Kreuzfahrt Auf "Columbus" in den Norden

Kreuzfahrer haben ein neues Revier für sich entdeckt: Statt im östlichen Mittelmeer zu schippern, kreuzen die Touristen in diesem Jahr auf Nord- und Ostsee und auf Norwegens Fjorden.


Die "MS Midnatsol" steuert die norwegischen Fjorde an
Hurtigruten/dpa/gms

Die "MS Midnatsol" steuert die norwegischen Fjorde an

Hamburg - Auf der Nord- und Ostsee und an den Küsten der Nordländer geht es in diesem Sommer hoch her: Die Kreuzfahrer kommen - und zwar in Scharen. Die Reedereien haben den Norden entdeckt, weil der Süden nach Anschlägen wie in Tunesien und Marokko zu unsicher scheint. Die klassischen Sommerrouten im östlichen Mittelmeer werden eher gemieden - stattdessen wird die Flucht in die Fjorde angetreten. "Wir beobachten für den Norden eine Erhöhung der Buchungseingänge im zweistelligen Bereich", bestätigt Richard J. Vogel, Vorsitzender des Ausschusses Schifffahrt im Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verband (DRV) in Berlin.

"Der Trend bei den Schiffsreisenden geht hin zu sicheren Fahrgebieten ohne Anreise mit dem Flugzeug", sagt Vogel. Das sei bereits im Vorjahr zu beobachten gewesen. Als Reaktion darauf hätten die Reedereien für diese Saison die Kapazitäten im Norden erhöht und auch neue Abfahrthäfen erschlossen. Auch Kreuzfahrtreisen von und ab Deutschland seien vor diesem Hintergrund im Kommen. Dem Beispiel der USA folgend, wo so genannte Homeland-Cruises bereits seit den Anschlägen vom 11. September 2001 boomen, fahren inzwischen auch hier zu Lande immer mehr Schiffe von und nach Hamburg, Cuxhaven oder Kiel.

Kiel ist zum Beispiel der Sommer-Heimathafen der 1999 gebauten "Mistral" von Festival Kreuzfahrten, die bisher ausschließlich im Mittelmeer und in der Karibik eingesetzt wurde. Die griechisch-italienische Reederei mit Deutschlandsitz in Hamburg hat mit dem Vier-Sterne-Schiff für 1200 Passagiere die kleinere "Flamenco" abgelöst und so ihre Kapazität für Nordlandreisen aufgestockt. Die "Mistral" wird Norwegens Fjorde sowie Ostseestädte wie Stockholm, St. Petersburg und Kopenhagen ansteuern. Dabei kommt sie bis zum 14. September insgesamt 18 Mal in die Kieler Förde.

Der Hafen von Stockholm wird in diesem Sommer von vielen Kreuzfahrt-Schiffen angesteuert
Stockholm Visitors Board/ChristianKL Lagereek/dpa/gms

Der Hafen von Stockholm wird in diesem Sommer von vielen Kreuzfahrt-Schiffen angesteuert

Ebenfalls überwiegend von Kiel aus ist die "Columbus" von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten unterwegs. Das Drei-Sterne-Plus-Schiff der Reederei aus Hamburg ist schon seit dem 7. Mai im Norden - "so früh, wie noch nie zuvor", sagt Anne Schmidt von der Pressestelle. Die "Columbus" kreuzt unter anderem in der Ostsee und entlang der Küste Norwegens bis nach Spitzbergen. Ab 22. August steht eine achttägige Nordseereise über eine ungewöhnliche Strecke auf dem Plan: von Kiel über Norwegen, die Shetlandinseln und Schottland bis nach Cuxhaven.

Auch die Hurtigruten-Schiffe mit ihren Touren entlang der norwegischen Küste zur russischen Grenze und zurück sind in diesen Monaten ein Renner: "Wir verzeichnen eine deutlich verstärkte Nachfrage", sagt Pressesprecherin Uta Idstein in Frankfurt. Im Jahr 2002 transportierten die elf Hurtigrutenschiffe zweier norwegischer Reedereien 25 000 deutsche Rundreise-Passagiere auf der Route, die in Bergen beginnt und endet. "Dieses Jahr erwarten wir eine Steigerung von zwölf Prozent", so Idstein. Das Unternehmen kommt der Nachfrage mit neuen Schiffen mit hochwertigerer Ausstattung entgegen: Nach zwei Neubauten im Jahr 2002 fährt seit April 2003 auch die "MS Midnatsol" die Hurtigrute - ausgestattet mit Suiten mit eigenem Balkon.

Das erste Mal kreuzt in diesem Jahr auch ein Sechs-Sterne-Schiff durch die nordischen Meere: Die "Silver Whisper" der Reederei Silversea Cruises aus Fort Lauderdale im US-Bundesstaat Florida. Erst kürzlich lag sie zur 300-Jahr-Jubiläumsfeier im Hafen von St. Petersburg und hatte unter anderem Russlands Präsidenten Wladimir Putin an Bord. Inzwischen kreuzt sie mit ihren knapp 400 Passagieren wieder zwischen Kopenhagen, Stockholm und London hin und her.

Zum zweiten Mal schon wird dagegen die "Costa Marina" der italienischen Reederei Costa Crociere dem Mittelmeer untreu und kommt nach Kiel. "Der letzte Sommer war sehr erfolgreich", sagt Werner Claasen, Sprecher des Deutschland-Büros der Reederei. Auch 2003 sehe es gut aus: "Wir fahren mit fast hundertprozentiger Auslastung." Acht bis zehn Mal wird das Schiff mit der Bordsprache Deutsch ablegen, um bis zum späten Sommer zum Nordkap oder bis Tallinn zu fahren.

Wachwechsel in Kopenhagen: Auch für Kreuzfahrt-Touristen eine Attraktion
Dänisches Fremdenverkehrsamt/dpa/gms

Wachwechsel in Kopenhagen: Auch für Kreuzfahrt-Touristen eine Attraktion

Ein Grund für den Nord-Trend ist nach Angaben der Veranstalter neben Sicherheitsaspekten auch die wachsende Attraktivität der Ziele an Nord- und Ostsee: "St. Petersburg etwa war früher ein Ziel für Leute, die ihre alte Heimat wieder sehen wollten", sagt DRV-Experte Vogel, der auch Vizepräsident der Reederei Seetours in Neu-Isenburg ist. "Heute locken das 300-jährige Jubiläum der Stadt und natürlich das Bernsteinzimmer." Das ziehe neben einer größeren Zahl an Gästen auch eine deutlich jüngere Klientel an.

Im vergangenen Jahr zählte die Kreuzfahrtbranche insgesamt 428 412 deutsche Gäste. Davon buchte mit fast 178 000 der überwiegende Teil Fahrten ins westliche Mittelmeer. Nordlandfahrten überholten aber die Ziele Karibik und USA und traten an die zweite Stelle. Dieser Trend wird sich laut Vogel auch im Jahr 2004 fortsetzen.

Das laut dem internationalen Kreuzfahrtenhandbuch "Berlitz Guide" schönste Kreuzfahrtschiff der Welt, die "Europa", ist jedenfalls schon auf Kurs: "2004 wird sie bereits Mitte Juni nach Kiel kommen", sagt Hapag-Lloyd-Sprecherin Schmidt. "Dann wird sie drei Monate lang Nordland-Touren fahren, bevor sie nach Neuengland in den Indian Summer geht." Eine so lange Zeit im Norden sei absoluter Rekord.

Von Hilke Segbers, gms

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.