Karnevalsband Brings Superjeile Zick in XXL

Bunte Gesichter, volle Sitzungen, Kölsch und Musik: Ganz Köln feiert in diesen Tagen den kollektiven Karnevalsrausch. Für die Musiker der Band Brings bedeutet die jecke Zeit ein Programm, das an Hochleistungssport grenzt - in drei Monaten spielen sie mehr als 240 Konzerte.

DPA

Von Linus Geschke


Es ist 20.59 Uhr. Noch eine Minute bis zum Auftritt. Dann wollen rund 10.000 Menschen in der "Lachenden Kölnarena" wieder eine "Superjeile Zick", eine supergeile Zeit geboten bekommen. Knapp sechs Stunden dauert die Veranstaltung, etliche Bands waren schon auf der Bühne, etliche kommen noch. Brings ist nur eine davon - aber für viele Besucher der Höhepunkt des Abends.

Insbesondere dann, wenn Sänger Peter Brings "Superjeile Zick" anstimmt: jenes Lied, welches vor zehn Jahren aus der Rockgruppe Brings partiell eine Karnevalsgruppe machte. "Wir hatten den Song eher als Gag aufgenommen und gar nicht vor, ihn groß herauszubringen", erinnert sich Gitarrist Harry Alfter. "Doch irgendwann geisterte er durch die Kölner Kneipen und schwappte von dort aus in die Karnevalssäle."

Hier wurde das Lied zu einer Art Kulturrevolution: eine rockige Nummer, in der die "Tüte" angemacht wird, die Frauen "Schüsse" sind und es "anfängt zu schneien, mitten im August" - solche Texte passten so gar nicht in die Karnevalswelt einer Stadt, die ihren Spaß traditionell sehr ernst nimmt. "Ich kann mich da an einen älteren Sitzungspräsidenten erinnern, der sagte 'Nee, das ist nicht mehr mein Karneval!', sich umdrehte und ging", erzählt Sänger Peter Brings und lacht. "Aber das Publikum hat die Nummer vom ersten Tag an geliebt, und darauf kommt es an."

Heute bedeutet der Karneval für die Gruppe in erster Linie einen minutiös ausgerichteten Zeitplan. Der letzte Auftritt im Gürzenich liegt nur zwölf Minuten zurück, dann geht es rasend schnell mit dem Tourbus über die Deutzer Brücke hinüber auf die andere Rheinseite und durch einen Seiteneingang in die Arena. Eigentlich bräuchte Bassist Stephan Brings jetzt noch ganz schnell eine Toilette. Eigentlich. Aber es bleibt keine Zeit für stille Örtchen: Die Band wird angekündigt, die Menge jubelt, er stürmt mit seinen Kollegen die Bühne. Wenn es nicht anders geht, muss man die Flüssigkeit halt ausschwitzen.

Sechs Lieder, dann kommt die nächste Gruppe

Vor der Bühne stehen die Piratinnen. Petra Stürmer ist eine von ihnen. "Brings, das ist so was von geil, wie die abgehen und sich verausgaben! Außerdem sieht der Stephan richtig scharf aus in seinem Schottenröckchen." Dann will sie nicht mehr reden, dann will sie feiern. Bei "Halleluja" die Arme zur Hallendecke strecken, beim Intro von "Wir wollen niemals auseinandergehen" mit dem Nachbarn schunkeln und bei "Superjeile Zick" lauthals mitgrölen. Spätestens jetzt gewinnt der Schweiß auch den Kampf gegen die Schminke: Die auf der Wange aufgemalte Narbe verabschiedet sich langsam in Richtung Kinn.

Sechs Lieder hat die Band Zeit, dann kommt die nächste Gruppe. Sechs Lieder, in denen sie die Kölner bei ihren Emotionen packen müssen: Ruhiges zum Schunkeln, Nummern zum Mitsingen und Stücke, in denen sie Gas geben können. Dann erinnert Christian Blüm - Sohn des ehemaligen CDU-Arbeitsministers Norbert Blüm - hinter dem Schlagzeug an das Tier aus der Muppet-Show, während Stephan Brings mit wilden Körperdrehungen den Bass zupft und Bruder Peter die Rampensau gibt. Auch Harry Alfter bekommt Zeit für sein Gitarrensolo: Er hüpft wie Chuck Berry über die Bühne, er macht die Gitarre zur Geliebten, die er mit seinen Fingerkuppen weinen, schreien und stöhnen lässt. Kai Engel erledigt den Rest: mit Keyboard, Akkordeon oder Mundharmonika.

