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Interview mit Georg Milde: 13 Länder, 13 Umbrüche

Foto: Paulo Whitaker/ REUTERS

Recherche in 13 Ländern Ist die Welt gerade verrückt geworden?

Wo verändert sich die Welt zurzeit am stärksten? Wie werden wir unsere Zukunft gestalten? Der Berliner Publizist Georg Milde reiste in 13 Länder und sprach mit hundert Menschen über ihren Alltag und ihre Träume.
Von Vera Deleja-Hotko

SPIEGEL ONLINE: Herr Milde, Sie haben eine "Reise um die Welt zu den Schauplätzen des Umbruchs" unternommen, so beschreibt es der Untertitel Ihres Buches. Je eine Woche recherchierten Sie in 13 Ländern. Was gab den Anstoß?

Georg Milde: Ich bin bereits viele Jahre im politischen Berlin unterwegs. Und seit einiger Zeit wird viel darüber gesprochen, ob die Welt geradezu verrückt geworden sei. Es ist von einer Phase des Umbruchs, gar einer Transformation die Rede. Das wird an Beispielen wie dem Brexit, aber auch dem Erstarken von Populisten wie dem brasilianischen Staatspräsidenten Jair Bolsonaro festgemacht. Von Berlin aus schien mir diese Veränderung nicht ausreichend greifbar.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit "Transformation"?

Milde: Wir leben inmitten eines Wandels, in dem sich unser Leben stark verändert - von gesellschaftlichen bis zu technologischen Aspekten. Die Digitalisierung zum Beispiel verändert die Arbeitswelt und Algorithmen - vor allem die künstliche Intelligenz - unseren Alltag. Es gibt neue Kommunikationsformen, stärkere Vernetzung weltweit, aber ebenso mehr Streit - etwa durch viele Fake News. Ich bin losgereist, um weltweit Menschen zu treffen, mit ihnen zu sprechen und um damit Mosaiksteine zusammenzutragen, die verdeutlichen, was in der Welt passiert.

Zur Person
Foto: Jana Legler

Georg Milde, 1977 in Aachen geboren, ist Politikwissenschaftler und Herausgeber des Magazins "politik&kommunikation". Er war Geschäftsführer der Jungen Union und Mitarbeiter von Helmut Kohl. Für das Buch "In Transformationsgewittern" war er drei Monate lang in 13 Ländern unterwegs - von Brasilien, USA, Kenia, Großbritannien bis Russland und China.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner gefunden?

Milde: Viele durch Kontakte aus Deutschland. Aber die meisten, die interessantesten, durch Zufall. In China beispielsweise habe ich einen Mann angesprochen, als ich in einem Coffee Shop auf meinen Kaffee wartete. Er zählt zur neuen Mittelschicht Chinas und arbeitet zehn Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Pro Jahr hat er zehn Urlaubstage. Auch die Kinder sind elf Stunden am Tag in der Schule. Dennoch versuche er, seinen Sohn anders zu erziehen, liberaler, wie er sagte. Es frustriere ihn, dass in China Facebook, Twitter und Co. gesperrt sind. Er würde so gerne sehen, wie Menschen in anderen Ländern leben und mit ihnen in Kontakt treten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben diese Begegnung wie fast alle anonymisiert. Warum?

Milde: Ich weiß, dass das journalistisch ungewöhnlich ist. Aber dadurch konnte ich die Personen beschreiben, ohne sie zu gefährden. In Indien traf ich eine muslimische NGO-Aktivistin, die abgehört und verfolgt wird. Ein Verwandter wurde bereits wegen seines Aktivismus getötet. Dennoch war sie froh, ihre Geschichte zu erzählen. Sie ist Kritikerin der regierenden Hindunationalisten und setzt sich für die Rechte von Muslimen in Indien ein. Immer wenn sie das Knacken in der Leitung hört, spricht sie umso deutlicher aus, was sie über die Politik denkt. Sie sagte, dass man ihr doch nichts Schlimmeres mehr antun könne, als sie zu töten. Ein schrecklicher Satz. Er zeigt, wie jemand an die Grenzen seines Lebens geht, um seine Ideale durchzusetzen.

