Kletterer Huber-Brüder "Worauf warten Menschen, die ihr Leben ohne Wagemut auf der Couch verbringen?"

Thomas und Alexander Huber sind zusammen knapp 100 Jahre alt - und Deutschlands erfolgreichste Seilschaft. Ob Free-Solo-Touren, Speedkletterrekorde oder Expeditionen - was sie antreibt, erzählen sie im Interview.

Heinz Zak

Ein Interview von Johanna Stöckl


  • ServusTV / Daniel Grund
    Die Extremkletterer Thomas und Alexander Huber (51 und 48) bilden die erfolgreichste Seilschaft Deutschlands. Auch international haben die Brüder aus Oberbayern mit ihren Leistungen den Bergsport maßgeblich geprägt. Der Name Huberbuam ist längst eine Marke. Wenn Alexander am 30. Dezember 2017 seinen 49. Geburtstag begeht, sind die Hubers zusammen 100 Jahre alt.

    Der Privatsender Servus TV zeigt am Montag den Dokumentarfilm "100 Jahre Huberbuam - Bluad is dicker wia Wossa".

SPIEGEL ONLINE: Thomas Huber, gemeinsam mit Stephan Siegrist und Julian Zanker ist Ihnen kürzlich am 6155 Meter hohen Cerro Kishtwar eine spektakuläre Erstbegehung gelungen. Kann man im Bergsport Alter mit Erfahrung austricksen?

Thomas Huber: Ja, bis zu einem gewissen Punkt kann man Alter mit Erfahrung kompensieren. In anderen Sportarten hätte man uns längst ausgemustert. Der Bergsport bietet eine altersunabhängige Spielwiese, auf der man sich jederzeit neu entdecken kann. Wir klettern nach wie vor sehr viel, und gelegentlich reißen wir auch was.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie die Kraft?

Thomas Huber: Wenn es um die Wurscht geht, mobilisiert mein Wille unglaubliche Energie.

SPIEGEL ONLINE: Alexander, auch Sie sind regelmäßig kletternd unterwegs. Was treibt Sie an?

Alexander Huber: Vor 15 Jahren realisierte ich Projekte, die damals im Klettersport der Zeit voraus waren. Meine heutigen Unternehmungen verschieben vom Niveau her natürlich keine Grenzen mehr. Wenn es gut läuft, kommen aber immer noch ab und zu gute Sachen dabei raus. Aber es geht beim Klettern ja um viel mehr als die bloße Leistung in der Wand. Ich lerne bei meinen Unternehmungen spannende Menschen, andere Kulturen und atemberaubend schöne Landschaften wie in Grönland oder kürzlich im Hohen Atlas kennen. Das mitnehmen zu dürfen, ist großartig.

Thomas Huber: Uns treibt die Neugierde an. Worauf warten Menschen eigentlich, die ihr Leben ohne Wagemut auf der Couch verbringen? Während der letzten Expedition nach Kaschmir sind wir auf dem Weg zum Cerro Kishtwar durch drei Religionszonen - Hinduismus, Buddhismus und Islam - gewandert. Die Menschen leben dort in einem langen Tal friedlich miteinander. Solche Erfahrungen machen zu dürfen, ist für mich ein Geschenk. Jede Expedition bereichert mich.

SPIEGEL ONLINE: Was war im Rückblick Ihre größte Leistung, Alexander?

Alexander Huber: Als Sportkletterer war ich 1994 auf meinem Zenit. Mit der "Weißen Rose" kletterte ich die erste Route im oberen elften Grad. Danach ging's nur noch bergab. Das hat zum einen mit dem Alter zu tun, mit 28 Jahren hat man seinen Zenit in der Maximalkraft überschritten. Zum anderen aber auch mit der Tatsache, dass ich mich umorientierte. Ich wollte mein Freikletterkönnen auf große Wände an großen Bergen der Welt umsetzen. In diesem breiten Feld eine beste Leistung herauszuziehen, geht nicht.

SPIEGEL ONLINE: Trotz gemeinsamer Erfolge gehen Sie auch getrennte Wege und realisieren Projekte mit anderen Partnern. Haben Sie so unterschiedliche Interessen?

Thomas Huber: Die Seilschaft Huberbuam war uns immer viel wert. Wir haben versucht, unsere sportlichen Gemeinsamkeiten zu pflegen. Aber das Schicksal hat uns auch Wege aufgezeigt, die wir mit anderen Partnern beschreiten mussten. Alexander hatte große Kletterprojekte vor, mich zog es tendenziell eher zum Expeditionsbergsteigen.

SPIEGEL ONLINE: Für Ihre Projekte sind Sie noch immer sehr viel unterwegs. Wie stellen Sie sich darauf ein?

Alexander Huber: Meine Zeit zu Hause wird durch das regelmäßige Aufbrechen wertvoller und intensiver gelebt. Fünf Monate pro Jahr bin ich auf Reisen beziehungsweise über Vorträge unterwegs. Die restlichen sieben Monate gestalte ich weitgehend frei. Davon profitiert meine Familie.

