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Im Schiffsbauch: "Aida Prima" und ihre Umwelttechnik

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Kreuzfahrtschiff "Aida Prima" Sauber daneben

"Neue Maßstäbe im Umweltschutz" will die "Aida Prima" setzen, die am Samstag in Hamburg getauft wird - erstmals wird Flüssigerdgas genutzt. Doch Messungen von Umweltschützern ergeben: Das Schiff rußt.

Wenn die "Aida Prima" am Samstagmorgen in den Hamburger Hafen rauscht, beginnt ihr großer Tag: Das neue Flaggschiff von Aida Cruises wird am Abend während des Hafengeburtstags getauft. Gefeiert wird ein 300 Meter langes Resort-Hotel mit Beachclub, Klettergarten und Saunalandschaft. Ein Gefährt für bis zu 4200 Menschen, das mit bis zu 21,5 Knoten über die Weltmeere ziehen kann.

Und gefeiert wird ein Kreuzfahrtschiff, mit dem Aida Cruises "neue Maßstäbe im Umweltschutz setzen" will: Als Erste ihrer Art wird die "Prima" im Hafen mit dem sauberem Flüssigerdgas (LNG) betrieben, das als Treibstoff der Zukunft gilt. Auch unterwegs soll es das eigentlich so giftige Schweröl weitgehend frei von Emissionen an Rußpartikeln, Schwefel- und Stickoxiden verbrennen. Genau diese Schadstoffe sind es, die Häfen wie in Hamburg eine erhebliche Luftverschmutzung und den Küstenbewohnern Lungenprobleme und sogar Krebs bescheren. Verantwortlich dafür sind auch die Urlaubsdampfer.

Erfüllt sich der Traum von sauberen Seereisen? Hält die "Aida Prima", was die Rostocker Reederei verspricht? Umweltschützer meinen Nein. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) hat vor wenigen Tagen die Abgase der auf der Elbe vorbeiziehenden "Prima" gemessen und festgestellt: Sauber sind die nicht.

"Die Konzentration der ultrafeinen Rußpartikel in der Abgasfahne war massiv erhöht", sagt Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim Nabu. Die Werte von bis zu 160.000 Partikel je Kubikzentimeter hätten 150 mal über denen "sauberer" Luft und achtmal über denen im schon belasteten Hafengebiet gelegen. Sein Verdacht: Der angekündigte Rußpartikelfilter komme gar nicht zum Einsatz. Die Nabu-Leute sind enttäuscht - erhofft hatten sie sich mehr, als sie die "Aida Prima" im vergangenen Jahr an die Spitze ihres Kreuzfahrt-Umweltrankings stellten.

Zeitpunkt der Zulassung noch nicht abzusehen

Aida Cruises' Umweltdirektorin Monika Griefahn werden die Messergebnisse des Nabu nicht wundern. Ihr neues Vorzeigeschiff könne ihr angekündigtes neuartiges Abgasfiltersystem noch gar nicht nutzen, sagt sie selber. Der Grund: Die Technik, für deren Entwicklung der Mutterkonzern Carnival in den USA eigens eine Firma aufkaufte, habe von der Europäischen Union noch keine Zulassung für den Einsatz auf der Elbe.

Die Folge: Zurzeit verfeuert das Schiff zur Fortbewegung noch Marinediesel, wie Griefahn sagt, und das ohne Filter. Der Treibstoff ist zwar schwefelärmer als Schweröl und erfüllt damit die gesetzlichen Vorgaben auf Elbe, Nord- und Ostsee, hinterlässt aber ebenso schädliche Rußpartikel. Wenn sie erst einmal die Taue gelöst hat, ist die "Aida Prima" damit zurzeit genauso sauber oder dreckig wie jedes andere Kreuzfahrt- und Containerschiff, das Hamburg anläuft und keine weiteren Katalysatoren einsetzt.

Den krepierten Startschuss für das neue "Ökoschiff" hat die Aida-Reederei ihrem eigenen Pioniergeist zu verdanken - so stellt es das Unternehmen dar. Wann die EU-Behörden grünes Licht geben, "kann ich wirklich nicht einschätzen", sagt Griefahn, "das ist nicht von uns abhängig". Erst müsse die Anlage noch beweisen, dass das Waschwasser, das sie ins Meer abgibt, die Grenzwerte etwa für Schwermetalle einhält. Die Krux: Das Filtersystem kann erst in Betrieb genommen und getestet werden, wenn die "Prima" außerhalb der "Emission Control Areas" (Eca) unterwegs ist - also außerhalb von Nord- und Ostsee. Dort jedoch wird sie laut ihrem Routenplan vorerst nicht fahren.

