Kreuzfahrten Show ahoi!

Nirgendwo knallt Kultur schöner als auf Kreuzfahrtschiffen. Und nirgendwo ist das Publikum dankbarer.

SPIEGEL ONLINE

Von Jörg Böckem und


Die Welt da draußen ist kontaminiert. Es ist ein kühler Sonntagabend im März 2011 auf dem Kai des Kreuzfahrtterminals von Istanbul. Jeder Passagier, der an Bord des sehr großen und sehr weißen Schiffs "Norwegian Jade" gehen möchte, wird gleich hinter der Gepäckdurchleuchtungsschleuse von einer freundlichen jungen Frau mit Plastiksprühflasche begrüßt.

Sie stammt von den Philippinen und nässt die Hände jedes Neuankömmlings mit einer durchsichtigen Desinfektionslösung. Auf der "Norwegian Jade", die am nächsten Morgen mit rund 2400 Passagieren und 1100 Schiffsbediensteten den Hafen von Istanbul verlassen und Kurs auf Malta nehmen soll, haben Bakterien und Keime keine Chance.

Nicht in den zwei Dutzend Bars und Restaurants mit ihren die Sinne verwirrenden, knallbunten Teppichen, an deren Eingang Kellnerinnen oder Kellner mit der Sprühflasche stehen, nicht in den Shops, an deren Türen Spender mit Desinfektionsflüssigkeit aufgestellt sind. Und auch nicht in den Bordshows des Schiffs im "Stardust Theater", in denen alles dafür getan wird, Schmutz und Schrecken der Außenwelt auf Abstand zu halten. Dort, in einem über drei Decks reichenden Riesensaal mit 1042 Zuschauersesseln, treten jeden Abend in zwei Shows Komiker, Illusionisten und Varieté-Künstler auf wie der niederländische Akrobat Rene Meyer.

Meyer jongliert mit Tellern, balanciert auf einer Leiter und zeigt tolle Muskeln. Dann sagt er, dass er aus einer alten Zirkusdynastie stamme und das Zirkuszelt gegen die Schiffsbühne getauscht habe, "um endlich ans große Geld zu kommen". Es ist als Scherz gemeint.

Ein paar Abende später sieht man zwei wunderschöne blaue Meerjungfrauen unter der Saaldecke hangeln, mit blauen Taucherflossen an den Beinen und blauem Korallenhut auf dem Kopf. Es sind zwei Mädchen aus Australien und den USA, sie gehören zu den Stars der phantastischen "Elements"-Show, die der Entertainment-Höhepunkt dieser Mittelmeerkreuzfahrt ist.

Strahlende und perfekt trainierte junge Frauen und Männer präsentieren einen blitzsauber choreografierten Mix aus Tanz, Zirkusartistik und Musicalschwelgerei - ein wildes Show-Sampling im Geist von "Cats", "Schwanensee" und Siegfried und Roy, allerdings ohne Tiger. Im praktisch bis auf den letzten Platz gefüllten "Stardust Theater" versetzt "Elements" die Zuschauer in einen Jubel, wie Künstler an Land ihn wohl nie zu hören kriegen.

"Gutes Essen, guten Service und dazu gute Shows"

Der Portugiese Armando Da Silva ist der Hotelmanager der "Norwegian Jade". Sein Bauchumfang wird nur vom Umfang seiner Erfahrung übertroffen. Er arbeitet seit 28 Jahren an Bord von Kreuzfahrtschiffen. Entertainment und Kultur würden im Konkurrenzkampf der Reedereien um dieses Jahr wohl 16 Millionen Passagiere (davon mehr als eine Million Deutsche) stetig wichtiger, sagt Da Silva. "Die Menschen wollen gutes Essen und guten Service, und dazu wollen sie gute Shows."

Dann gerät der Manager ins Schwelgen. "Wenn die Menschen sich eine Show ansehen oder im Pool schwimmen, mit Blick auf den endlosen Ozean, spielt es für eine kurze Zeit keine Rolle, dass da draußen die Natur und der Mensch eine Menge Verwüstungen anrichten", sagt er. "Wir geben ihnen das Gefühl, das Leben sei gut. Und die Welt ein wunderbarer Ort."

An Bord der "Norwegian Jade" gibt es keine Tageszeitungen. Auf den Fernsehbildschirmen in den Restaurants und Bars laufen in diesen Tagen ohne Unterlass die Schreckensnachrichten von Sky News und BBC. Bilder vom Beben und vom Tsunami in Japan, vom Atomkraftwerk in Fukushima. Von Börsianern, deren Spekulationen platzen. Und von jungen Arabern in Libyen und Bahrain, die gegen Despoten revoltieren. Doch die "Jade"-Passagiere beachten die Nachrichten meist nicht, die Gespräche drehen sich um den Bordalltag. All die Katastrophenmeldungen scheinen aus einer anderen Welt zu stammen.

So eine Kreuzfahrt sei im Grunde der schiere Wahnsinn, behaupten Tourismuskritiker. Tausende von Menschen legen gewaltige Entfernungen zurück, um überhaupt an Bord zu kommen. Sie schaukeln eine Weile auf dem Meer herum, gehen zwischendurch kurz an Land - und feiern, als ob es kein Morgen gäbe und kein CO2 und nicht den Ruß, den ihr Schiff in die Atmosphäre pustet. Man kann die mobilen künstlichen Paradiese auf See als bizarre Trugbilder geißeln, als Schiff gewordene Kitschmärchen, in denen sich alle die Welt schöner malen, als sie je sein kann.

