Zu beliebt? Wie die Isländer den Touristenandrang bewältigen

Islands Natur ist rau, aber spektakulär. Das finden auch immer mehr Touristen - ihre Zahl hat sich in nur acht Jahren fast verfünffacht. Droht der Insel die Überfüllung? Sie verfolgt eine Strategie.

Steffen Trumpf/ DPA

Popstar Justin Bieber war letztens hier, vor Jahren auch mal Angelina Jolie, davor wurde für "James Bond" gedreht. Nun inspiziert das chinesische Paar Zhongda He und Nannan Li die isländische Gletscherlagune Jökulsárlón.

Die zwei kommen aus Peking und Shanghai. Sie schippern mit einem Amphibienfahrzeug über das eiskalte Wasser. Mit anderen Touristen treiben sie an meterhohen Eisbergen vorbei, die vor ein paar Tagen von dem Gletscher am Horizont, dem Vatnajökull, abgebrochen sind. Li starrt gebannt durchs Fernglas auf die Eismonster. He ist erst mal sprachlos. Dann sagt er leise: "Das ist großartig."

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Overtourism: Wie Isländer mit der Touristenliebe umgehen

Islands Popularität bei Reisenden ist in den vergangenen Jahren durch die Decke gegangen. Der dramatische Ausbruch des Vulkans am Gletscher Eyjafjallajökull 2010 und dessen Aschewolken machte die Nordatlantikinsel weit über die Grenzen Skandinaviens hinaus bekannt.

2010 waren knapp 489.000 Menschen nach Island gereist, 2018 kamen 2,34 Millionen. Das entspricht nahezu einer Verfünffachung in nur acht Jahren - und zugleich mehr als das Sechsfache der Bevölkerung Islands. Auf der Insel leben rund 350.000 Menschen - und damit lediglich etwas mehr als zum Beispiel in Bielefeld. Droht der Insel die Überfüllung?

Gudny Valberg hatte den Boom zunächst einmal für sich genutzt. Ein Foto ihrer Farm, die sie mit ihrem Mann Ólafur Eggertsson betreibt, prangte auf den Titelseiten internationaler Zeitungen, als der Eyjafjallajökull direkt hinter dem Hof Asche spuckte. "Als das hier passiert ist, war das die vielleicht größte Werbung für Island", sagt sich Valberg.

Die Familie eröffnete ein Besucherzentrum am Fuße des Gletschers. Irgendwann wurde es aber zu viel: Mehrere der Kinder, die geholfen hatten, waren weggezogen. Die Eltern alleine konnten die Informationsgier der Urlauber - neben der Arbeit auf dem Bauernhof - nicht mehr stillen. Das Paar machte das Zentrum Anfang 2018 wieder dicht.

"Hú" und "Star Wars"

In der Hauptstadt Reykjavik rund 140 Kilometer nordwestlich vom Eyjafjallajökull sieht es die Direktorin der Tourismusbehörde Visit Iceland, Inga Hlín Pálsdóttir, ähnlich: "Plötzlich haben die Leute realisiert, dass da eine Insel mitten im Atlantik ist", sagt sie.

Vorher hätten die meisten nicht einmal gewusst, wo sie Island auf der Weltkarte verorten sollten. Nun merken sie, dass eine Reise dorthin gar nicht so lange dauert - von Berlin aus benötigt der Flieger dreieinhalb Stunden. Dann kamen die Fußball-Meisterschaften und der "Hú"-Schlachtruf der Isländer, dazu die vielen Serien wie "Games of Thrones" und Film-Sequels etwa von "Star Wars", die hier gedreht wurden.

Manche Isländer sind in den Sommermonaten genervt von dem Andrang. In einem Café in Reykjavik sagt einer, der Tourismus habe das Land nach der Finanzkrise 2008 zwar vor der Rezession gerettet. Nun brauche man das Geld der Urlauber aber nicht mehr. Gerade am unüberlegten Handeln vieler Reisender auf den Straßen und in der Natur stört man sich. Auf Facebook hat sich eine eigene Gruppe formiert, die Missgeschicke von Touristen dokumentiert.

Vor allem der Süden ist beliebt - der schwarze Strand Reynisfjara, die Wasserfälle Skogafoss und Gullfoss, der Geysir Strokkur. Die Ringstraße, die daran vorbeiführt und das Land umrundet, hat in diesem Gebiet Spuren davongetragen. An vielen Stellen wird der Asphalt nachgebessert. Und die Isländer erleben, was sie bis dato kaum kannten: umferdarhnútur - Stau. Letztens musste ein Canyon vorübergehend geschlossen werden, weil er nach einem Besuch von Justin Bieber urplötzlich zum Touristenmekka geworden war.

