Kreuzfahrt-Ranking Nabu hält Reedern Greenwashing vor

Die Reedereien versprechen viel, halten aber wenig ein - das wirft der Naturschutzbund Deutschland der Kreuzfahrtbranche vor. Mehr Geld als für Umweltschutz werde für Bespaßung ausgegeben.

"Aida Prima" in Rotterdam
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"Aida Prima" in Rotterdam


Die Kreuzfahrtbranche feiert Erfolgszahlen, die Reedereien bauen ihre Flotten aus - in Sachen Umweltschutz geht es jedoch nur langsam voran. Zu langsam jedenfalls für den Naturschutzbund Deutschland (Nabu).

Um den Unternehmen mehr Druck zu machen, veröffentlichen die Umweltschützer zum fünften Mal ihr Kreuzfahrt-Ranking, für das sie den europäischen Markt auswerten. Ihr Fazit: Auf keinem der europäischen Kreuzfahrtschiffe sei eine Reise derzeit aus Umwelt- und Gesundheitssicht uneingeschränkt empfehlenswert.

Nach wie vor verzichte keine Reederei vollkommen auf Schweröl, beklagt der Nabu, nur elf der in Europa fahrenden Schiffe erfüllten mehr als die gesetzlichen Mindestanforderungen für die Abgase. Darunter sind die "Aida Prima" von Aida Cruises, "Europa 2" von Hapag-Lloyd und die "Mein Schiff 3 bis 5" von TUI Cruises, die die Spitzenplätze im Ranking erreichten. Sie verfügen über SCR-Katalysatoren und verwenden zum Teil Landstrom oder Flüssig-Erdgas (LNG) im Hafen.

Für das alljährliche Nabu-Kreuzfahrt-Ranking hätten nicht die Reedereien selbst die Antworten geschickt, sondern ihr Verband Clia habe lediglich zusammengefasste Daten und oberflächliche Angaben zur Verfügung gestellt, kritisierte der Nabu-Leiter Verkehrspolitik Dietmar Oeliger in Hamburg. Clia Deutschland, der Verband der Kreuzfahrtindustrie, wies die Vorwürfe zurück. Zahlen seien falsch interpretiert worden, außerdem gebe es keinen wissenschaftlichen Standard für das Ranking, dessen Bewertungskriterien jährlich geändert würden.

"Aida Prima" noch immer ohne funktionierendes Abgassystem

Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller ist trotz mancher Fortschritte nicht zufrieden. "Seit Jahren verkünden die Reeder vollmundig, umweltfreundlicher zu werden", teilte er mit, außer PR-Texten komme jedoch kaum etwas Substanzielles in der Praxis an. Miller spricht von Greenwashing. Die Anbieter würden Unsummen für Bespaßung und den gastronomischen Service an Bord ausgeben, während sie beim Umweltschutz weiter sparten, "wo es nur geht". Darunter litten vor allem die Anwohner in Hafenstädten.

Auch der Sieger des Ranking sei kein Vorzeigeunternehmen: Trotz anderslautender Ankündigungen nutze die Flotte der Rostocker Reederei Aida Cruises weiterhin auch Schweröl, Rußpartikelfilter seien bisher noch auf keinem Schiff in Betrieb. Und auf dem Neuling "Aida Prima" - auf Platz eins des Rankings - sei das gepriesene Abgassystem auch ein halbes Jahr nach der Taufe noch nicht in Betrieb genommen. Vor den Feierlichkeiten in Hamburg hatten die Rostocker mit der neuen Technologie geworben, fahren aber seitdem mit Marinediesel, was gerade mal die gesetzlichen Vorgaben auf Elbe, Nord- und Ostsee erfüllt.

"Zurzeit laufen zahlreiche Tests und Kalibrierungen sowie der Zulassungsprozess", hat Aidas Umweltdirektorin Monika Griefahn vor Kurzem in einem Newsletter mitgeteilt. Das dreistufige System zur Abgasnachbehandlung, das die Emission von Rußpartikeln, Schwefel- und Stickoxiden der "Aida Prima" verringern soll, sei sehr komplex. Die Behörden der EU und des Bundes müssten für das weltweit "komplett neue System" noch "eine Vielzahl von Standards, gesetzlichen Rahmenbedingungen und Genehmigungsverfahren" zusammenführen.

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Im Schiffsbauch: "Aida Prima" und ihre Umwelttechnik

Immerhin: Die "Aida Prima" nutzt während ihrer Liegezeiten in den Häfen LNG zur Stromerzeugung. Und das einzige Schiff, das sich im Hamburger Hafen an die vor Kurzem eröffnete Landstromanlage anschließt, ist die "Aida Sol". Von den rund 40 Schiffen, die 2016 die wichtigste deutsche Kreuzfahrtdestination anlaufen, ist laut Nabu eine Handvoll theoretisch dazu in der Lage. Die Politik müsse stärker auf die Reeder einwirken, diese Energie bei vorhandenen Anschlüssen auch zu nutzen, auch wenn sie teurer sei als Marinediesel im Hafen, forderte Hamburgs Nabu-Vertreter Malte Siegert. Andernfalls sollten Strafen erlassen werden.