In diesen Momenten hat Brings nichts mit den anderen, eher statisch operierenden Karnevalsgruppen zu tun. Jetzt kann man nachvollziehen, warum AC/DC in Hannover und München genau diese Band als Vorgruppe haben wollte - und warum insbesondere das jüngere Karnevalspublikum sie so liebt.

Eine Frage bekommen sie jedoch immer wieder gestellt: Ist das nicht zu viel Talent für eher dankbare Karnevalshallen, ein Abstieg für eine Band, die zweimal bei "Rock am Ring" auftrat und gemeinsam mit den Simple Minds auf der Bühne stand? "Blödsinn", widerspricht Harry Alfter. "Der Karneval ist das Beste, was uns passieren konnte! Wir kommen aus Köln, und wenn du die Stadt gewinnen willst, geht das nur über den Karneval." Man müsse sich ja auch weiterentwickeln. "Ich bin jetzt 46 Jahre alt und hab drei Kinder - soll ich mich da immer noch in knallenge Lederhosen quetschen und einen auf Hardcore-Rocker machen?"

Dann doch lieber Schottenröcke. 20 Jahre nach Bandgründung führen Brings jetzt eine Art Doppelleben: In der fünften Jahreszeit sind sie eine Karnevalsband, die auch mal rockt, ansonsten eine Rockband, die auch mal schunkelt. "Mir ist das ganze Schubladendenken eh zuwider", sagt Kai Engels zwischen den Auftritten. "Es gibt gute und es gibt schlechte Musik. Ende. Und wir versuchen, gute Musik zu machen."

Ufftata mit Kölsch im Bauch

Um in Köln als Karnevalsband Erfolg zu haben, muss man nicht zwingend ein guter Musiker sein. Oft genügt ein bisschen "Ufftata" am Schlagzeug, eine Handvoll Akkorde auf der Gitarre und ein Sänger mit einer eher mittelprächtigen Stimme. Der Kölner feiert gerne und am liebsten sich selbst. Lieder über die Stadt, ob melancholisch oder fröhlich, kommen immer gut an. Lieder gegen Düsseldorf auch. Fehlt nur noch ein Refrain, den das Publikum bereits nach dem ersten Hören auswendig kann - auch dann, wenn sich schon 15 Kölsch im Magen Gesellschaft leisten. "Aber auf die", sagt ein Mann im Vampirkostüm, "hat man nach Aschermittwoch auch keinen Bock mehr. Die kann man sich nur an Karneval geben."

Was für das Publikum die große Show ist, ist für Brings harte Arbeit. Durchschnittlich sechs Auftritte haben die Musiker am Abend, mehr als 240 insgesamt in den knapp drei Monaten zwischen dem 11.11. und Aschermittwoch: 240-mal "Kölle Alaaf", 240-mal eine "Superjeile Zick", 240-mal alles geben. Immer dann, wenn die anderen feiern.

Vier Minuten nach dem Auftritt in der "Lachenden Kölnarena" sitzen die fünf wieder im Tourbus, der sie zur nächsten Bühne bringt. Ein bisschen Ruhe, ein wenig Durchatmen und Zeit für zwei Zigaretten. Auch Christian Blüm sieht man den Stress allmählich an. "Aber sobald du auf der Bühne stehst, kommt die Energie von ganz alleine. Wir sind einfach eine Liveband, brauchen das Publikum. Und dass uns die Radiostationen nie auf ihre Playlist setzen, weil wir bei denen nur noch unter Karnevalsband laufen, ist mir mittlerweile auch egal." Ihr Publikum müssen sie anders finden, ohne Eins Live, NDR2 oder Bayern3.