Island abseits der Ringstraße soll bekannter werden

Der Autor eines Island-Buchs, Thilo Mischke, versucht, mindestens einmal pro Jahr auf die Insel zu kommen. Er berichtet: "Island wird jedes Jahr voller. Aber es ist genug Platz da." Überlaufen sei vor allem der Goldene Ring. Sobald man diesen aber verlasse, stünden sich die Menschen nicht mehr auf den Füßen.

Und genau das ist es, womit Island seinen Tourismus in eine nachhaltige, stabile Zukunft führen will: bisher eher vernachlässigte Regionen bewerben und die Nebensaison außerhalb der relativ warmen Sommermonate Juni bis August attraktiver machen.

Während im Juli maximal rund 90.000 Reisende nach Island gekommen sind, waren es im Winter bislang nur 30.000, wie Pálsdóttir, die Visit-Iceland-Direktorin, vorrechnet. Dabei habe sich das Verhältnis zwischen Haupt- und Nebensaison schon deutlich verbessert. Das größte Wachstum sei in der Nebensaison verzeichnet worden.

Ein Fokus werde nun darauf gelegt, andere Regionen zu fördern, denn der Großteil der Island-Gäste reise eben vor allem nach Reykjavik, in den Süden und auf den Goldenen Ring - "unseren Eiffelturm", wie Pálsdóttir sagt. Entscheidend sei, ein nachhaltiges Reiseziel zu sein. "Wir fokussieren uns deshalb auch darauf, dass alles, was wir tun, etwas ist, mit dem die Isländer zufrieden sind."

Besonders wichtig ist den Einheimischen auch ein Schutzfonds für touristisch genutzte Sehenswürdigkeiten. Daraus können Gelder beantragt werden, um Wege, Toiletten und andere Infrastruktur entstehen zu lassen. Ziel sei der Schutz der Natur, sagt Pálsdóttir. Die Regierung prüft zudem die Einflüsse des Tourismus auf Wirtschaft, Infrastruktur und Soziales, um rechtzeitig zu erkennen, ob es irgendwo hakt. "Die ersten Ergebnisse zeigen, dass wir das Limit noch nicht erreicht haben", sagt Pálsdóttir.

Zauberwort heißt Regulierung

Reykjavik mit dem nahen internationalen Flughafen Keflavik bleibt dabei das zentrale Tor auf die Insel. Nahezu alle Reisenden - bis zu 96 Prozent - besuchen während ihres Urlaubs die Hauptstadt. "Das ist sowohl eine gute als auch eine schlechte Sache", sagt die Leiterin des lokalen Touristenamtes Visit Reykjavik, Karen María Jónsdóttir. Nicht nur der Laugavegur, die zentrale Einkaufsstraße, ist meist prall gefüllt, sondern auch andere Viertel der Stadt.

Reykjaviks Zauberwort heißt Regulierung: Große Busse wurden auf Wunsch der Anwohner aus dem Stadtkern verbannt. Es wurden viele dringend benötigte Hotels gebaut, die sich laut Jónsdóttir über die Stadt verteilen. Wer Airbnb-Zimmer vermietet, darf das an maximal 90 Tagen im Jahr tun. Es wurde darauf geachtet, dass in manchen Straßen nicht zu viele Restaurants und Kneipen entstanden und sich die Anwohner gestört fühlen. Museen, Kunstgalerien und Bars liegen nicht nur im Zentrum, sondern auch in anderen Gebieten wie dem Alten Hafen.

Heute sei die überwiegende Mehrheit in der Stadt der Ansicht, dass die Touristen die Lebensqualität verbesserten, sagt Jónsdóttir. "Die Leute sind zufrieden mit der Anzahl und Vielfalt der Angebote."

Im Jahr 2019 erlebt Island mittlerweile etwas, was es in diesem Jahrzehnt noch nie gegeben hatte: sinkende Zahlen. Gründe dafür sind, so sagt Pálsdóttir, unter anderem die Pleite der Billigfluglinie Wow Air und die Probleme des Pannenfliegers Boeing 737 Max. "Wir machen uns zurzeit aber keine Sorgen", versichert Pálsdóttir.

Von einer Überfüllung wie in Venedig, sagt sie, sei Island weit entfernt. Und in Sachen Gedränge kommt es ohnehin auf die Perspektive an: Die Chinesen He und Li genießen die aus ihrer Sicht immer noch geringe Menschendichte auf Island. "Das hier ist so anders als China. Wir sind so sehr an städtische Gebiete mit großen Bevölkerungszahlen gewöhnt. Hier ist es wild und leer. Das ist das Paradies für uns", sagt Nannan Li.

Steffen Trumpf, dpa



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