Klimaforscher beim Tourismusgipfel "Nachhaltigkeit ist Luxus, und Luxus ist exklusiv"

Ein kostbares Gut muss seinen Preis haben: Ein Klimaforscher hat das Ende des Billigtourismus angekündigt - und die Branche aufgefordert, sich mehr zu engagieren.

Strand von Palma auf Mallorca:
Westend61/ imago images

Strand von Palma auf Mallorca:


Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber sieht den Tourismus im Kampf gegen die Erderwärmung am Scheideweg. Die Herausforderungen für die Reisebranche seien groß: "Der Tourismus muss Teil der klimaneutralen Mobilität werden, möglichst sogar Vorreiter", sagte Schellnhuber, der von 1991 bis 2018 das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) leitete.

Die entscheidende Frage sei: "Wollen wir so weitermachen wie bisher?", sagte er der Nachrichtenagentur Reuters beim Tourismusgipfel in Berlin. Reisen trage zur Erderwärmung bei - etwa durch das Fliegen, die Kreuzschifffahrt oder auch den individuellen Autoreiseverkehr. Ein Lösungsansatz sei, den Ansturm auf völlig überlaufene Reiseziele zu begrenzen, auch über Preiserhöhungen. "Der Billigmassentourismus, wie wir ihn heute kennen, wird in dieser Form keine Zukunft haben."

Der Forscher sieht die Branche unter Zugzwang und fordert mehr Engagement für den Klimaschutz. "Denn sonst sägt man an dem Ast, auf dem man sitzt. Wenn man Korallenriffe zerstört, dann kann man auch niemanden mehr dahin schicken", sagte er.

  • Die Tourismuswirtschaft müsse "aggressiv" damit beginnen, von fossilen Brennstoffen wegzukommen.
  • Beliebte Ziele wie Venedig, Amsterdam und Honolulu seien völlig überlaufen. Um gegenzusteuern, müsse man über Begrenzungen, Preiserhöhungen und Steuern nachdenken. "Ein kostbares Gut muss seinen Preis haben."
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Die Tourismusbranche boomt nach Schellnhubers Worten lokal sowie global und sorgt für großen Schaden. Das sei der innere Widerspruch des Tourismus: "Man zerstört, was man liebt." Es gebe für die Reisewirtschaft "drei große Paradoxien":

  • Zum einen werde der Klimawandel die Migrationsbewegung verstärken. Offen sei jedoch: "Wie reagieren die reichen Länder?" Es könnte sein, dass sich Industriestaaten abschotten und ihre Grenzen verstärken, sagte Schellnhuber. Die Bewegung von arm nach reich wäre dann begrenzt. Der Austausch von reich nach arm dürfte wegen des Tourismus aber weitergehen.
  • Trotz des wachsenden Verkehrs und steigender Nachfrage müsse sich die Branche zudem auf ein schrumpfendes Angebot einstellen - etwa durch weniger Strände gerade wegen des Klimawandels.
  • Schließlich sieht Schellnhuber "Tendenzen in Richtung exklusivem Tourismus, während die Gesellschaft im Gegensatz dazu auf Inklusion setzt - also gleichberechtigte Teilhabe." Wichtig seien langfristige Geschäftsmodelle statt kurzfristiger Profit. Im Kern gehe es um eine entscheidende Frage: "Kann nachhaltiger Tourismus massenfähig werden?" Für den deutschen Markt seien nur rund ein Prozent der Angebote nachhaltig, sagte der studierte Physiker. "Nachhaltigkeit ist Luxus, und Luxus ist exklusiv."

Reisen als Errungenschaft unserer Zeit

Der Präsident des Tourismusverbandes, Michael Frenzel, hingegen hält es für absolut falsch, Reisen wieder zum Luxusgut für die Elite zu machen. Die Demokratisierung des Reisens sei eine der größten Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, sagte er beim Tourismusgipfel.

Statt "Verzicht, Verbote und Verteuerung" sollten Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf Forschung und Innovationen setzen. "Es müssen CO2-sparende und letztlich CO2-neutrale Produkte entwickelt werden." Tourismus stabilisiere auch viele Regionen weltweit - die Branche sei in vielen Ländern Haupteinnahmequelle und Hauptarbeitgeber. Jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit hänge am Tourismus.

Frenzel betonte gleichzeitig die Bereitschaft der Branche, sich für den Klimaschutz zu engagieren. Luftverkehr und Kreuzfahrt seien die "Achillesfersen des Tourismus", dort aber spiele "das Suchen und Finden nachhaltiger Lösungen" bereits eine "große Rolle". Fliegen ist laut Umweltbundesamt, die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen. Kreuzfahrten verursachen demnach überproportional hohe Kohlendioxidemissionen.

