Juist in der Nordsee Die Schatzinsel

Sonnig, erholsam - und nachhaltig: Die Nordseeinsel Juist will vormachen, wie umwelt- und sozialverträglicher Tourismus aussieht. Kann das gelingen?

"Die Gäste beklagen sich schon, dass der Weg zum Wasser immer weiter wird." Rafael Spreitzer lächelt amüsiert. Hinter dem großen Mann in Outdoor-Jacke und mit Dreitagebart liegt ein Traumstrand. Schier endlos lang, feiner Sand, weiße Brandung vor blauem Himmel, am Horizont bunte Strandkörbe. Er zeigt gen Westen. "Im Naturschutzgebiet an der Bill wird der Sand beständig weggespült", erklärt der Diplom-Geologe den sechs Zuhörern, die sich für die Führung "Inselquerung" am Strandübergang mit dem Muschelschild versammelt haben. "Daher wird der Strand hier immer breiter, und im Osten - am Kalfamer - bildet sich ein Fluthaken, eine hakenförmige Sandablagerung."

Juist, zweite von links in der ostfriesischen Inselkette, ist im Umbau. Schon immer. Sturmfluten haben die Silhouette über die Jahrhunderte ständig verändert. Aber in den vergangenen Jahren sind die Bewohner des nur 16,4 Quadratkilometer großen Sandfleckens in der Nordsee alarmiert. "Auch wir sind vom Klimawandel betroffen", sagt Thomas Vodde. Vielleicht nicht so stark durch den Anstieg der Meeresspiegel, aber Sturmfluten seien häufiger geworden, die Inselsubstanz gerate in Gefahr.

Vodde, 55, helle Hose, rahmenlose Brille, sitzt an seinem Schreibtisch im ersten Stock des Rathauses, nur 200 Meter entfernt vom Strand. Durch das geöffnete Fenster ist Möwengeschrei zu hören und das Geklapper von Pferdehufen. Der gebürtige Osnabrücker kam vor 23 Jahren auf die Insel, seitdem ist Vodde für das Marketing der Gemeinde zuständig, inzwischen auch allgemeiner Vertreter des Bürgermeisters und Nachhaltigkeitsbeauftragter. Nachhaltigkeit, das langfristig angelegte Agieren in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht, ist dem Diplom-Pädagogen eine Herzensangelegenheit.

"Wir wollen uns nicht nur anpassen und Deiche erhöhen", sagt Thomas Vodde, die Gemeinde wolle auch Verantwortung übernehmen und einen Beitrag zur Vermeidung von Treibhausgasen leisten. Zeitgleich zu starken Dünenabbrüchen und millionenteuren Reparaturen vor etwa neun Jahren entstand die Idee, bis 2030 als erste touristische Destination Deutschlands klimaneutral zu werden, also nicht mehr CO2 in die Atmosphäre abzugeben als aufzunehmen. 2010 erklärte sich Juist zur "Klimainsel".

Seitdem jonglieren Bürgermeister und Gemeinderat, Vodde und die Juister mit Begriffen wie CSR-Zertifizierungen und CO2-Fußabdruck, wägen Windräder, Geothermie und Solaranlagen ab. Erstellen Fahrpläne, wie eine klimaneutrale Energieversorgung zu erreichen wäre. Träumen von Energiegenossenschaft und Klimaschutzfonds. Kurz gesagt: "Man möchte ein kleiner Retter der Welt sein", sagt Vodde und lacht, "natürlich ist klar, dass man das nicht ist." Manches ist bereits umgesetzt, das meiste noch in Planung. Mit diesen Konzepten gewann die Insel 2015 den deutschen Nachhaltigkeitspreis. Die Jury lobte die "konsequente und authentische Nachhaltigkeitspolitik der Nordseeinsel".

Wer nach Juist reist, der verhält sich in Sachen Nachhaltigkeit schon vorbildlich: ein Ziel in der Umgebung, ohne Fluganreise, im besten Fall mit der Bahn. Und eine Insel als Urlaubsort, auf der schon immer Pferdekutschen Autos und Lkw ersetzt haben, auf der Strandwanderung und Sonnenuntergang die Highlights des Tages sind. Ruhe gilt hier als wichtigstes Gut, angereichert nur durch Möwengeschrei und Wellenrauschen.

