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12. Juli 2010, 18:15 Uhr

Klimaschock

ICE-Hitzedesaster vergrätzt Bundesregierung

Jetzt greift die Regierung ein: Nach der Klimakatastrophe bei der Bahn mahnt Verkehrsminister Ramsauer eine schnelle Überprüfung der Züge an. Der Schienenkonzern sucht noch nach dem Fehler - und gibt jetzt weitere Ausfälle der Kühlanlagen zu.

Hamburg/Berlin - Die Ferienzeit in Deutschland hat begonnen - und Tausende Urlauber müssen Züge mit defekten Klimaanlagen ertragen. Angesichts der Pannenserie mehrt sich jetzt die Kritik am Management des Schienenkonzerns.

So beschäftigt ein gravierender Vorfall vom Samstag, bei dem neun Schüler in einem ICE einen Hitzeschock erlitten, auch die Bundespolitik. In insgesamt drei Zügen war die Klimaanlage komplett ausgefallen.

Reisen müsse komfortabel sein und dürfe nicht zum Gesundheitsrisiko werden, sagte Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer. Verbraucherministerin Ilse Aigner sagte in der "Bild"-Zeitung, es sei ein "ernster Vorgang, wenn einzelne Fahrgäste sogar gesundheitliche Beeinträchtigungen erleiden". Beide CSU-Politiker forderten, die Ursachen der aktuellen Vorfälle gründlich zu untersuchen, zu beseitigen und außerdem schnell alle Züge zu überprüfen.

Man erwarte von der Deutschen Bahn, dass die Züge bei minus 40 Grad genauso zuverlässig fahren wie bei plus 40 Grad, sagte Ramsauer. Das Verkehrsministerium ist eigenen Angaben zufolge im Gespräch mit der Bahn, dem Eisenbahnbundesamt und der Bahnindustrie. Ziel sei es, die technischen Probleme bei der Herstellung und Auslieferung von Zügen zu beseitigen.

Ramsauer habe in einem Telefonat bereits ausführlich mit Bahnchef Rüdiger Grube über die Vorfälle gesprochen. Mit dem Thema Mängel an ICE-Zügen werde sich der Bahn-Aufsichtsrat bei seiner nächsten Sitzung beschäftigen. Der Verkehrsminister warnte aber auch: "Bei allem Ärger und Verständnis für die Betroffenen, darf man die Mängel allerdings nicht zu einer nationalen Tragödie hochstilisieren."

Doch schon mehren sich Meldungen über weitere Probleme mit den Klimaanlagen. SPIEGEL-ONLINE-Leser beklagten, dass Klimaanlagen nicht nur in ICE, sondern auch in IC, EC und Regionalzügen ausfallen. Sie berichten von Übelkeit und Zusammenbrüchen in überhitzten Waggons, von Überfüllung und überforderten Zugbegleitern - und nicht nur bei den von der Bahn genannten drei ICE-Verbindungen am Samstag.

Bei Totalausfall sofort stoppen

Inzwischen räumt die Bahn ein, dass die Klimaanlagen - neben den drei Totalausfällen - in weiteren Zügen in einzelnen Waggons ausgefallen sei. Um wie viele weitere Züge es sich handle, konnte ein Sprecher des Unternehmens aber nicht sagen. Die Mitarbeiter an Bord der Züge seien inzwischen angewiesen, gleich auf einen Ausfall der Klimaanlagen zu reagieren. Fahrgäste sollten in andere Waggons gebracht und mit Getränken versorgt werden.

Außerdem sollten Zugchefs und Zugbegleiter bei einem Totalausfall der Klimaanlage den Zug am nächstmöglichen Bahnhof stoppen. Bei einem Teilausfall liege es im Ermessen des Zugchefs, ob der Zug weiterfahren kann. Außerdem habe die Deutsche Bahn "Sofortmaßnahmen bei der Wartung" eingeleitet, wie ein Sprecher erklärte. Die Beschäftigten in den Werkstätten seien aufgefordert worden, besonderes Augenmerk auf die Klimaanlagen zu legen.

