jährliche Fahrgastzahl zwischen Berlin und München soll sich auf bis zu 3,6 Millionen verdoppeln. Zwischen den beiden Städten werden künftig täglich 35 Fahrten angeboten - je drei ICE-Sprinter-Verbindungen ab Berlin und München mit Halt in Nürnberg, Erfurt und Halle. Dazu fahren fast stündlich normale ICE mit mehr Stopps.
Baustellen bleiben: in Bamberg und Bayern
Trotz der Euphorie ob der Tempovorteile durch das insgesamt etwa zehn Milliarden Euro teure Megaprojekt bleiben Baustellen - nicht nur am Nadelöhr Bamberg in Bayern, das nach den Worten eines Bahnsprechers voraussichtlich nicht vor Ende des nächsten Jahrzehnts geöffnet werden kann. In Bayern geht in den nächsten Jahren der Streckenausbau in Richtung Nürnberg weiter. Derzeit müssen die schnellen Züge hinter der Landesgrenze noch von bis zu 300 km/h auf 160 km/h drosseln.
Einige Städte, darunter Thüringens Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum Jena, fühlen sich zudem abgehängt vom ICE-Verkehr. Andere leiden unter den Schallschutzwänden entlang der Schnelltrasse: Seinen Ort Ebensfeld vergleicht Bürgermeister Bernhard Storath zur Illustration schon mal mit Berlin zu Zeiten der Mauer.
Als Gewinner des Großprojekts, für das Thüringen nach einem Baustopp Ende der Neunziger Jahre in Vorleistung gegangen war, gilt Erfurt. Die Landeshauptstadt wird sich nach Meinung von Ministerpräsident Bodo Ramelow als Kongressstadt profilieren. "Thüringen wird Deutschlands schnelle Mitte. Wir werden mit diesem Standortfaktor massiv werben", kündigt der Linke-Politiker an. Gleichzeitig will Ramelow, dass Jena in den nächsten Jahren zumindest als IC-Kreuz den Anschluss nicht verliert.
22 Tunnel und 29 Brücken
Rund 80 Fernverkehrszüge halten laut dem thüringischem Verkehrsministerium von kommender Woche an täglich in der Landeshauptstadt. Die Bahn verspricht: "Künftig können Sie ab Erfurt stündlich in alle Himmelsrichtungen reisen." Wie an den anderen ICE-Knoten Nürnberg oder Leipzig fragen sich jedoch Reisende, wie gut die schnellen Verbindungen mit dem Nahverkehr verknüpft werden.
Auch der Fahrgastverband Pro Bahn sieht noch Defizite. Der Anschluss der Regionen sei nicht immer gut gesichert, meint Karl-Peter Naumann von Pro Bahn. Als Beispiele nennt er Erfurt oder Nürnberg. Kritik kommt auch vom BUND - er nennt die Trasse ein Prestigeprojekt auf Kosten von Natur, Landschaft und Mobilität im ländlichen Raum. Allein für den nun fertig gestellten Teilabschnitt zwischen Erfurt und dem fränkischen Ebensfeld bei Bamberg wurden 22 Tunnel durch das Mittelgebirge gesprengt, 29 Brücken führen über Täler des Thüringer Waldes hinweg.
Zumindest die Züge sollen möglichst wenig Lärm machen: An den Portalen der längsten Tunnel seien Schallschutzhauben angebracht worden, die die Luft verwirbeln, erzählt ein Bahnsprecher. "Das verhindert bei dem hohen Tempo den Knall am Tunnelausgang."