"Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?" Warum sich Stuttgart über dieses Bikini-Posting freut

Mit einem Instagram-Gruß aus der Karibik wollte eine Influencerin einen Bikini bewerben. Doch nicht nur ein Onlineshop profitierte von dem aufreizenden Foto.

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Was sehen Sie, wenn Sie sich das folgende Foto anschauen? Na klar, den hellen ovalen Sticker am türkisfarbenen Tresen. "Nett hier", steht drauf. Ist auch anderen sofort ins Auge gesprungen.

Die einzige, die von dem beigefarbenen Aufkleber wohl keinerlei Notiz genommen haben dürfte, ist Anastasia Karanikolaou, die Frau, die sich im Leopardenlook vor Rumflaschen hat ablichten lassen. Die Influencerin - sie ist mit Kylie Jenner befreundet, der jüngsten Milliardärin der Welt -, hatte offenbar eher die Absicht, ihren Instagram-Followern den Bikini zu präsentieren, den sie trägt. Das legen zumindest die Hashtags nahe, die sie vergab.

In dem Posting erfahren Karanikolaous Fans auch, wo sie die Strandklamotte kaufen können. Doch diese Details haben den User "BobbyJohnson" nicht interessiert. Der nach eigenen Angaben aus Bayern stammende 18-Jährige hatte nur Augen für den Sticker am Tresen - und wies in einem Kommentar darauf hin, was auf dem kleinen Aufkleber im Hintergrund steht: "Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?"

Wer ihn dort angebracht hat, ist nicht bekannt. Fakt ist jedoch, dass der Sticker inzwischen an Ampel- und Laternenpfählen, auf Brücken, in Bars und an Gipfelkreuzen auf der ganzen Welt klebt. Der Spruch ist Teil einer selbstironischen und extrem erfolgreichen Marketingkampagne, die 1999 durch den Slogan "Wir können alles außer Hochdeutsch" berühmt geworden ist. Nachdem er in den Nullerjahren einige Zeit auf den Zügen der Deutschen Bahn durchs Land tourte, hatte das Landesmarketing von Baden-Württemberg die Idee, auch Aufkleber damit zu bedrucken.

35.000 Aufkleber pro Jahr

"Der Spruch funktionierte einfach so gut", sagt Arne Braun, Vize-Regierungssprecher der baden-württembergischen Landesregierung. "Inzwischen drucken wir jährlich 35.000 Aufkleber." Bestellen kann man sie im Internet - kostenlos.

Immer wieder habe es Anfragen gegeben, ob es denn ökologisch vertretbar sei, solche Sticker in den Umlauf zu bringen, ob sie nicht der Umwelt Schaden zufügen könnten. Doch inzwischen seien die Werbemittel biologisch abbaubar, versichert Braun. "Die nächste Lieferung ist sogar vegan."

Im Staatsministerium habe man den Trubel um das Instagram-Posting von Anastasia Karanikolaou "freudig erregt zur Kenntnis genommen", sagt Braun. "Es macht uns nichts aus, wenn Baden-Württemberg weltweit bekannt wird." Zumindest der Aufkleber hat es in den vergangenen 18 Jahren an die fernsten Orte geschafft: Laut Braun kleben Exemplare davon unter anderem in Reykjavik, auf Hawaii und auf Mauritius, in der Nähe vom Mount Everest und am Machu Picchu in Peru.

"Mir sin überall"

Der Aufkleber ist ein Relikt aus Marketingzeiten, in denen sich Werbung noch nicht zu einem großen Teil im Internet und in Sozialen Medien abspielte, sondern meist zum Anfassen war oder auf Papier betrachtet werden konnte. Auch wenn er etwas altmodisch wirkt, erreicht der "Nett hier"-Sticker heute Menschen in aller Welt. Denn in den vergangenen Jahren schien er auf der Packliste von vielen Lokalpatrioten mit Fernweh gestanden zu haben. Und dass die Menschen aus Deutschlands Süden dies nur zu gerne dokumentieren, versteht sich von selbst.