Der Einsatz schwefelärmerer Treibstoffe in der Schifffahrt auf Nord- und Ostsee seit mehr als einem Jahr hat nach früheren Erkenntnissen des Nabu erste Wirkung gezeigt: Die Luftschadstoffbelastung in der Region sei erheblich zurückgegangen. Seit Anfang 2015 dürfen Handels- und Kreuzfahrtschiffe sowie Fähren in Nord- und Ostsee nur noch mit einem Treibstoff unterwegs sein, der 0,1 Prozent Schwefel und nicht mehr 1,0 Prozent enthält. Alternativ müssen die Abgase über eine Waschanlage an Bord (Scrubber) gereinigt werden.

Nabu-Kreuzfahrtranking 2016

Platz Reederei Schiff Umweltmaßnahmen
1 Aida Cruises "Aida Prima" SCR-Katalysator, Rußpartikelfilter, LNG zur Energieversorgung im Hafen
2 Hapag-Lloyd "Europa 2" SCR-Katalysator, Landstrom, Schwerölverzicht während Fahrt in der Arktis
3 TUI Cruises "Mein Schiff 3/4/5" SCR-Katalysator, Scrubber wird auch außerhalb der SECA genutzt
6 Aida Cruises "Aida Sol" Verwendung von Landstrom im Hafen
6 Costa Cruises "Diadema"/"Fascinosa" Rußpartikelfilter
9 Hapag-Lloyd Kreuzfahrten "Bremen"/"Hanseatic"/"Europa" Schwerölverzicht während Fahrt in Arktis

Quelle: Naturschutzbund Deutschland

abl/dpa



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
herm16 29.08.2016
1. sollen jetzt die
Kreuzfahrten madig gemacht werden? Es muss jetzt mal diesen "Naturschützern" ein Riegel vorgeschoben werden. Umweltschutz muss sein, aber so nicht. Jetzt bringt sich der NABU in Position, klar, es lebt sich gut von Mitgliedsbeitraegen. Leute wacht auf, wir werden von diesen Leuten vera........ Es geht um Geld, viel Geld
quark2@mailinator.com 29.08.2016
2.
Immer wieder witzig, wenn Wirtschaftsunternehmen vorgeworfen wird, so konkurenzfähig wie möglich sein zu wollen. Wenn zwei Unternehmen sonst gleich sind, was passiert denn mit dem, welches "unnötig" Geld für Umweltfreundlichkeit ausgibt ? Mit "unnötig" meine ich, ohne zu erwartenden wirtschaftlichen Vorteil ? Früher oder später wird es vom effizienteren Unternehmen verdrängt. Im Rahmen der Marktwirtschaft liegt die Lösung in staatlich für alle verordneten Minimalverpflichtungen. Und die Unternehmen werden versuchen, diese zu minimalen Kosten zu erfüllen. Natürlich gibt es immer Unternehmer, die aus ethischen Gründen gewissermaßen freiwillig auf Gewinn verzichten. Aber langfristig werden solche Unternehmen im Schnitt eben weniger erfolgreich sein als andere - Seiteneffekte mal ausgeschlossen.
varesino 29.08.2016
3. Es war einmal
eine Hafenstadt, wie Hamburg, dort lagen immer viele Schiffe mit laufenden Diesel-Generatoren. Wieviel % dieser Schiffe sind Kreuzfahrtschiffe? Wenn der Schweroel-Betrieb ein Problem ist, dann ist er fuer alle Schiffe ein Problem. Ich halte den Kreuzfahrt Massentourismus auch fuer ein Problem, aber nicht wegen des Antriebs. Diese Naturschuetzer betreiben modernen Ablasshandel.
Alfred Ahrens 29.08.2016
4. Viel schlimmer sind noch die zusätzlichen Schäden und Folgeschäden,
nicht nur bei den besuchten Häfen, sondern diese massiven Busfahrten in abgelegenen Gegenden, der CO2-Ausstoss bei der Anreise durch Flugzeug, Bahn und Auto, die Umweltbelastung bei der Herstellung der Lebensmittel und Getränke an Bord, der Müll der von der zahlreichen Besatzung verursacht wird etc. Natürlich werden die Reeder versuchen, so kostengünstig wie möglich zu fahren und weisse Jacken und Hosen gehören in den Werbeprospekt, aber nicht an Bord (wegen der Rußflocken) ! Nur Segeln ist einigermaßen umweltfreundlich. Gute Reise !
Nania 29.08.2016
5.
Zitat von Alfred Ahrensnicht nur bei den besuchten Häfen, sondern diese massiven Busfahrten in abgelegenen Gegenden, der CO2-Ausstoss bei der Anreise durch Flugzeug, Bahn und Auto, die Umweltbelastung bei der Herstellung der Lebensmittel und Getränke an Bord, der Müll der von der zahlreichen Besatzung verursacht wird etc. Natürlich werden die Reeder versuchen, so kostengünstig wie möglich zu fahren und weisse Jacken und Hosen gehören in den Werbeprospekt, aber nicht an Bord (wegen der Rußflocken) ! Nur Segeln ist einigermaßen umweltfreundlich. Gute Reise !
Nur schnell zu den weißen Uniformen: Doch, die werden auch bei voller Fahrt an Bord getragen. Sicherlich sind Kreuzfahrten nicht umweltfreundlich, aber ich sehe schon den Wunsch danach, sie umweltfreundlicher zu gestalten. Dass das mit hohen Kosten verbunden ist und nicht von heute auf morgen passieren kann, sehe ich aber durchaus ein. Ich finde, Umweltschutzverbände sollten auch darauf achten, wann etwas angekündigt worden ist und wie lang es durchschnittlich dauert, bis eine Technologie dann auch zuverlässig eingesetzt werden kann.
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