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Foto: Carmen Jaspersen/ dpa

Angst vor dem Ausverkauf

Schon die Fährfahrt ab Norddeich-Mole verheißt Tage fern des Alltags, mitten im Nationalpark Wattenmeer, nur bestimmt von Wetter und Gezeiten. Gemächlich folgt die "Frisia III" den Prielen, Pricke für Pricke tastet sich der Kapitän rund eineinhalb Stunden über das überflutete Watt. Den Meeresboden berührt das Schiff häufiger, erzählt ein Matrose. Im Januar erst hätten 650 Passagiere auf der aufgelaufenen "Frisia II" zwölf Stunden ausharren müssen, bevor das Hochwasser sie befreite. Selbst die Fluglinie FLN Frisia musste damals ihre Verbindung nach Juist wegen vereister Piste einstellen.

1700 Insulaner leben mit und von dieser Abgeschiedenheit ihres "Töwerlands" - Zauberlands -, wie sich die Insel auf Friesisch bewirbt. "Die Lebensqualität ist hoch", sagt der geborene Juister und Leiter des Nationalpark-Hauses, Jens Heyken. Er genieße die Natur, die kurzen Wege, die Ruhe im Winter. "Für Kinder ist Juist einzigartig zum Aufwachsen", sagt Thomas Vodde, "sie haben hier einen unglaublichen Freiraum." "Eine heile Welt" nennt es die Hotelbesitzerin Gaby Danzer.

Fast alle Arbeitsplätze aber drehen sich um die Urlauber, von denen in der Hochsaison bis zu 15.000 gleichzeitig auf Juist wohnen, 130.000 sind es im Jahr. Seit 150 Jahren leben die Juister gut damit, fast jeder vermietet Zimmer oder Wohnungen. Doch die Liebe ihrer Gäste könnte ihnen selbst das Leben in ihrer Heimat bald unmöglich machen - wie den Syltern oder Venezianern. Wenn Tourismus nachhaltig sein will, dann nicht nur beim Schutz von Klima und Umwelt, sondern auch von Kultur und Traditionen. Auch darum kämpft Juist.

An der Billstraße, der Nobelmeile mit Blick auf Watt und Hafen, drängt sich ein Neubau an den anderen. Daran vorbei sausen die Touristen auf ihren E-Bikes mit Kinderanhängern in Richtung Loog, Hammersee und zur Bill, von der Geologe Spreitzer am Strand sprach. Ein Schild auf einer Brache verkündet: "Hier entsteht schon bald eine exklusive Ferienanlage mit 2- und 3-Zimmer-Wohnungen." Die Insel stehe auf der Kippe, sagt Vodde. Auf Juist wird schon von "Ausverkauf" gesprochen, nicht anders als auf Sylt. Werden Betriebe etwa aus Altersgründen aufgegeben, Häuser verkauft, kommen die Meistbietenden zum Zuge.

"Das sind wohlhabende Leute vom Festland", beschreibt Heyken jene, die die Exklusivität Juists zu schätzen wissen. Der Mann mit grauem Kinnbart steht neben dem Zwergwalskelett im Nationalparkhaus in der Nähe des Hafens. Auch Rafael Spreitzer arbeitet hier, wenn er nicht gerade Urlaubern am Strand von Weißdünen, Meersenf und Strandhafer erzählt. Heyken kam vor 17 Jahren nach dem Forstwirtschaftsstudium wieder auf die Insel, zunächst als Saisonkraft in dem vom BUND betriebenen Museum. Er kaufte ein Grundstück, baute ein Niedrigenergiehaus.

Juister seien eine aussterbende Spezies, sagt der Naturschützer, zugleich Gemeinderatsmitglied: Die Mieten und Immobilienpreise sind zu hoch; junge Leute kommen nach der Ausbildung auf dem Festland nicht wieder; den Vereinen und der Freiwilligen Feuerwehr fehlt der Nachwuchs. Wenn sich nichts ändere, so Heyken, dann werde die Insel zu einem Ferienresort, "das im Frühjahr auf- und im Herbst abgeschlossen wird".

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Zurzeit gründe sich eine Wohnungsbaugenossenschaft, sagt er, deren Grundstücke Insulanern vorbehalten sein sollen. Die Gemeinde - wie auch andere deutsche Nordseeinseln - wolle mit einer Änderung von Bebauungsplänen gegenhalten und Dauerwohnflächen vorschreiben, sagt Thomas Vodde. Das Problem: Solche Vorschriften wirken sich nur auf Neubauten auf, nicht auf bestehende Gebäude.