Wie am 16. Juli 2011: Dann wird Brings im Kölner Fußballstadion auftreten. Die Karten gab es ab fünf Euro, Musik für die Massen, in wenigen Tagen war es ausverkauft. Sie werden aufspielen vor rund 50.000 Menschen, mindestens zwei Stunden lang, eine "Superjeile Zick" haben im XXL-Format. Ein bisschen Karneval geht immer in Kölle - auch im Hochsommer.



insgesamt 12 Beiträge
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Hiddensee65 03.03.2011
1. Wie Nagel auf Kopf
Danke an die Redaktion für den zutreffenden Bericht, der ohne "Besoffene" und sonstige Verunglimpfungen auskommt und die Stimmung in den Hallen bei den Auftritten der Band super schildert! Wer daran zweifelt, sollte sich die Band mal live anschauen, da wird man bundesweit kaum besseres finden: Freu mich schon auf das Stadionkonzert im Sommer! Die haben es echt auch mal verdient, dass Seiten wie Spiegel Online über die berichten, ohne unbedingt negativ draufhauen zu wollen. Klasse Geschenk zu Altweiber, danke nochmal!
altebanane 03.03.2011
2. .
Als zugereister Rheinländer seit 20 Jahren finde ich den Bericht auch mal gut. Ich habe mich zwar während der Mittagspause mit den Höhnern und nicht mit Brings amüsiert, aber das Phänomen ist ja ähnlich. Glaube ich zumindest, seit mir letzten Sommer beim Öffnen meines Bürofenster ein Höhner-Konzert von der nahegelegenen Freilichtbühne entgegenschallte, die normalerweise nicht zu hören ist - aber die Stimmung war offenbar extrem super :-). Heute erstmal ein Alaaf ! drauf.
Dominik Menakker, 03.03.2011
3. Kein Titel
Habe die lägste Zeit meines Lebens in Kölle und Umgebung verbracht. Da ist heute schon mal das eine oder andere sentimentale Gefühl zu unterdrücken. Danke an die Redaktion gerade über diesen Artikel. Denn er zeigt doch recht schön auf, dass Köln und kölsche Musik eben auch, aber nicht nur Karneval ist, sondern dass diese Stadt ein Lebensgefühl ausstrahlt, wie es sonst keine andere deutsche Stadt vorweisen kann. Da kann Stuttgart (ich bin geborener Schwabe)im Ranking um die beste Lebensqualität nach formalen Kriterien noch so weit vorne liegen. Kölle ist trotzdem noch ein ganz anderes Kaliber.
morgenrot74 03.03.2011
4. Superjeiler Bericht
Ich kann dem Inhalt nur zu 100% zustimmen und finde es ganz toll, dass die Redaktion auch mal über eine Gruppe berichtet, die nicht dauernd im TV oder Radio vorkommen, obwohl sie bei ihren hunderten Konzerten jedes Mal Tausende mitreißen. Brings live sehen ist jeden Euro Eintritt wert und wer die Band noch nicht kennt, sollte mal ein nach Livevideos bißchen googeln: Überzeugt auch den letzten Skeptiker! Könnte mich nur schwarz ärgern, dass das Konzert im Stadion ausgebucht war, als ich im Urlaub war...aber vielleicht gibt es ja jetzt ein Zusatzkonzert :-)
Beckermann 03.03.2011
5. Altweiberfastnachtssommer
Zitat von Hiddensee65Danke an die Redaktion für den zutreffenden Bericht, der ohne "Besoffene" und sonstige Verunglimpfungen auskommt und die Stimmung in den Hallen bei den Auftritten der Band super schildert! Wer daran zweifelt, sollte sich die Band mal live anschauen, da wird man bundesweit kaum besseres finden: Freu mich schon auf das Stadionkonzert im Sommer! Die haben es echt auch mal verdient, dass Seiten wie Spiegel Online über die berichten, ohne unbedingt negativ draufhauen zu wollen. Klasse Geschenk zu Altweiber, danke nochmal!
Eigentlich ist "Altweiber" definitiv nicht die kölsche Bezeichnung für das, was heute gefeiert wurde. - Aber irgendwie setzt es sich immer mehr durch, obwohl es eigentlich eher in den Krefelder Raum gehört. Seltsam. (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Weiberfastnacht) Ich muss dabei immer an Altweibersommer denken und das hat für mich wirklich nichts mit Weiberfastnacht zu tun. :) (vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Altweibersommer) Trotzdem ein herzliches 'Alaaf!' an alle, die heute schön gefeiert haben.
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