Urlaub in der reinsten und radikalsten Form

Andererseits sind Kreuzfahrten Urlaub in der reinsten und radikalsten Form. Nirgendwo sonst wird, jenseits von Las Vegas, Kultur als Unterhaltung und Alltagsflucht so professionell und gewinnbringend eingesetzt wie auf Kreuzfahrtschiffen. Und möglicherweise findet sich nirgendwo sonst ein interessierteres, enthusiastischeres und dankbareres Publikum als hier.

Die Norwegian Cruise Line konzipiert ihr Show-Programm weitgehend selbst. Wie die Konkurrenz. Für die Aida wird das Amüsierpaket der Flotte vollständig durch die Firma "Seelive" in Hamburg geschneidert, die NCL produziert meist in Miami. Die Zeitung "USA Today" hat sie gerade in der Sparte "Entertainment" an die Spitze einer Hitliste gesetzt.

"Auf dem Markt herrscht ein großer Wettbewerb", sagt die Britin Karen Maybury Webb, die Unterhaltungschefin des Schiffs. Sie ist stets topelegant in einem engen schwarzen Kleid und Stöckelschuhen unterwegs. Die Arbeit auf den Schiffsbühnen, sagt sie, ziehe vor allem junge Menschen an, die abenteuerlustig und ungebunden sind. Mit ihren meist auf ein halbes Jahr datierten Vertrag sei die Branche längst einer der größten Arbeitgeber für Tänzer, Akrobaten und Musiker. "Gerade in diesen Tagen kriegen wir jede Menge Anfragen aus Asien, wegen der Katastrophe in Japan", sagt Karen Maybury Webb. "Viele Darsteller der Disney-Resorts nahe Tokio zum Beispiel wollen weg und bewerben sich jetzt für ein Engagement auf einem Schiff."

Die Vorstellungen im "Stardust Theater" sind zuverlässig gut gefüllt. Ein subventionsfreies Bühnenprogramm mit fast perfekter Sitzauslastung, das ist an Land eher die Ausnahme. Möglicherweise seien die Zuschauer weniger snobistisch als an Land, weil sie für die Shows nicht extra zahlen und nur ein paar Schritte laufen müssten, vermutet ein Artist. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Shows in Dauer und Anspruch niemanden überfordern. Tatsache ist: Die Passagiere begeistern sich für fast alles Dargebotene - und das besonders in Zeiten fürchterlicher Weltkrisen.

insgesamt 7 Beiträge
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satissa 04.04.2011
1. Abschalten
Zitat von sysopNirgendwo knallt Kultur schöner als auf Kreuzfahrtschiffen. Und nirgendwo ist das Publikum dankbarer. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,753785,00.html
Irgendwie scheinen die Leute begriffen zu haben, dass mit solchen Bildern ja nur Quote gemacht werden soll. Insofern haben Sie recht mit der Aussage "Bildern aus einer anderen Welt". Auch der Spiegel traegt seinen Teil dazu bei, die Qualitaet der Berichterstattung nach untern zu ziehen, Beispiel: Spiegel wirft die Herrscher in Bahrain und Libyen in einen Topf.
fatherted98 04.04.2011
2. Kreuzfahrten sind...
...der Gipfel westlicher Dekadenz. Saufen, fressen, nicht bewegen und sich von vorn bis hinten durch unterbezahlte Angestellte bedienen lassen...es fehlt nur noch das wir aus Umweltgründen eine Art Luxusgallere einführen auf denen dann die Wirtschaftsflüchtlinge aus Afrika rudern dürfen....bähhh.
Durruti100, 04.04.2011
3. Nirgendwo, ...
Zitat von sysopNirgendwo knallt Kultur schöner als auf Kreuzfahrtschiffen. Und nirgendwo ist das Publikum dankbarer. http://www.spiegel.de/reise/aktuell/0,1518,753785,00.html
... ausser im SPON, hält man Kreuzfahrt-Berieselungsprogramme für "Kultur". Peinlich!
Jonny_C 04.04.2011
4. Toll & Teuer - leider rauchfrei
Die ersten 3 Tage auf unserer Kreuzfahrt fanden wir spannend, (Schiff erkunden) und sehr unterhaltsam (Shows) und haben auch das wirklich gute Essen und den Service genossen..... Dann wurde es langweilig, und lästig wegen jeder Zigarette an Deck zu müssen, und das ewige Umziehen zum Essen. ;-) Da wurden die Landausflüge für uns zur wahren Erholung. Es war toll, es war teuer, wir haben es 1x gemacht, müssen es aber nicht nochmal haben. Trotzdem möchte ich das Erlebnis und die Erfahrung nicht missen. Wer es sich finanziell leisten kann der sollte es ausprobieren.
lenitas 04.04.2011
5. Umweltpolitisch vielleicht nicht korrekt, aber mehr als legitim.
Vielleicht ist ein Luxushotel genauso schädlich? Weiß ich nicht. Jedenfalls finde ich es nur gut, dass Kultur produziert und konsumiert wird. Besser als Glotze im Hotelzimmer oder saufen am Strand. Ich hätte Lust auf viele der Angebote: Gitarre, Geige Klavier live - herrlich. Was für eine Chance für unbekannte Künstler. Und es ist gut, wenn Menschen ihr Geld in Kultur und Unterhaltung stecken, statt in den nächsten Fonds. Auf meiner einzigen Kreufahrt ging die Turbine kaputt, die Mannschaft einschließlich Ärztin waren seekrank, das Schiff war nur halb fertig eingerichtet und die Heimfahrt war per Bus. Da es ein Schnäppchen war, war es lustig.
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