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Klettersteigschein in Ramsau: Schulung gegen Selbstüberschätzung

Foto: TVB Ramsau/ Herbert Raffalt

Klettersteigschein in Ramsau "Darf man sich am Seil festhalten?"

Klettersteige erlauben auf angenehme Art, steile Felsen emporzuklettern. Doch viele Anfänger überschätzen sich. Ramsau in der Steiermark versucht, mit einer Blitzschulung wach zu rütteln.
Von Johannes Schweikle

Es gibt schönere Tage, um in die Berge zu gehen. Der Hohe Dachstein liegt in Wolken, von der senkrechten Südwand des 2995 Meter hohen Massivs in der Steiermark ist nichts zu sehen. Bergführer Walter Walcher steht auf einem Parkplatz am Fuß des verhüllten Bergs und staunt. Er liest die Kennzeichen der Autos und sagt zu seinem Kollegen Hans Prugger: "Da müssen wir schon eine gscheite Theorie machen, wenn die Leut extra aus München kommen."

Sieben Frauen und drei Männer haben sich im österreichischen Ramsau für einen Klettersteigschein  angemeldet, den der Ort als erster in den Alpen seit diesem Sommer anbietet. 29 Euro kostet der stark nachgefragte Kurs, der zweieinhalb Stunden dauert. Die Bergführer zeigen zunächst, wie man den Klettergurt anlegt und korrekt mit dem Klettersteigset verbindet. Alle Teilnehmer tragen einen Steinschlaghelm, die meisten auch Handschuhe gegen Blasen. Hans Prugger hat gleich einen Tipp: "Ihr könnt auch die Billigen aus dem Baumarkt nehmen und die Fingerkuppen abschneiden."

Ramsau nennt sich die Wiege der Klettersteige. Schon 1842, als die meisten Gipfel der Alpen noch nicht bestiegen waren, erforschte der Wissenschaftler Friedrich Simony den Dachstein. Er empfand den Aufstieg als "ein recht abscheuliches Klettern". Um den Weg auf den Gipfel gangbarer zu machen, sammelte er bei reichen Gönnern 260 Gulden. Für dieses Geld schlug ein Bergführer Trittstufen in den Fels und spannte ein langes Schiffstau an den Berg.

Klettersteige als Kriegstransportwege

Im Ersten Weltkrieg legten Gebirgsjäger viele solcher gesicherten Steige an. Sie bohrten Eisenstifte in die Wand und brachten Stahlseile als eine Art Geländer an. Auf der Via ferrata, dem Eisenweg, sollten Truppen und Nachschub zügig bewegt werden. Jahrzehnte später entdeckten Bergfreunde die friedliche Nutzung der Klettersteige in den Dolomiten: Auf ihnen kann sich auch ein Wanderer in Felswände wagen, die ohne künstliche Tritte und Griffe dem gelernten Kletterer vorbehalten sind.

Ramsau hat inzwischen 18 Klettersteige angelegt, die auch jüngere Gäste anlocken sollen. An manchen Tagen kommt es schon zum Stau am Drahtseil. Auch die Bergretter des Orts bekommen die unschönen Folgen des Trendsports zu spüren: Im Schnitt müssen sie jede Woche einmal zur Bergung an einem Klettersteig ausrücken.

Die Statistik des Deutschen Alpenvereins (DAV) zeigt ein ähnliches Bild. Die Zahl der gemeldeten Unfälle an Klettersteigen hat sich seit 2000 verdreifacht, die Steigerung der Mitgliederzahl schon rausgerechnet. Rund die Hälfte der Fälle sind sogenannte Blockierungen: Da müssen Unverletzte gerettet werden, die am Stahlseil nicht mehr weiterkommen, weil sie ihre Kondition und ihren Mut überschätzt haben. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Quote verzehnfacht. "Schwierige und lange Steige sind in Mode gekommen", sagt Florian Hellberg, Sicherheitsforscher beim DAV. Deshalb begrüßt er den Ramsauer Klettersteigschein.

"Ich habe etwas fürs Leben gelernt"

Beim Einführungskurs sagt Walter Walcher: "Es reicht nicht, im Sportgeschäft die Ausrüstung zu leihen. Ihr müsst euch realistisch einschätzen." Und wissen, was man tut: Hans Prugger zeigt, wie man sich richtig sichert, immer beide Karabinerhaken des Klettersteigsets ins Stahlseil einklinken. "Und bei Gewitter ist der Klettersteig ein absolutes No-Go, weil das Drahtseil dann wie ein großer Blitzableiter wirkt."

Prugger erklärt auch das System, nach dem Klettersteige bewertet werden. Die Skala reicht in der Regel von A bis E. Für die Einsteiger hat er einen Kinderklettersteig gewählt. Er geht gut 100 Höhenmeter hoch und ist durchgängig mit A/B ausgezeichnet, lediglich eine Stelle im Mittelteil weist den Schwierigkeitsgrad C auf.

Melanie aus München klinkt sorgfältig ihre Karabiner ins Seil. Ihr Partner Roland geht hinter ihr. Er war mit Kumpels schon auf Klettersteigen, jetzt will er seine Freundin für diesen Sport begeistern. "Wenn die Bergführer dir erklären, wie es geht, bleibt mehr hängen, als wenn ich es versuche", sagt er. "Darf ich mich am Seil auch festhalten?", fragt Melanie. "Dazu ist es da", sagt Prugger, "sonst kannst du gleich freiklettern gehen."

Die Kursteilnehmer bewegen sich ohne Mühe über die steilen Felsen, Bäume und Sträucher mildern den Blick in die Tiefe. Nach einer knappen Stunde fragt eine 50-Jährige fast vorwurfsvoll: "Wo war denn die C-Stelle?" Niko aus Berlin ist begeistert. Er hat Felsen bezwungen, die er zuvor nur ehrfürchtig von unten angeschaut hat. "Ich hab auch etwas fürs Leben gelernt", sagt er, "du kannst nicht einfach drauflosgehen. Jeder Schritt hat Konsequenzen."

Unfallvorbeugung am Einstieg

Nach zweieinhalb Stunden drücken Prugger und Walcher jedem das Zertifikat "Gipfelstürmer" in die Hand. Damit haben die Teilnehmer ein erstes Wissen erworben, um die nächsten Steige um Ramsau zu erkunden. Prugger, der selber bis zum neunten Schwierigkeitsgrad klettert, hat die meisten davon mitangelegt. Einer der schwierigsten ist der "Johann", benannt nach dem beliebten Erzherzog, der im 19. Jahrhundert die Steiermark mit Leidenschaft gefördert hat.

Dieser Klettersteig führt über 600 Höhenmeter fast senkrecht hinauf zum Dachsteingletscher. Prugger und seine Helfer haben 250 Trittstifte in den Dachsteinkalk gebohrt und 700 Meter Drahtseil in die Wand gespannt, vier Tonnen Eisen haben sie für diesen hochalpinen Steig verbaut. Aber sie haben die Route so angelegt, dass die größte Schwierigkeit gleich am Einstieg kommt. Der "Johann" beginnt im überhängenden Fels, Schwierigkeitsgrad E.

Mancher Urlauber hat an dieser Stelle kapituliert. Das ist deshalb besonders enttäuschend, weil dann der Zustieg auf einem schmalen Bergpfad, der zwei Stunden dauert, vergeblich war. Aber Bergführer und -retter Hans Prugger steht zu dieser Abschreckung. "Manche verfluchen uns", sagt er, "aber wir haben weniger Rettungsaktionen."