Die Konkurrenz verspricht weniger

Der Naturschutzbund bleibt grundsätzlich misstrauisch, ob das Filtersystem überhaupt funktioniert. "Aidas Umweltstrategie existiert bisher nur auf dem Papier", sagt Oeliger. "Der Öffentlichkeit wird mit markigen Werbebotschaften eine Scheinwelt präsentiert." Die Umweltschützer fordern die Kreuzfahrtbranche schon lange zum völligen Verzicht von Schweröl auf - ob mit oder ohne Filter - und sehen, wie auch Experten vom Umweltbundesamt, die Zukunft im Einsatz von Marinediesel, kombiniert mit einem Rußpartikelfilter.

Landstromanschluss auf der "Aida Prima"

Landstromanschluss auf der "Aida Prima"

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Mehr versprochen hatte sich der Nabu auch von Aidas Ankündigung, die bisherigen zehn Schiffe bis 2016 mit der neuartigen Filteranlage und Landstrom-Anschlüssen nachzurüsten. Das geplante Investitionsvolumen: 100 Millionen Euro. Überarbeitet wurden in der Werft bis heute allerdings nur vier Urlaubsdampfer - und das auch nur zum Teil: Statt mit Scrubber (der Schwefel aus den Abgasen wäscht), SRT-Katalysator (der Stickoxide bindet) und Rußpartikelfilter - wie bei der "Prima" vorgesehen -, sind die überholten Schiffe laut Griefahn nur mit einem Scrubber-System unterwegs, das auch die Partikel zu einem großen Teil aus den Abgasen filtern kann.

Vorsichtiger mit Versprechungen und Innovationen ist Konkurrent TUI Cruises und mit seinen Neubauten - wie es zurzeit scheint - sauberer unterwegs als die Aida-Flotte. 2014 trat "Mein Schiff 3" mit einem kombinierten SCR-Scrubber-System zur Taufe in Hamburg an. Rußpartikel werden mit dieser Technik zwar auch nicht speziell entfernt, aber die Anlage läuft. Bald geht mit der "Mein Schiff 5" das dritte Schiff mit dieser Technik an den Start. Zurückhaltend ist TUI Cruises auch bei ihrer Entscheidung für LNG-Flüssigerdgas-Motoren. "Es gab zum Zeitpunkt des Auftrags unserer Neubauten, die in 2018 und 2019 kommen, und noch heute zu viele Unsicherheiten", sagt die Umweltmanagerin der Reederei, Lucienne Damm.

Null Emission im Hafen

Vielleicht wartet TUI Cruises darauf, dass der Marktführer Aida die Hindernisse aus dem Weg räumt? Die Herausforderungen sind groß: Zwar pendeln schon Flüssigerdgas-Fähren auf Nord- und Ostsee, für Kreuzfahrtschiffe aber gibt es bisher keine LNG-Infrastruktur in den Häfen, kaum LNG-Lieferanten, zu viele Regularien. "Ich hätte nicht gedacht, dass der Einsatz von LNG bei Schiffen so kompliziert ist", sagt Monika Griefahn. Nicht die Technik, sondern die Genehmigungen seien am aufwendigsten gewesen - für das Tanken mit Flüssigerdgas in den Häfen, für Schläuche, Schlauchverbindungen und Pumpen. "Das ist bisher eine nicht geübte Praxis."

LNG-Betankung in Southampton

LNG-Betankung in Southampton

Foto: Aida Cruises

Als erste Kreuzfahrtreederei hat Aida die "Prima" und das für 2017 Schwesterschiff "Perla" mit Dual-Fuel-Motoren von Caterpillar ausgerüstet, die auch das Flüssigerdgas verbrennen können. LNG-Tankwagen versorgen im Hafen die Schiffe über Schläuche. Zwei weitere Neubauten, bestellt für 2018 und 2020, sollen zudem LNG-Tanks an Bord erhalten. Sie könnten auch während der Fahrt auf Schweröl oder Marinediesel verzichten.

In den nächsten Wochen sollte die LNG-Logistik in allen Anlaufhäfen der "Prima" geklärt sein, verspricht Griefahn. In Southampton und Hamburg konnten Arbeiter, Feuerwehr und LNG-Tankwagenfahrer schon üben, auch hat die Umweltbehörde der Hansestadt das Betanken bereits genehmigt. Für die Hamburger, denen die "Aida Prima" nach der Taufe jeden Samstag vor der Nase liegen wird, ist die Umstellung auf Flüssigerdgas eine gute Nachricht. Immerhin 40 Prozent der Zeit verbringen Aida-Schiffe laut Griefahn am Kai. Auch wenn der Fahrbetrieb wegfällt, läuft der Hotelbetrieb im Ein- und Ausschiffungshafen auf Hochtouren.

Rußpartikel, Schwefeloxide und Stickoxide werden bei der "Prima", solange sie im Hamburger Hafen liegt, kein oder kaum mehr Thema sein. Allerdings vorerst nur, solange der Schalter der Treibstoffzufuhr auf "LNG" steht.

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