In Berlin findet am Montag der 22. Tourismusgipfel des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) statt - unter anderem zu den Themen Weltklima und Reisen, Zukunft der Pauschalreise, Heimaturlaub.

kry/Reuters/AFP

insgesamt 40 Beiträge
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Jens_78 04.11.2019
1.
Naja, als langjähriger Leiter des PIK, der sicher auch finanziell seine Schäfchen im Trockenen hat, kann Herr Schellnhuber natürlich aus einer ganz bequemen Position heraus fordern. Soviel Fachkompetenz ich dem Mann zugestehe, ich denke er verkennt den sozialen Sprengstoff, der solchen Forderungen und auch den Forderungen nach einer hohen CO2 Bepreisung generell innewohnt. Eine sehr konsequente Umsetzung solcher Forderungen wäre in meinen Augen nur Wasser auf die Mühlen von blaubraunen Parteien, deren Mühlen momentan eh schon viel zu gut laufen.
vox veritas 04.11.2019
2.
Hoffentlich ist allen klar, was das bedeutet. Alles was Spaß und Freude macht, wird abgeschafft, wie z.B. Feuerwerk zu Silvester. Für Reichen gibt es im Leben dann noch etwas 'Luxus', für die weniger Reichen bleibt immerhin die Arbeit.
stolte-privat 04.11.2019
3. Exklusivtourismus...
...für reiche und Urlaubsverbot für den normalen Menschen. Aber der kann sich als Arbeitnehmer oder Angestellter dann eh keinen Urlaub an einem Traumziel mehr leisten. Weiter so, die nächsten Wahlen bringen dann die Quittung........
jj2005 04.11.2019
4. Sozialer Sprengstoff
Zitat von Jens_78Naja, als langjähriger Leiter des PIK, der sicher auch finanziell seine Schäfchen im Trockenen hat, kann Herr Schellnhuber natürlich aus einer ganz bequemen Position heraus fordern. Soviel Fachkompetenz ich dem Mann zugestehe, ich denke er verkennt den sozialen Sprengstoff, der solchen Forderungen und auch den Forderungen nach einer hohen CO2 Bepreisung generell innewohnt. Eine sehr konsequente Umsetzung solcher Forderungen wäre in meinen Augen nur Wasser auf die Mühlen von blaubraunen Parteien, deren Mühlen momentan eh schon viel zu gut laufen.
Jegliche CO2 Bepreisung generiert Einnahmen. Wenn man diese durch die Zahl der Einwohner teilt und jedem die gleiche Summe zurückgibt, dann gibt es logischerweise eine Umverteilung von reich nach arm, denn Reiche verbrauchen viel Energie. Falls Sie in Ihrem Bekanntenkreis arme Mitbürger haben, checken Sie mal deren Energieverbrauch, und vergleichen Sie ihn mit dem der Leute, die eine grosse Villa heizen und kühlen müssen, drei grosse Autos im Hof stehen haben, und 5 Mal im Jahr Urlaub in Fernost oder Fernwest machen. Sie werden staunen über den sozialen Sprengstoff ;-)
Sibylle1969 04.11.2019
5.
Das Phänomen des Overtourism wurde stark begünstigt durch billige Flugpreise. Ein studentischer Mitarbeiter in unserem Team ist 21 Jahre alt, für ihn ist es selbstverständlich, zB mal eben für ein Wochenende nach Barcelona zu fliegen. Flüge, die weniger als 100 Euro kosten, werden als normal, nicht als billig empfunden. Ein weiterer Punkt ist, dass immer mehr Chinesen sich eine Auslandsreise leisten können. Und dann noch der Kreuzfahrt-Boom. Neulich habe ich im TV eine Doku über die Insel Santorin gesehen. 1990 war ich da mal als junge Rucksacktouristin: mit dem Zug nach Athen (Flüge konnten wir uns natürlich nicht leisten), anschließend Inselhopping mit der Fähre. Santorin war da zwar schon touristisch, aber noch recht ruhig. 2019 im TV erkannte ich Santorin kaum wieder: drei Kreuzfahrtschiffe lagen im Hafen, eine Seilbahn führt vom Hafen nach oben in den Hauptort Thira, wo sich riesige Menschenmassen, darunter viele Asiaten, durch die engen Gassen wälzen. Unter diesen Bedingungen hätte ich heute keine Lust mehr auf Inselhopping in der Ägäis.
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