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14. August 2008, 18:11 Uhr

Kölner Zugunglück

Behörde verpflichtet Bahn zu häufigeren Prüfungen

Das Eisenbahnbundesamt hat die Bahn zu kürzeren Prüfintervallen für Radsatzwellen von Zügen vom Typ ICE3 verpflichtet. Die Behörde bestätigte SPIEGEL-Informationen, wonach die Probleme mit der Festigkeit der Radsatzwellen größer waren als bislang öffentlich bekannt.

Bonn - Die Hochgeschwindigkeitszüge der Deutschen Bahn vom Typ ICE3 mit bestimmten Radsatzwellen müssen ab sofort häufiger auf den Prüfstand als bisher.

Das Eisenbahnbundesamt forderte das Unternehmen schriftlich auf, "die mechanisierte Ultraschallprüfung der Treib- und Laufradsatzwellen aus dem Werkstoff A4T wiederkehrend in einem verkürzten Prüfintervall durchzuführen", gab die Behörde bekannt. Nach Informationen des SPIEGEL hat die Bahn selbst Bedenken betreffs der "Dauerfestigkeit" von Radwellen. Der Bruch einer Radsatzwelle hatte in Köln Mitte Juli zur Entgleisung eines ICE der dritten Generation geführt.

Nach SPIEGEL-Informationen hat die Bahn zwei Schreiben an das Eisenbahnbundesamt (EBA) verfasst, in denen die Bahn Bedenken wegen der Dauerfestigkeit von Radwellen äußerte. Wie ernst die Gefahr eingeschätzt wird, ergibt sich aus den Kompensationsvorschlägen, die der Eisenbahnbetriebsleiter der DB Fernverkehr AG in zwei Briefen am 5. und 8. August an das EBA aufzeigt.

Um den Druck auf besonders beanspruchte Laufradsätze in den mittleren Waggons zu mildern, wird demnach folgendes überlegt: Zum einen sollen kürzere Untersuchungsintervalle eingeführt werden. Da die Last in den mittleren Waggons am größten ist, könnten zum anderen dort die Toiletten stillgelegt werden. Weil dann keine "Betriebsstoffe (Frisch- und Abwasser)" mitgeführt werden müssen, könne "die Last des Wagens um 735 Kilogramm" reduziert werden.

Im zweiten Schreiben schlägt der Fernverkehrsbetriebsleiter vor, an den Mittelwagen die zum Fahrbetrieb offenbar nicht notwendige Wirbelstrombremse abzuschalten, um die "Kraftbeanspruchung an den Wellen" zu reduzieren. Das habe noch einen "erheblich größeren Effekt" als die Reduzierung der Wassermenge.

Die betroffenen Schnellzüge verkehren auch zwischen Deutschland, den Niederlanden und Frankreich. Bei den französischen Nachbarn werden die Bremsen offenbar wieder zugeschaltet, da dort aufgrund der "Reservierungspflicht" mit einer "reduzierten Reisendenzahl" gerechnet wird.

Eine Sprecherin der Aufsichtsbehörde bestätigte zudem, die Deutsche Bahn habe zuvor mitgeteilt, dass bei mehreren ICE-Zügen der Baureihe 3 Achsen nicht den europäischen Zulassungsnormen entsprächen.

Bahn weist Berichte zurück

Die Bahn hat Berichte über angebliche Sicherheitsmängel an Achsen und Rädern von ICE-3-Zügen energisch zurückgewiesen. "Die Spekulationen um die Sicherheit der ICE-Radsatzwellen entbehren jeder technischen Grundlage", erklärte das Unternehmen. "Bahnindustrie, Radsatzhersteller und die Deutsche Bahn als Zugbetreiber gehen von einer uneingeschränkten Sicherheit der ICE-Flotte aus", sagte Vorstandsmitglied Karl-Friedrich Rausch am Donnerstag in Berlin. Nach schlüssigen Berechnungen, die auch dem Eisenbahn-Bundesamt (EBA) vorlägen, "steht die uneingeschränkte Betriebssicherheit der jetzt zusätzlich zu überprüfenden Radsatzwellen für die Züge der DB außerfrage", hieß es.

Nach der Entgleisung des ICE-Zuges in Köln waren von vielen Seiten Zweifel an der Sicherheit laut geworden. Die zuständige Kölner Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen eingeleitet. Seitdem gehen nahezu täglich Hinweise über mögliche Sicherheitsmängel ein.

In Fachzeitschriften und von Experten wird das Problem der Dauerfestigkeit von ICE-Achsen und Radsatzwellen seit Jahren kontrovers diskutiert, wie SPIEGEL ONLINE schon unmittelbar nach dem Unglück berichtete. Eine der Publikationen wird pikanterweise sogar von einem Bahnvorstand mit herausgegeben.

Nach Informationen des ARD-Magazins "Monitor" sollen die europäischen Zulassungsnormen an den Laufradachsen in 17 ICE-Zügen der Baureihe 406 nicht eingehalten worden sein. "Monitor" zitiert Professor Vatroslav Grubisic, der als Gutachter im Fall des Eisenbahnunglücks von Eschede tätig war, mit den Worten: "Im Prinzip durfte man solche Achsen nicht einbauen."

reh/dpa/AP

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