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Interview mit Georg Milde: 13 Länder, 13 Umbrüche

Foto: Paulo Whitaker/ REUTERS

SPIEGEL ONLINE: Oft hat man ein Bild eines Landes im Kopf, ohne es je bereist zu haben. Wie haben Sie das erlebt?

Milde: Irgendwann fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Einmal hatte ich diesen Moment bei einem Journalisten in Kenia. Ich hatte bis dahin angenommen, dass eine neu geformte Mittelschicht irgendwann auch Druck auf die Politik ausüben und so Reformen anstoßen würde. Der Mann zeigte mir auf, dass ich vollkommen falsch lag. Er sagte, dass jene in die neue Mittelschicht Aufgestiegenen die größten Besitzstandswahrer überhaupt würden. Sie kämen von ganz unten und wüssten, wie es ist, nichts zu haben. Deswegen würden sie die konservativen Stützen des Systems sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche technologische Transformation beunruhigt Sie am meisten?

Milde: Der Umgang mit persönlichen Daten und künstlicher Intelligenz. Letzteres ist der Aspekt, der meiner Ansicht nach die aktuelle Transformationsphase so entscheidend macht. Wir verändern unsere Entscheidungshoheiten, geben sie ab, verlieren sie vielleicht sogar. Und vieles geschieht bereits , ohne dass wir es merken.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Milde: In China beispielsweise gibt es Modellstädte mit sieben Millionen Kameras in den Straßen. Eine Person wird von Kamera zu Kamera per Gesichtserkennung verfolgt und ihre Aktivitäten werden registriert. Ob sie eine Tageszeitung kauft, einen Kaugummi auf den Boden spuckt oder ein Demonstrationsplakat malt. Beim sogenannten Social Scoring bekommt man für Aktivitäten Bonus- oder Minuspunkte. Wenn jemand zu viele Minuspunkte hat, wird in der Nachbarschaft ein Foto ausgehängt - dies ist dann der "asoziale" Nachbar. Da sind wir ja schon fast bei George Orwell. Es gibt viele positive Beispiele der Digitalisierung, aber in Bezug auf die Privatsphäre sollten sich die Staatsbürger und die Politik Gedanken machen, wie viel Macht sie an künstliche Intelligenzen abgeben.

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Milde, Georg

In Transformationsgewittern: Eine Reise um die Welt zu den Schauplätzen des Umbruchs

Verlag: B & S Siebenhaar Verlag OHG
Seitenzahl: 544
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SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie frustriert?

Milde: Wenn Menschen ihr Potential nicht nutzen, ihre Energie nicht umsetzen können. Wie beispielsweise ein Nachtportier im Libanon. Er hat einen Master in Ingenieurswissenschaft und ist spezialisiert auf Solartechnik. Der hat so viele Ideen, findet im Libanon jedoch keinen Job und wird das Land bald verlassen. In der Transformation ist es für ein Land besonders schlecht, wenn es brillante Köpfe verliert.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihnen Hoffnung gemacht?

Milde: Ebenfalls im Libanon traf ich eine Frau, die durch eine Autobombe ihren halben Körper verloren hatte. Als ich mich mit ihr unterhalten habe, konnte sie sich nur schwer aufrecht halten. Anstatt aufzugeben, macht sie jetzt erst recht weiter und organisiert Free-Speech-Konferenzen. Ich habe durch sie und viele andere Begegnungen erfahren: Die Welt ist an vielen Stellen schlecht, aber es gibt ebenso immer wieder neuen Mut - und das macht Hoffnung.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie nach dieser Reise in Deutschland angekommen?

Milde: Ich musste mich davor hüten, zu viel in meiner Heimat kopfschüttelnd zu betrachten. Nach nur ein paar Wochen befand auch ich mich wieder in der Blase des politischen Berlins. Die Reise hat mir aber die Augen geöffnet. Ich stoße mich seither stärker an Befindlichkeiten - wenn zum Beispiel jemand über seine Pseudoprobleme aus dem Alltag klagt, dass sich etwa das Smartphone nicht minütlich synchronisiert - und an dem ständigen Drang der Selbstoptimierung.

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