Koffermanufaktur Moynat in Paris Der Luxus Handarbeit

Picknickkörbe für die Kutsche und Koffer für das Autodach: Mit speziellem Gepäck für Reisende begann die Erfolgsgeschichte von Moynat. Auch nach ihrer Wiedereröffnung stellt sich die Pariser Luxusmanufaktur auf extravagante Kundenwünsche ein.

SPIEGEL ONLINE

Von , Paris


Sonia Ahmimou führt die Nadel vorsichtig durch die per Ahle vorgebohrten Löcher, dann zieht sie den Faden straff, bis die Lederteile fest aneinandersitzen. Unter den Händen der 25-Jährigen entsteht Naht für Naht eine kleinformatige Handtasche. "Bis zu zwei Tagen dauert es vom Rohling bis zum fertigen Artikel", sagt sie.

"An meinem Job gefällt mir, dass ich in Eigenverantwortung arbeiten kann", sagt die Fachfrau für Textil- und Lederarbeit, "vom Zuschnitt über das Nähen bis zum Verpacken." Sieben Mitarbeiter arbeiten in der kleinen Werkstatt des Pariser Koffer- und Taschenherstellers Moynat, dessen Laden an der Pariser Rue Saint Honoré liegt.

Atelierleiter Jonathan Rebouh, Ahmimous Chef, sagt: "Leder, Beschläge, Farben, Zwirn - unsere gesamte Fertigung ist fast ausschließlich 'Made in France'." Das sichert Renommee und Umsatz. Rebouh sieht seinen Arbeitgeber bereits in der Spitzenriege der französischen Edelproduzenten, zu denen Louis Vuitton, Hermès, Dior oder das Haus Goyard gehören. Die Luxusbranche zählt heute zu den wichtigsten Stützen der Exportindustrie des Landes, zusammen mit den Top-Marken bei Wein, Champagner, Parfüm oder Designer-Mode.

Koffer für das Wagendach

Auf die Renaissance der Handwerkskunst setzt man daher auch bei Moynat, wobei das Haus auf eine lange Tradition zurückblicken kann. Gegründet wurde das Unternehmen 1849 von Pauline Moynat und den Gebrüdern Coulembier. Die Geschäftsfrau hatte die Idee, Gepäck, Taschen, Picknickkörbe an Kutschen oder Eisenbahnabteile anzupassen. Die Kompagnons brachten ihre Kompetenz bei der Herstellung von Holzverpackungen mit ein.

Bald galt das Geschäft an der Avenue d'Opéra, gelegen im mondänen "Goldenen Dreieck" zwischen Louvre, Börse und Saint-Lazare-Bahnhof, als erste Adresse für ebenso feine wie praktische Reise- und Lederwaren. Den Durchbruch schaffte die Firma zwei Generationen später um die Jahrhundertwende: Mit dem Aufkommen des Automobils spezialisierte sich Moynat in der Herstellung von Gepäckstücken, die eigens für die neuen Fahrzeuge entworfen wurden.

"Damals hatten die Wagen keinen Kofferraum, das Gepäck wurde wie bei Kutschen hinter dem Chassis verstaut", erklärt Marketingchefin Janie Zhuang das Erfolgsgeheimnis. "Egal ob Citroën, Renault oder Peugeot, die Handwerker von Moynat schufen für jeden Wagentyp den maßgearbeiteten Koffer." Im Farbton der Karosserie, leicht und wasserdicht, ruhten diese zwischen Heck und Ersatzreifen, füllten das Ersatzrad oder schmiegten sich - dank einer konkaven Innenseite - perfekt und ohne zu verrutschen ans Wagendach.

Mit Fingerspitzengefühl für Werbung nutzte Moynat den Pariser Automobil-Salon oder die Weltausstellungen, um ihre Neuerungen einem Millionenpublikum vorzustellen. 1925 beförderte ein Medaillensegen bei brancheninternen Auszeichnungen das Unternehmen an die Spitze der französischen Kofferproduzenten. Bald werkelten bis zu 250 Arbeiter auf den vier Fabriketagen von Batignolles - durchweg Spezialisten.

Recherche auf Flohmärkten

50 Jahre später war die Erfolgsgeschichte zu Ende: Der im Auto integrierte Kofferraum machte das Moynat-Patent überflüssig, Massenproduktion und veränderte Reisegewohnheiten bedeuteten das Ende aufwendiger Handwerksarbeit. Von den rund 200 Koffermanufakturen in Paris überlebte nur ein halbes Dutzend, 1976 schloss Moynat seine Produktion.