Wie es zu dem Totalausfall der Klimaanlage in den ICE am Samstag kommen konnte, ist nach Angaben des Sprechers noch nicht bekannt. Es könne zur automatischen Abschaltung kommen, wenn dem Kompressor wegen der hohen Temperatur des Kühlmittels eine Überhitzung droht, sagte ein Sprecher. Der Kompressor sorge wie beim Eisschrank dafür, das Kühlmittel herunterzukühlen, zu verdichten und in die Rohrleitung zum Dach zu drücken, wo sich Wärmetauscher befinden. Von dort wird die gekühlte Luft ins Zuginnere geschickt.

Beschwerden wegen mangelhafter Kühlung nehmen zu

Kritiker sehen die Ursache der Ausfälle vom Wochenende allerdings nicht in der sommerlichen Hitze, sondern in der mangelhafte Wartung der Filter in den Klimaanlagen. Die modernen Geräte seien in der Lage, feinen Staub und Bakterien aus der Luft herauszufiltern, heißt es. Aber die feinporigen Filter würden eben auch schneller verstopfen, sagt der Grünen-Politiker Toni Hofreiter unter Berufung auf Bahnexperten.

In diesen Fällen passiere normalerweise nichts, aber bei großer Hitze und großen Menschenmengen führten die verstopften Filter zum Versagen der Klimaanlage. Hofreiter kritisierte, dass es zu wenige Werkstätten gebe. "Die Wartungsintervalle wurden in den vergangenen Jahren systematisch ausgedünnt." Die Bahn wies die Vorwürfe als falsch zurück: "Alle Züge werden, bevor sie morgens rausfahren, täglich überprüft", sagte ein Sprecher. Die Abstände der Wartung seien vorgeschrieben.

Die Beschwerden von Reisenden wegen dieses Problems allerdings nehmen beim Fahrgastverband Pro Bahn seit Anfang dieses Jahres deutlich zu, wie der Sprecher Matthias Oomen sagte. Der Bahnsprecher hält dagegen, dass der Ausfall der Klimaanlage kein massenhaft auftretendes Phänomen sei.

Die Gewerkschaft Transnet forderte ebenfalls Gegenmaßnahmen. "Die Ursachen müssen schleunigst erforscht und beseitigt werden", sagte der Vorsitzende Alexander Kirchner nach Angaben seines Sprechers. Er warnte zugleich vor Vorverurteilung der Zugbegleiter. "Sie haben einen harten Job und leiden auch unter den Problemen."

Schule fordert Entschädigung

Die Betroffenen dürften sich davon kaum besänftigen lassen. Die von den Vorfällen am Samstag betroffene Sophie-Scholl-Gesamtschule in Remscheid verlangt von der Bahn Schadensersatz.

Ein Sprecher der Bahn sagte, dass das Unternehmen in Verhandlungen mit der Schule über eine angemessene Entschädigung stehe. Auch allen anderen Fahrgästen mit gesundheitlichen Problemen durch die Hitze biete man "individuelle Wiedergutmachungsaktionen" an, etwa in Form von Reisegutscheinen. Bahnchef Grube hatte sich bereits am Sonntag bei der Schulleiterin persönlich entschuldigt.

Für sonstige betroffene Kunden hat die Deutsche Bahn eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet. Inzwischen wurde die E-Mail-Adresse hitzewelle@deutschebahn.com geschaltet, auch das DB-Kundenportal unter 01805-996633 steht für Beschwerden zur Verfügung. "Damit wollen wir eine rasche Bearbeitung gewährleisten", sagte Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg.

Die Bundespolizei ermittelt in dem Zusammenhang wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung und unterlassener Hilfeleistung. Wie ein Sprecher in Münster am Montag sagte, habe die Bundespolizei mit der Befragung von Zeugen begonnen. Außerdem müsse die technische Untersuchung durch die Techniker des Eisenbahnbundesamts abgewartet werden, die sowohl die Fahrzeuge als auch die betrieblichen Abläufe untersuchen.

Während sich die Bahnfahrer der Republik über die Wärmefolter in den Zügen erhitzen, kämpft die Deutsche Bahn am Montag bereits an einer neuen Front. Ein schweres Unwetter legt den Verkehr auf einigen Strecken lahm, am Kölner Hauptbahnhof haben Züge bis zu vier Stunden Verspätung. Die Bahn führt Blitzeinschläge und Bäume im Gleis als Gründe an und kann laut ihrer Webseite zur Dauer der Störungen noch keine Angabe machen.

abl/dpa/apn/ddp

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