Im Januar Lotsen wollen streiken - bis zu 6000 Flüge betroffen

Die Fluglotsen stehen kurz vor einem Streik. Ein Ausstand der Deutschen Flugsicherung könnte zu erheblichen Verspätungen und Ausfällen von Tausenden Flügen führen. Die Gewerkschaft prophezeit ein "richtig großes Chaos".


Langen/Neu-Isenburg – Flugpassagiere müssen sich wegen eines Arbeitskampfes bei der Deutschen Flugsicherung (DFS) im neuen Jahr auf massive Behinderungen einstellen. Zuletzt hatte ein Bummelstreik von Fluglotsen Anfang der siebziger Jahre in Deutschland den Luftverkehr zeitweise lahm gelegt.

"Es wird zu erheblichen Einschränkungen, Ausfällen und einem richtig großen Chaos kommen", sagte der Sprecher der Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF), Marek Kluzniak, in Neu-Isenburg. Eine Notdienstvereinbarung sehe vor, 25 Prozent des normalen Flugverkehrs abzuwickeln. Von den 8000 Flügen, die von der DFS täglich abgewickelt werden, könnten bis zu 6000 ausfallen oder umgeleitet werden. Dies würde Auswirkungen in ganz Europa haben.

"Die Friedenspflicht endet am 31. Dezember, am 1. Januar kann es dann losgehen", sagte der Gewerkschaftsprecher. "Entweder werden wir mit einer Nadelstichtaktik anfangen und uns dann steigern oder gleich die große Keule benutzen." Genaueres über die Streikplanung wollte die Gewerkschaft nicht mitteilen. Datum, Ort und Uhrzeit des Streikbeginns stünden jedoch bereits fest, sagte Kluzniak gestern der Nachrichtenagentur AP.

Die Gewerkschaft werde die Streiks 24 Stunden vorher ankündigen. "Wir werden es auch keine Minute früher machen", sagte Kluzniak. Die Gewerkschaft geht nach eigenen Angaben nicht davon aus, dass der Lotsenstreik noch mit Schlichtungsverhandlungen abgewendet wird.

Die Tarifverhandlungen für die 5300 Mitarbeiter der bundeseigenen DFS - davon 1800 Lotsen - waren Mitte November gescheitert. Kluzniak warf dem Unternehmen eine Blockadehaltung vor. "Die DFS will es offenbar auf einen Arbeitskampf ankommen lassen", sagte er. Die Gewerkschaft fordert eine Änderung des Gehaltsgefüges sowie Einkommenserhöhungen für die Beschäftigten. Die DFS hat kein Angebot vorgelegt.

Alle großen Verkehrsmaschinen sind auf die Anweisungen und Routenführungen durch die Lotsen angewiesen. Der deutsche Luftraum ist einer der verkehrsreichsten der Welt. Die DFS hat vier Radarkontrollzentralen in Deutschland (Bremen, Langen, Karlsruhe, München), zudem sitzen die Lotsen im Tower der 17 internationalen Flughäfen.

Kaden treibt Privatisierung voran

Unterdessen bestätigte ein Unternehmenssprecher, dass der Vertrag von DFS-Geschäftsführer Dieter Kaden bis Ende 2010 verlängert wurde. Der 62 Jahre alte Kaden könne damit die Privatisierung weiter vorantreiben, die Bundespräsident Horst Köhler im Oktober wegen verfassungsrechtlicher Bedenken gestoppt hatte.

Die "Financial Times Deutschland" berichtete heute, dass Kaden einen externen Gutachter beauftragt hat, um den hoheitlichen Status der DFS zu überprüfen. Köhler hatte moniert, dass der Staat bei einer Privatisierung zu wenig Einfluss auf die Flugsicherung habe. Die Bundesregierung will die DFS mehrheitlich an private Investoren verkaufen.

abl/dpa/AP



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