Thomas Huber: Weit weg von der Heimat wird mir bewusst, wie sehr ich meine Frau und meine Kinder vermisse und liebe. Diese Sehnsucht verstehe ich auch als Motor, in den Bergen zu bestehen. Meine wichtigste Priorität ist, wieder nach Hause zu kommen.

SPIEGEL ONLINE: Fällt Ihnen das Umkehren heute leichter beziehungsweise sind Sie in jungen Jahren weiter gegangen?

Thomas Huber: Früher sind wir ahnungslos weiter gegangen, weil uns die nötige Erfahrung fehlte. Heute gehe ich gelegentlich bewusst einen Schritt weiter.

SPIEGEL ONLINE: Das bedeutet?

Thomas Huber: Über viele Jahre in den Bergen habe ich erfahren, wie stark die Dynamik des ersten Schrittes ist. Bringt man den Mut auf, diesen zu setzen, wächst man mit und in der Route. Bei der Cerro-Torre-Überschreitung etwa haben wir im Basislager viel zu lange über die Bedingungen diskutiert, oder Alexander? Manchmal muss man, wie jetzt am Cerro Kishtwar, einfach loslegen, ein Scheitern in Kauf nehmen, die Strategie anpassen, sich mental neu aufstellen und es auf einen weiteren Versuch ankommen lassen.

SPIEGEL ONLINE: Ueli Steck, Dean Potter ... - viele Ihrer Kollegen sind in den Bergen verunglückt. Was stellen derartige Nachrichten mit Ihnen an?

Alexander Huber: Sie machen einem zu schaffen. Valery Rozov betonte in letzter Zeit immer wieder, wie viel Glück er bereits hatte und dass er künftig nur noch Projekte anstrebt, die in seinen Augen wirklich sicher sind. Anfang November ist er beim Basejumpen tödlich verunglückt. Ab einem bestimmten Punkt muss man dankbar sein und einen Schritt zurücktreten. Ich hoffe, dass uns das gelingt.

Thomas Huber: Auch wenn das, was wir machen, riskant ist, können wir nicht aufhören. Hörst du ganz auf, fehlt dir ein elementar wichtiger Teil in deinem Leben. Wenn jedoch Freunde am Berg sterben, macht es dich unendlich traurig. Ich stelle dann mein eigenes Tun infrage. Wobei wir auch wissen, dass wir das Bergsteigen nicht aufgeben werden. Auf der rationalen Ebene versuchen wir dann immer zu analysieren, was der Verunglückte falsch gemacht hat, um nicht selber diesen Fehler zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Thomas war selbst Basejumper, Alexander ist Free Solo geklettert. Haben Sie sich jeweils um den anderen gesorgt?

Alexander Huber: Wenn ich wusste, er springt, gab's nur einen Gedanken: Hoffentlich ruft er bald an!

Der Privatsender Servus TV zeigt am 11. Dezember 2017, 21.15 Uhr den Dokumentarfilm "100 Jahre Huberbuam - Bluad is dicker wia Wossa". Danach ist er in der Mediathek abrufbar.



insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
fisschfreund 11.12.2017
1.
naja, vielleicht haben leute, die aufm sofa liegen, einfach keine lust einen berg hinunter zu fallen..
wolflangecker 11.12.2017
2. Schade
Schade, dass die Beiden das Glück im Kleinen nicht finden, sondern nur im Großen. Dabei steckt das wirklich schöne in den Kleinigkeiten und Details des Lebens. Ein Kind zu bekommen, es großzuziehen und dabei zu beobachten ist tausendmal spannender und erfordert mehr Mut, als einen Berg hochzuklettern, das ist nur für Menschen, denen irgendwas im Leben fehlt. (Persönliche subjektive Meinung)
whoispaul 11.12.2017
3. worauf die warten?
auf die Nachricht, das eine Seilschaft mal wieder abgeschmiert, oder vermisst wird. Ich bin auch schon etwas rumgekommen - aber auf einen Berg kraxeln?! Hui was bin i vielleicht 4 an Held - I wa aufn Berg! Der Berg ruaft i muß in die Wand!
michael_pfeiffer 11.12.2017
4. Toleranz?
"Worauf warten Menschen eigentlich, die ihr Leben ohne Wagemut auf der Couch verbringen?" Schön, dass die Huberbuam ihrem Traum folgen. Aber wieso muss man dann andere, denen ein solches Fernweh nicht in die Wiege gelegt wurde, als antriebslos kritisieren? Etwas mehr Toleranz wäre angebracht.
seppfett 11.12.2017
5.
Zwischen extrem klettern und der Couch gibt es noch viele andere Dinge die man machen kann - das ist nicht entweder oder. Die Huber Buam sind auch für ihr Klettern und die Expeditionen bekannt - aber nicht für das was sie sagen. Nicht alle müssen weit weg um zu verstehen, dass sie ihre Frau und Kinder lieben.
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