Konsumtempel KaDeWe Kauf! Dich! Glücklich!

Brandenburger Tor? Fernsehturm? Gedächtniskirche? Ach was, seit genau hundert Jahren ist die wahre Legende Berlins das KaDeWe. Zur Jubiläumsfeier gab es Rekord-Torte, Schwips-Shopping und einen gewohnt fidelen Bürgermeister.


Berlin - Roter Teppich, Absperrkordeln und drängelnde Massen: Es geht zu, wie vor einem In-Club mit drakonischen Türstehern. Doch die Meute, die im Sekundentakt Sekt von dauerlächelnden Cateringkräften verlangt, will eigentlich nur das Eine: Ab durch die Drehtür und Einkaufen.

Das Kaufhaus des Westens, seit jeher eingedampft auf ein lässiges KaDeWe, feiert seinen Hundertsten, und das muss angemessen zelebriert werden: Mit Doppelstockbussen, die seit Wochen gülden bedruckt durch die City fahren und die Kunde vom Jubiläum verbreiten, mit meterlangen Champagnertresen vor den Louis-Vuitton und Dior-Schaufenstern, mit einer achtstöckigen Sahnetorte im Parterre, mit einer blonden Gospel-Singgruppe, die die Massen enthusiastisch mit "Happy Birthday" beschallt und natürlich mit Klaus Wowereit, Berlins Regierendem Bürgermeister, der sich zum Spaß einen Bäckerkittel übergezogen hat und tut, was ein Mann seines Amtes tun muss: Torte anschneiden, Torte verteilen und Launiges aus seiner KadeWe-Vergangenheit erzählen.

Was man erfährt: Wowereit ist Stammgast in der Feinkostabteilung ("Da gibt es alles, was man so braucht"), von seinem ersten Gehalt hat er für seine Mutter einen Pelzmantel gekauft ("dummerweise im Sommer"), und er ist von Anfang gerne ins Warenhaus am Wittenbergplatz gegangen, früher öfter als heute ("Zeitlich geht das nicht mehr so gut").

Bei all den Anekdoten geht beinahe unter, dass das KaDeWe eine Legende ist: 1907 vom Berliner Kaufmann Adolf Jandorf gegründet, avancierte es binnen weniger Jahre zur exquisiten Plattform für Laufstegmode, Feinkost-Importe und prominente Besucher. Von Anfang an sah die Hausphilosophie vor, dass sich Kunden in eine Aura des Besonderen gehüllt fühlen sollten. Dem Standort Tauentzienstraße verlieh das Haus ungewohnten Glamour, und so wurde aus einem beschaulichen Wohngebiet eine Flaniermeile.

Acht Etagen Wünsch-dir-was

Schritt für Schritt reihte sich das KaDeWe ein in die Riege der Erlebnis- und Wohlfühl-Warenhäuser der Welt, wie das Londoner Harrods oder die Pariser Galeries Lafayettes. Im Zweiten Weltkrieg stürzte ein amerikanisches Flugzeug in den Lichthof des Gebäudes, es brannte völlig aus. Nur wenige Jahre später wieder eröffnet, wurde das KaDeWe zum Symbol für Neuanfang und Wirtschaftswunder.

Heute ist das KaDeWe eine über acht Etagen verteilte Wünsch-dir-was-Show, bestückt mit Parfümflakons, Modeträumen und Interieur-Kleinoden. Die Gourmet-Abteilung, das Herzstück, durchwandelt man wie einen gehobenen Jahrmarkt, vorbei am Chocolatier, der – natürlich mit französischem Akzent – live die Kunst des Kuvertüre-Gusses erklärt, vorbei am wagenradgroßen Präsentkorb mit Fasanenterrine und Fenchelknollen, hin zum verführerisch duftenden Antipasti-Buffett.

Auch wenn täglich Scharen von Touristen das Haus stürmen: "Wir sind von Berlinern für Berliner gemacht", sagt Geschäftsführer Patrice Wagner und strahlt, wie es sich für einen Jubiläumskaufhausdirektor gehört. Dass sich im Osten der Stadt die jung-hippe Designerkultur breit macht und die Flagshipstores in Berlin-Mitte den Alteingesessenen am Kurfürstendamm den Rang ablaufen: Ein Koloss wie das KaDeWe lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen.

Kleider zum Preis einer Designerküche

Und so hat Wagner vor ein paar Jahren das Parterre zum Luxus-Boulevard umrüsten lassen, mit schnittigen Kosmetik-Lounges, "Premium"-Accessoires und internationalen Glamourmarken. Denn Luxus, meint Wagner, sei nicht nur zeitlos, sondern elementar: "Alle gehobenen Häuser haben im Moment Rückenwind", sagt der Geschäftsführer, "das kurze Abtauchen aus dem Alltag wird immer gefragt sein - und wenn es nur ein Stückchen Edelschokolade ist, das man sich gönnt".

Grabbeltische, Rabattschlachten und Wühlkisten – all das findet man hier nicht. Das teuerste Stück der Damenkollektion ist ein schwarzes Couture-Cocktailkleid von Escada für den Preis einer Designerküche. Zwischen Burberry, Strenesse und Dolce & Gabbana nippen drei Damen an ihrem Begrüßungssekt. Zwei bis dreimal im Monat gehen sie auf Luxusstreife, "und wenn es nur auf einen Kaffee ist", sagt die Berlinerin Marie-Luise Thiel, die früher für Bundestagsabgeordnete gearbeitet hat. Sie trägt ein ledernes Käppchen zum pinkfarbenen Lippenstift. "Das KaDeWe ist das KaDeWe!", sagt sie, damit könne kein anderes Warenhaus mithalten. Weil es traditionell und klassisch sei, und man trotzdem so viel Neues sehen könne. "Ich stehe gerne ein wenig über den Dingen", scherzt sie und meint damit: Hier übersteigt eben alles die Mittelmäßigkeit, ein Besuch im KaDeWe sei "immer ein Genuss für alle Sinne".

Zur Geburtstagsparty schieben sich die Profi-Shopper und die Neugierigen durch alle Etagen eines Konsumtempels der Premiumklasse, der sich seit einem Jahrhundert lang im ewig klammen Berlin hält. Die Stammbesucher feiern "ihre" Nische des Glücks, die Touristen wollen eine Ikone des stilvollen Konsums von innen sehen. In den kommenden acht Monaten wird weiter gefeiert: Mit einer Charleston-Party, einem "Buch zur Legende", und einer Galanacht.



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