Die Botschaft aus Baden-Württemberg prangt auf einem Stück Stahl der New Yorker Brooklyn Bridge und an einem Pfahl im Kopenhagener Hafenviertel Nyhavn.

Ein anderes Fundstück stammt aus 2600 Metern Höhe: aus den Bergen in Südtirol.

Auf einem Küstenwanderweg in Südafrika, im Tsitsikamma-Nationalpark, ist ebenfalls ein Holzgeländer mit einem solchen Sticker beklebt.

Auch auf diesem Fernglas in Südkorea prangt die Werbung fürs Ländle.

Die Vorzüge des Stickers liegen auf der Hand: Klebt die Botschaft erst auf einem Untergrund, kann es schon mühselig sein, sie wieder zu entfernen. Ein Kommentator auf Instagram sagte es treffend: "Mir sin überall."

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insgesamt 40 Beiträge
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noalk 10.07.2019
1. Sie empfinden das Foto als aufreizend?
Wen reizt es denn auf, und zu was? Nach meiner Information muss sich eine Frau so kleiden - und sich so zeigen - dürfen, ohne dass es als aufreizend enpfunden werden darf.
kumi-ori 10.07.2019
2. Aufreizendes Foto?
Die Autorin muss in Afghanistan in einer Talibanfamilie aufgewachsen sein, anders kann ich mir nicht erklären, wieso dieses Foto "aufreizend" sein sollte. Es zeigt eine ganz normale Frau in einem ganz normalen Bikini, wie sie in jedem Hallenbad jeder popligen Kreistadt tagtäglich zu Hunderten herumläuft. Allenfalls ihr nicht ganz ausgeschlafener Blick könnte könnte einem auffallen, wenn auch nicht gerade zum Vorteil der Dame. Selbst wenn der Begriff "aufreizend" ironisch oder schelmisch-scherzhaft gemeint sein sollte, ist er auch als Kalauer schon so was von ausgelutscht und millionenfach höflich belächelt worden, dass ich davon nur noch Zahnschmerzen bekomme. Ganz nebenbei kommt mir dieses Bild komisch vor. Die Frau hat vergleichsweise kleine Brüste (was ich persönlich ganz hübsch finde), aber wie kann es sein, dass die Falte sich in Richtung zwei Uhr bis unter den angewinkelten Arm hinzieht? Kommt nur mir das irgendwie komisch vor oder hat sie sich ein eher schlecht sitzendes Bikinimodell aufschwätzen lassen? Ein Lichtblick hingegen ist Bobby Johnsons Adlerblick. Ich hätte auf diesem Foto das Wort "Baden-Württemberg" nicht entziffern können.
egoneiermann 10.07.2019
3.
Hier in Nordbaden habe ich noch nie was von den Aufkleber gehört, scheint so ein schwäbisches Ding zu sein. Wir Pfälzer reden vielleicht auch seltsam, aber durchaus verständlich.
x_Vendetta_x 10.07.2019
4. Verstehe ich jetzt nicht...
...soweit ich weiss ist es fast überall verboten Aufkleber ohne Genehmigung aufzukleben, z.B. auf Laternenpfähle, in Bahnabteile, Brücken, Sehenswürdigkeiten etc. und in dem Fall von BW wird dies gefeiert? Oder wird da nach gut und böse unterschieden? BW gut-NRW böse, FCB gut-BVB böse, Sojamilch gut-Cola böse etc.?
taglöhner 10.07.2019
5. Menschenflüsterer
Ich würde die Kombination des Kleidungsstücks und der Pose aber so was von eindeutig als aufreizend bezeichnen. Wer solche Schlüsselreize nicht wahrzunehmen glaubt, ist meiner Ansicht nach manipulierbar oder manipuliert.
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