Ähnliches gilt für Energiesparmaßnahmen. Sie sind heutzutage Pflicht bei Bauprojekten, aber was ist mit dem Altbestand? Das Ziel der Klimaneutralität ist nur zu schaffen, wenn Gebäude energetisch saniert, regenerative Stromquellen wie Solaranlagen genutzt werden. Solche Maßnahmen aber müssten sich vor allem wirtschaftlich auszahlen, da sind sich die Juister einig - und überwiegend zögerlich. Wer seinen Betrieb als Altersvorsorge ansieht, will nicht mehr viel investieren.

Foto: Ingo Wagner/ picture alliance / dpa

Gebremster Enthusiasmus

Die Insel arbeite nicht als Gesamtheit zusammen, sagt Thomas Vodde, zumindest nicht so, wie er es sich wünschen würde. "Nur 15 Prozent sind aufgeschlossen und tun etwas. 30 Prozent halten alles für Blödsinn und Nachhaltigkeit für nicht wichtig." Der studierte Pädagoge bleibt gelassen: "Das ist normal. Wir arbeiten mit jenen, die interessiert sind." Sind diese erst erfolgreich, so seine optimistische Strategie, lasse sich auch der Rest überzeugen. Er lacht. Vodde ist der Motor hinter dem Projekt Klimainsel, zumindest seine Energie scheint regenerativ.

Nicht nur er sieht in dem gebremsten Enthusiasmus vieler Insulaner die größte Herausforderung für das Projekt Klimainsel. "Juist müsste noch mehr Akteure an einen Tisch bringen", sagt Hartmut Rein, Professor an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Akteure, das sind Hoteliers, Pensions- und Ferienwohnungsbesitzer, aber auch die Privathaushalte, die Reederei und ihre Fluglinie, deren Emissionen Rein ebenfalls stören.

"Wir können niemanden zwingen", sagt Vodde, "wir müssen sie davon überzeugen, dass energetische Sanierung notwendig ist und sie über Fördermittel aufklären." Energieberatungen in der Vergangenheit und ein erst jüngst von Juist und der Stadt Norden ernannter Klimaschutzbeauftragter sollen helfen. Im Ferienkatalog ist für die Urlauber leicht zu erkennen, welche Unterkünfte sich fit für die Zukunft machen - anhand von Logos zum Beispiel für Photovoltaik, Niedrigenergiehäuser und Solarwarmwasseranlagen.

"Klimainsel?", kaum ein Gast hat von den Bemühungen der Gemeinde etwas wahrgenommen. Dass sich die Insel und die Umwelt verändert, das erfahren sie bisher am unterhaltsamsten von Wattführer Heino Behring.

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"Vor 50 Jahren hatten wir im Wattenmeer ein anderes Leben", sagt der 67-Jährige, Kapitänsmütze, kurze Hosen und Goldring im Ohr. "Da hatten wir noch fast hundert Würmer pro Quadratmeter und kinderarmdicke Aale."

Foto: W. Pfisterer/ Haus AnNatur

Die Überzeugten

Zu den aufgeschlossenen Unterstützern zählt Annegret Coordes vom einzigen Biohotel der Insel, Haus Annatur, die auf Biolebensmittel aus der Region setzt und schon früh auf Ökostrom umgestellt hat. Die 67-Jährige vermisst die Aufbruchstimmung, die die Insulaner am Anfang des Klimainsel-Projektes verspürten. Ende Oktober aber wird sie ihr Hotel abgeben und nach 36 Jahren Inselleben wieder auf das Festland, in die Nähe von Aurich, ziehen. "Eine Wohnung zu mieten, können wir uns auf Juist nicht leisten", sagt Coordes.

Ein anderer, der sich in puncto Nachhaltigkeit engagiert: Stefan Danzer, der mit seiner Frau Gaby vor gut zwei Jahren das Vier-Sterne-Hotel Achterdiek, gleich hinter dem Deich auf der Wattseite übernommen hat, mit Wellness- und Slow-Food-Ausrichtung. "Wir leben alle auf einer Welt, und die können wir nicht tauschen. Jeder muss daher seinen Teil beitragen", sagt der zurückhaltende gebürtige Hesse in weißer Kochjacke. Vor 20 Jahren kam das Paar als Koch und Kellnerin nach Juist.