Danach wechselte die Firma mehrfach den Besitzer, bevor der Unternehmer Bernard Arnault im Mai 2010 die Rechte an der Marke für seine private Holding erwarb. Der Besitzer des Luxusimperiums LVMH beschloss die Renaissance der untergegangenen Firma. Ein Jahr lang suchte Spitzendesigner Ramesh Nair nach Entwürfen und Vorlagen. Bei Sammlern, Antiquitätenhändlern und auf Flohmärkten erwarb er seltene Koffermodelle, er forschte in Archiven und sichtete alte Illustrierte und Werbeplakate. "Am Ende hatte ich eine umfassende Sammlung, die Grundlage für eine Neuinterpretation der historischen Vorlagen war."

Mit Nairs neuen Entwürfen konnten die Handwerksexperten die Tradition fortsetzen: die Schachbrettmuster oder Jugendstilmotive auf den Oberflächen, die perfekt versenkten Nägelreihen oder das diskrete Logo auf dem Kofferschloss. Mit augenzwinkernden Verweis auf vergangene Zeiten präsentiert der Designchef sein Attaché-Case, der auf der einen Seite nach innen gerundet ist. "Das ist nicht für das Autodach gedacht, sondern weil mit der konkaven Anmutung das Gehen erleichtert wird."

Derartiger Aufwand bei der Verarbeitung hat seinen Preis. Rund 6000 Euro kostet das Köfferchen, hergestellt in zweimonatiger Handarbeit. Die Kosten für die Sonderanfertigung für einen Uhrensammler, der sich ein vergleichbares Gepäckstück wünschte - allerdings ganz in Leder und dazu in der Farbe seines T-Shirts - mag der gebürtige Inder gar nicht erst nennen. "Zweimal mussten wir die Lederchargen an die Gerberei zurückschicken, ehe wir den richtigen Farbton trafen."

Und nein, das wurde dem Kunden nicht extra berechnet, sagt Nair. "Solcher Aufwand steckt im Preis."

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insgesamt 9 Beiträge
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felisconcolor 27.06.2014
1. wunderschön
wenn solch alte Kunst in der Moderne wieder erweckt wird. Sie hebt sich wohltuend von dem üblichen Plastikgedöns ab. Die Wiederaufnahme des gewölbten Bodens finde ich genial. Es erleichtert ganz bestimmt das Gehen mit einem solchen Koffer. Seufz ich werde ihn mir nicht leisten können und mir weiterhin das Knie an meinem Aktenkoffer stossen.
Minette 27.06.2014
2. ebenso: wunderbar
Aber auch ich muss bei diesem herrlichen Design leider, wie mein Vorredner, "seufz" sagen. Zu schade, denn der gewoelbte Boden ist eine hervorragende Idee. Weiter so!
SkeptischerLeser 27.06.2014
3. Edelproduzent Louis Vuitton...
Louis Vuitton ist ein Edelproduzent, aber Qualität ist es nicht. Ich hab 2 Teile, die Billfold Borse (ca. EUR 300), die von innen zerfallt und einen Rollkoffer (ca. EUR 2000). Bei dem Rollkoffer zerfielen die Räder, die Lauffläche fiel ab. Da LV EUR 200 für die Reperatur wollte hab die Räder gegen Rollerblade Rollen ausgetauscht. Beim zerlegen des Koffers fällt dann auf wie billig Dieser aufgebaut ist. Es ist bei weiten sein Geld nicht wert.
deepfritz 27.06.2014
4.
Zitat von SkeptischerLeserLouis Vuitton ist ein Edelproduzent, aber Qualität ist es nicht. Ich hab 2 Teile, die Billfold Borse (ca. EUR 300), die von innen zerfallt und einen Rollkoffer (ca. EUR 2000). Bei dem Rollkoffer zerfielen die Räder, die Lauffläche fiel ab. Da LV EUR 200 für die Reperatur wollte hab die Räder gegen Rollerblade Rollen ausgetauscht. Beim zerlegen des Koffers fällt dann auf wie billig Dieser aufgebaut ist. Es ist bei weiten sein Geld nicht wert.
Ist leider bei vielen Luxusprodukten der Fall. Man lebt "noch" vom Mythos...
ketzerei 27.06.2014
5. Einfach nur schön
das Produkt und das Handwerk. Schade, dass ich es mir nicht leisten kann!
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