Katholiken nach Rom Mit dem Papst auf Bayerisch diskutieren

Abordnungen von Trachtlern, Schützen und Feuerwehrleuten aus ganz Bayern zieht es zum Sonntag gen Vatikan, vorweg Ministerpräsident Stoiber. Und mittendrin: die wackeren Fans aus Ratzingers Geburtsgemeinde Marktl am Inn und seinem ehemaligem Wohnort Pentling - im Kampf um die Aufmerksamkeit von Papst Benedikt XVI.


Deutsche Pilger auf dem Petersplatz: "Dieser Papstkult ist nicht unsers"
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Deutsche Pilger auf dem Petersplatz: "Dieser Papstkult ist nicht unsers"

München - Im bayerischen Wettstreit um die Aufmerksamkeit des neuen Papstes hat seine Geburtsgemeinde Marktl derzeit die besten Karten. Mit 56 Pilgern wollen sie am Sonntag bei der Amtseinführung auf dem Petersplatz stehen - fast doppelt so viele wie aus Joseph Ratzingers Wohnort Pentling. Zudem werden die Marktler von drei TV-Teams begleitet. Transparente mit Grüßen an ihren Ehrenbürger haben beide Gruppen vorbereitet.

"Wir haben reservierte Plätze vom Vatikan bekommen", sagte der Marktler Pfarrer Josef Kaiser. Während die Bürgermeister beider Gemeinden mit Ministerpräsident Edmund Stoiber und den bischöflichen Delegationen aus Regensburg und München fliegen, fahren die Pfarrgemeinde-Mitglieder, Abordnungen der Schützen- und Trachtenvereine und Feuerwehrleute mit dem Bus. Auch Pfarrer Kaiser. Am Samstag früh um drei Uhr gehe es los, Sonntagnacht sei man zurück. "Das ist Stress pur", sagte er.

Aber die Begeisterung für Benedikt XVI. ist groß. "Wir hoffen, dass wir ihm eine Unterschriftenliste mit Glückwünschen der Gemeinde persönlich überreichen können", sagte Kaiser. "Sonst müssen wir sie halt irgendwo abgeben."

Der Pentlinger Feuerwehr-Kommandant Hans Hopfensberger will mit sechs Kollegen dabei sein - in voller Uniform und mit einem sechs Meter langen Transparent, "damit man uns erkennen" und auch "Eindruck schinden kann", wie Hopfensberger erklärte. Aber man müsse schauen, ob man überhaupt so weit nach vorne komme - die Feuerwehrmänner aus Pentling haben keine Platzkarten. Bürgermeister Albert Rummel sagt, ein Treffen mit dem Papst sei nicht geplant.

"Aber deshalb fährt man noch nicht nach Rom"

Fast eine Million Gläubige werden am Sonntag in Rom erwartet. Wie viele davon aus Deutschland kommen, wissen weder die Deutsche Bischofskonferenz noch die Pressestelle des Vatikans zu sagen.

Freudenböller in Marktl nach der Papstwahl: 56 Pilger aus der Geburtsstadt Ratzingers haben reservierte Karten für die Amtseinführung
AP

Freudenböller in Marktl nach der Papstwahl: 56 Pilger aus der Geburtsstadt Ratzingers haben reservierte Karten für die Amtseinführung

Aber ihre Zahl dürfte überschaubar sein. In Münster zum Beispiel, wo Ratzinger 1963 bis 1966 Professor war, stößt die Anfrage auf Überraschung. "Es ist hier ein großer Stolz auf den neuen Papst. Aber deshalb fährt man noch nicht nach Rom", sagt Bistumssprecher Karl Hagemann: "Das kann ich mir nicht vorstellen." Von Bayern aus sei man zwar schneller in Italien. Aber "es wird ja alles live im Fernsehen übertragen, da ist es besser zu sehen". In Münster jedenfalls werde am Sonntagabend ein Pontifikalamt gefeiert.

Beim Pilgerbüro in München dagegen ist die "Nachfrage sehr groß", wie der stellvertretende Geschäftsführer Clemens Pongratz sagt. Rund 300 Menschen hätten Quartiere über das Pilgerbüro gebucht, in Hotels weit draußen vor der Stadt. "Die Klöster waren schon voll." Wer den Papst sehen will, muss früh aufstehen. Das Hochamt beginnt zwar erst um 10 Uhr, aber "man sollte schon um 7 Uhr auf dem Petersplatz sein", riet Pongratz.

"Auf diesen Papst-Hype steigen wir nicht ein"

Auch die Katholische Jugend aus München will mit einem oder zwei Bussen nach Rom fahren. "Nicht aus Gründen der Papst-Verehrung, sondern weil er bei uns Erzbischof war", sagt ihr Vorsitzender Josef Peis. "Dieser Papstkult ist nicht unsers, auf diesen Papst-Hype steigen wir nicht ein." Aber sie freuten sich über Ratzingers Wahl, weil man jetzt mit dem Papst "auf Bayerisch diskutieren" könne. Sie hofften auf eine Audienz, nicht am Sonntag, aber bald einmal, und hätten auch ein Buch mit Wünschen an den neuen Papst aufgelegt - zum Beispiel, dass die Verwendung von Verhütungsmitteln jedem selbst überlassen bleiben sollte. "Ich denke, dass Papst Benedikt anders agiert als Kardinal Ratzinger. Ich hab keine große Befürchtung, dass es zurückgeht ins Mittelalter", sagte Peis.

Die Reise kostet 65 Euro, mit Übernachtung. Die Jugendgruppe habe es geschafft, 40 Kilometer außerhalb von Rom noch ein Hotel zu finden. Der Bus startet schon am Freitag, "die Leute sollen am Samstag auch was von der Stadt haben", sagt Peis. Außerdem ist ein Treffen mit dem Münchner Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter geplant. Auf dem Petersplatz dann "wollen wir schon bemerkbar machen, dass wir aus Bayern sind": Die Gruppe führt die Vereinsfahne mit dem Bären mit, dem Wappentier der Diözese. "Aber keine Spruchbänder 'Super' oder so", betont Peis.

Von Roland Losch, AP



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