Dunkle Ledersofas in der Lobby, an der Wand weißblaue Fliesen, ein Kamin. Juist sei eine exklusive Insel, sagt der 43-jährige Danzer, da sollte man sich auch den Luxus Nachhaltigkeit leisten können. Von der Positionierung als Klimainsel würde die ganze Gemeinde profitieren: "Der Verbraucher hinterfragt immer mehr - auch im Urlaub." Als Klimainsel hätte Juist gegenüber der Konkurrenz einen Vorteil. In Europa wird es nicht viele solcher klimaneutralen Destinationen geben. Als zurzeit fast rein deutsches Urlaubsziel könnte die Insel auch bei ausländischen Gästen noch zulegen und in der Vor- und Nachsaison.

Genau das ist auch ein Ziel von Marketingchef Thomas Vodde: In der Hauptsaison sei Juist zwar zu 90 Prozent ausgebucht, davon seien mehr als zwei Drittel Stammgäste. Für die Monate Mai oder Oktober aber wolle er die sogenannten Lohas anlocken. Jene Urlauber, mit überdurchschnittlichem Einkommen, die ihren Zweit- und Dritturlaub umweltschonender verbringen wollen, in der Heimat, in der Natur. Allerdings, das räumt er ein, könne man die Saison nicht immer weiter verlängern: Irgendwann bräuchten die Insulaner auch mal eine Pause von dem Besucheransturm.

Das ist die Zeit, die Heyken so liebt: "Anfang November kann man durchatmen", sagt der Juister, in den Tag hineinleben und viel Zeit für die Familie haben. "Die Uhren ticken einfach anders hier."

Leitfaden für nachhaltigen Tourismus in Deutschland

"Juist ist ein Paradebeispiel für den nachhaltigen Tourismus in Deutschland", sagt Dirk Dunkelberg, Vizegeschäftsführer des Deutschen Tourismusverbands (DTV). Für die öffentlichen Verwaltungen hat der DTV erst kürzlich seinen Praxisleitfaden "Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus" vorgestellt, mit dem die Voraussetzungen für die Erfüllung der Nachhaltigkeitsziele der Uno im nationalen Tourismus geschaffen werden sollen. "Wir wollten Regionen, Kommunen und Städten aufzeigen, welche Schritte sie machen müssen, um sich für Nachhaltigkeit aufzustellen", sagt Dunkelberg. Ihren Erfolg könnten sie anhand von Indikatoren messen.

Beispiele für Nachhaltigkeitsindikatoren:

  • Wie viele Tourismusbetriebe haben Umwelt- oder Nachhaltigkeitslabel?

  • Gibt es Verhaltensregeln für touristische Aktivitäten in sensiblen Gebieten?

  • Werden regionale Akteure und deren Produkte unterstützt?

  • Besteht eine Kooperation zwischen Tourismusverantwortlichen und Umweltschützern?

  • Wird das natürliche und regionaltypische Landschafts- und Ortsbild durch den Tourismus erhalten und unterstützt?

  • Werden die Gäste über Nutzungsmöglichkeiten umweltfreundlicher Verkehrsmittel für die An- und Abreise informiert?

  • Existiert ein Aktionsplan für die nachhaltige Tourismusentwicklung, der überwacht und bewertet wird?

Dieser Kriterienkatalog ist laut Dunkelberg bisher einzigartig, die Weltorganisation für Tourismus (UNWTO) und die EU hätten schon Interesse bekundet. In die Erstellung sind die Erfahrungen aus engagierten Urlaubsregionen eingeflossen, etwa aus der Uckermark, aus dem Schwarzwald, dem Bayerischen Wald - und aus Juist.

Impressum

Forum: Würden Sie gerne nachhaltig reisen? Oder tun Sie es vielleicht schon? Diskutieren Sie mit.

Autorin: Antje Blinda

Fotos: Antje Blinda, Anne Martin, dpa, Haus Annatur

Fotoredaktion: Nele Gülck

Bewegtbild: Anne Martin, Leonie Voss

Dokumentation: Claudia Niesen

Schlussredaktion: Julia Mateus, Petra Maier

Programmierung und Grafiken: Michael Niestedt, Frank Kalinowski, Chris Kurt, Anna Behrend

Koordination: Anna Behrend

Dieser Bericht ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.